Annika T. - 1. Bericht aus Argentinien

Liebe Leserinnen und Leser,

Zunächst vielen Dank für eure Unterstützung und Interesse an meinem Auslandsjahr und Freiwilligendienst. Die ersten drei Monate sind jetzt vorbei und ich glaube ich muss nicht erwähnen, wie schnell die Zeit verflogen ist.
Stattdessen möchte ich von bisherigen Eindrücken und Erfahrungen, von Herausforderungen und Glücksmomenten und natürlich meiner Arbeit und dem Alltag in meiner Einsatzstelle berichten.
Ich arbeite montags bis freitags, von neun bis sechzehn Uhr im Tageszentrum für Menschen mit Behinderung der OTIUM-Stiftung. Hier werden unter der Woche ca. 40 Jugendliche und Erwachsene zwischen 20 und 70 Jahren mit unterschiedlich schweren geistigen und teilweise auch körperlichen Behinderungen betreut. Dabei werden viele kreative Workshops angeboten. Während der ersten vier Wochen haben meine Mitfreiwillige Alex und ich uns jede Arbeitsgruppe angeschaut um das Projekt kennenzulernen, wir haben uns schon von Beginn an aufgeteilt um jeweils unseren eigenen Platz zu finden.
Jeden Morgen finden ein Schreibworkshop, ein Design- und Gesaltungsworkshop, ein Gartenworkshop im großen Gewächshaus mit Topfpflanzen und einem kleinen Gemüsegarten-Projekt, ein Nähworkshop sowie ein Mosaikworshop statt. Die Menschen mit Behinderung haben hier ihren festen Workshop, konnten anfangs aber frei entscheiden wo sie sich wohl fühlen.

An den Nachmittagen, nachdem alle zusammen im großen Speisesaal gegessen haben, lösen sich die morgendlichen Arbeitsgruppen auf und der entspannter Teil des Tages beginnt. Die Nachmittagsangebote sind wochentagabhängig und auch keine Verpflichtung. Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Eindrücke; noch an den getakteten Ablauf und die Arbeitshaltung der deutschen Schulen gewöhnt, war ich überrascht, wie entspannt hier in den Tag gelebt wird.
An einigen Tagen gibt es zusätzliche sportliche und musikalische Angebote. Montags versammelt sich morgens eine ziemlich große Gruppe von mehr oder weniger Sportbegeisterten, um gemeinsam zu einem öffentlichen Sportplatz zu spazieren. Während ein paar es sich dort mit Keksen im Schatten gemütlich machen, spielen die anderen Basketball oder Fangspiele. Am Nachmittag probt die Theatergruppe mit ihren selbstgebastelten Marionetten. Erst letzte Woche gab es eine Aufführung mit Fluoreszenzfarbe in Schwarzlicht für die Eltern. Ich verbringe die Montage im kleinen Beauty-Workshop, dort werden Nägel lackiert, Haare gefärbt, Augenbrauen gezupft und Gesichter geschminkt.
Am Dienstag kommen nachmittags zwei Frauen um Folklore zu tanzen. Zeitgleich gibt es einen Lese-Workshop wo Geschichten vorgelesen werden, einige "Chicos", wie die Leute hier liebevoll genannt werden, zeichnen währendessen oder dösen vor sich hin.
Auch Musik spielt hier eine große Rolle, zwei Mal wöchentlich singt der Radio-Workshop morgens mit Mikrofon zu den Wunschliedern der Workshop Teilnehmer. Durch die Moderation der Leiterin und kurzen „Interviews“ bekommen die Stunden wirklich einen radio-artigen Charakter. Außerdem gibt es immer wieder Trommelstunden, einige Betreuer spielen in den Pausen und an Nachmittagen Gitarre und mittwochs kommt eine Mitarbeiterin zur Musiktherapie in Kleingruppen.
Donnerstag gehen viele ins Schwimmbad, bisher habe ich diese Gruppe aber noch nicht begleitet. Wenn der Sommer in den nächsten Monaten den wechselhaften Frühling ablöst, wird auch der Pool im hinteren Garten gefüllt und für Erfrischung und Bewegung bereit sein.
An den Freitagen findet mein Lieblingsworkshop statt: Plástico, hier wird gemalt - und zwar auf Stoff. Jeder hat sein eigenes Stoffstück, das über die Wochen immer bunter und durch die Acrylfarbe immer fester wird. Mich fasziniert wie jeder seinen eigenen Stil, Arbeitstechniken und Farbpräferenzen hat. Während einige mit so viel Farbe wie möglich großflächig lospinseln, erarbeiten sich andere komplizierte Muster. Ein Mann mit Autismus greift lieber zu Kugelschreibern als Pinseln und malt seine Blätter aus, bis sie komplett schwarz sind.
In den kreativen Arbeiten werden die unterschiedlichen Charaktere besonders gut sichtbar. Anfangs war ich ziemlich überwältigt von den vielen Menschen mit all ihren Persönlichkeiten und Besonderheiten.
Ich hatte vor Beginn meines Freiwilligendienstes noch nie mit Menschen mit Behinderung gearbeitet und aufgrund meiner mangelnder Erfahrung fiel es mir anfangs nicht leicht die Menschen einzuschätzen oder mit ihren Problemen umzugehen. Nach diesen drei Monaten kann ich zwar noch nicht sagen, dass ich mittlerweile alle kenne, aber zumindest die Leute aus dem Gestaltungsworkshop, in dem ich täglich mithelfe oder die in den gleichen Nachmittagsaktionen wie ich dabei sind, sind mir vertrauter geworden. Ich fange langsam an jeden einzelnen besser zu verstehen und kann besser einschätzen wie es ihnen gerade geht oder was sie brauchen. Mir gefallen die tägliche Abwechslung und neuen Herausforderungen sehr. Jeder einzelne scheint in seiner eigenen Welt zu leben, was manchmal genauso schön wie beängstigend sein kann.
Die meisten Behinderungen sind auf die kleinsten genetischen Veränderungen zurückzuführen und ich finde es unglaublich, dass so kleine Veränderungen im Gehirn in so anderen Wahrnehmungen der Realität resultieren. Für mich stellt das die Frage nach der Wirklichkeit und ob diese in ihrer Reinform existiert komplett auf den Kopf.
Ein junger Mann mit Down Syndrom aus meinem Work beispielsweise hat täglich Zusammenbrüche mit Heul- oder Wutanfällen, dann redet er davon, dass ihm ein Messer in der Brust steckt oder dass ein Körperteil kaputt ist. Meistens können wir ihm nicht wirklich helfen, weil er in solchen Momenten nur schwer mit Worten zu erreichen ist. An manchen Tagen lässt er sich von der Krankenschwester heilen indem sie seinen Blutdruck misst oder Tee vorbei bringt. Dann kann er ebenso plötzlich wie der Stimmungseinbruch kam wieder lachen und singen. Ich denke die Aufmerksamkeit, die die Menschen hier im Projekt bekommen ist neben der Beschäftigung mit Arbeitsaufgaben eines der wichtigsten Ziele der Einrichtung.
Es macht mich jedes mal glücklich, wenn mir jemand von seinem Zuhause erzählt, stolz eine Pflanze oder etwas Gebasteltes präsentiert und vor allem wenn sich jemand bedankt, dass man da ist oder auf anderem Wege seine freundschaftliche Zuneigung ausdrückt. Mit der Zeit erlebe ich solche kleinen Glücksmomente immer öfter. Für mich ein weiteres Zeichen, dass ich langsam wirklich angekommen, mich im Projektalltag eingefunden und vor allem auch Aufgaben für mich entdeckt habe. Natürlich lag es auch an meinen Spanischkenntnissen, dass ich im August noch eher Zuschauer als Akteur im täglichen Geschehen war. Mittlerweile ist mein Vokabular aber gewachsen und damit auch mein Arbeitseinsatz. Jetzt kann ich helfen, wenn wir in unserem Gestaltungsworkshop alte Konservendosen mit bunten Papierschnipseln bekleben, die dann anschließend als Stifteköcher o.ä. fungieren, alte Holzkisten bemalen oder andere Dinge, wie beispielsweise die Sitzbänke für die Marionetten der Theatergruppe basteln.
Ich helfe dann beim Verteilen der Materialien und schaue, dass jeder zurecht kommt und eine Aufgabe hat. In den Minuten, in denen es nichts zu tun gab, habe ich begonnen die Leute bei ihrer Arbeit zu zeichnen und Einzelne zu porträtieren. Zuhause habe ich dann Bilderrahmen aus längs halbierten Klopapierrollen gebastelt und mit ins Projekt gebracht, damit die Leute sie bemalen und bekleben können. Weil der Klopapierrollennachschub und auch meine Zeichnungen seine Zeit brauchen, handelt es sich um ein längeres Projekt, dem ich mich zwischendurch immer mal wieder widme.
Zudem haben Alex und ich geplant, jeden Dienstag  eine kleine Morgengymnastik Einheit anzubieten. Nächste Woche soll diese das erste Mal stattfinden und ich bin schon gespannt wie es laufen wird.
Die Teilnahme und Beteiligung an den Workshops ist immer freiwillig und so gibt es auch immer jemanden, der gerade keine Lust hat zu arbeiten. In solchen Momenten bin ich immer ganz froh über die Erfahrungen der Mitarbeiter, die es ab und zu schaffen auch die Unmotivierten mit in den Bastelprozess von Frühlingsdeko zu integrieren. Insgesamt werden die Aufgaben sehr individuell angepasst. Ein großer Fußballfan bastelt beispielsweise oft kleine Magnete mit den Zeichen, der einzelnen Mannschaften, ein Anderer hat in den letzten Wochen eine ganze Sammlung an Sommerkleidung  aus Karton gebastelt, weil ihn die Jahreszeiten so faszinieren.
An den letzten Tagen haben wir Protestblätter angemalt, die bei einer Demonstration in Buenos Aires, in langer Reihe aufgehängt werden sollen. Dabei geht es darum die Rechte der Menschen mit Behinderung zu schützen, denn die 2015 Neu gewählte Regierung, hat einige Sozialleistungen - erst von der letzten Regierungspräsidentin Kirchner eingeführt, wieder abgeschafft. Darunter leiden jetzt Einrichtungen wie das Tageszentrum der Otium-Stiftung, weil sie mit weniger Geld aus staatlicher Unterstützung auskommen müssen. Das betrifft auch den Fahrdienst, der die Menschen mit Behinderung zur Einrichtung und nach Hause bringt. An einer Demonstration des Behindertentransports haben auch ein paar Leute aus unserem Projekt mit gebastelten Plakaten teilgenommen. Es war schön zu sehen, mit was für einer Freude und Interesse am politischen Geschehen sich die Gruppe aufgemacht hat. Aus dieser Wissbegierde hat sich der Zeitungs-Workshop gebildet, dort liest einer der Teilnehmer einen Artikel aus der aktuellen Zeitung vor und anschließend diskutiert die Gruppe über die Thematiken oder die Betreuer erklären die Geschehnisse.


Insgesamt ist hier immer sehr viel los, wir haben in meinem Workshop schon einen Tagesausflug mit „Asado“ – typischen argentinisches Grillen gemacht, Alex und ich haben den Schreibworkshop auf einen Büchermarkt begleitet und wir waren mit einiger kleinen Gruppe Kaffeetrinken.


Ich freue mich schon darauf euch zu berichten, was in den kommenden Monaten passiert.

Liebe Grüße aus Córdoba! Y un abrazo!

Eure Annika