Annika T. - 2. Bericht aus Argentinien

Liebe Leserinnen und Leser!

Die Halbzeitmarke wurde diese Woche überschritten und wenn ich an die drei Monate seit meinem letzten Bericht zurück denke, dann fällt mir auf wie sehr sich mein Umfeld und meine Arbeit verändert hat. Von diesen Entwicklungen will ich jetzt berichten und nach der ausführlichen Projektbeschreibung in meinem ersten Schreiben, werde ich dieses Mal auch mehr auf meine Erfahrungen außerhalb meiner Arbeitsstelle eingehen.

Wie fühlt es sich mittlerweile an in Argentinien zu leben, immer mehr von der Kultur zu lernen? Wie sieht es mit der Sprache aus? Was sind meine aktuellen Herausforderungen, was beschäftigt und bewegt mich? Natürlich auch wie sich meine Arbeit im Projekt entwickelt hat, und wie ich meine Freizeit gestalte. Außerdem möchte ich ein bisschen über politisch aktuelle Themen schreiben, was die Grünen Tücher, die so viele an ihren Rucksäcken tragen bedeuten.

Ich kann natürlich nur meine subjektiven Eindrücke von diesem Land und seinen Menschen weiter geben, und will und kann auch für andere Bereiche keine Tatsachen aufstellen. Viel mehr soll euch dieser Bericht einen kleinen Einblick in meine letzten drei Monate geben und mir selbst zur Reflexion dienen.

In den letzten drei Monaten hat sich im Vergleich zu meiner Anfangszeit einiges verändert. Mittlerweile fühle ich mich hier fast wie Zuhause. Ich habe mich an die Fahrplan-losen Busse gewöhnt, trinke Unmengen Mate-Tee und habe gelernt Empanadas und Alfajores zu backen. Empanadas sind für Südamerika typische, gefüllte Teigtaschen. Während in Chile meistens schon eine Empanada eine üppige Mahlzeit darstellt, ist das Gebäck in Argentinien oft kleiner als meine Faust. Als Nachtisch muss dann natürlich ein Alfajor folgen. Zwei Runde Kekse aus Maisstärke, die mit Dulce de Leche gefüllt und Kokosraspeln bestreut werden. Ansonsten ist die argentinische Küche sehr fleischlastig. Ich stoße mit vegetarischen Essgewohnheiten zwar auf Akzeptanz und Interesse, aber von Verständnis kann ich in den meisten Fällen nicht reden. Gleichzeitig gibt es sehr aktive vegane Bewegungen wie „voicot“ oder „the save movement“, die u.a. Hauswände mit pinken Plakaten und Sprüchen wie beispielsweise „hasta que la ultima jaula este vacia“ (bis dass der letzte Käfig leer ist) schmücken.

Das ist nicht die einzige Form von Aktivismus, der hier im Alltag zu beobachten ist: Auf den Straßen werden dreieckige Tücher mit unterschiedlichen Bedeutungen verkauft. Diese bunten Akzente sieht man dann an Taschen, Handgelenken oder in Frisuren wieder. Bisher sind mir grüne, orangene, violette und hellblaue Tücher aufgefallen. Jede Farbe transportiert eine politische Botschaft. Die grünen „pañuelos“ stehen für die Legalisierung von Abtreibung und sind zusammen mit den Violetten, Symbol des Feminismus. „Ni una menos“ („nicht eine weniger“) nennt sich die feministische Bewegung mit den lilanen Tüchern, die für die Rechte der Frauen und gegen die Grundlagen der Ungleichheiten, Diskriminierung und Gewalt kämpft.

Die orangenen „pañuelos“ symbolisieren die Forderung nach einer Abstpaltung der Kirche vom Staat. Nach dem 2. Artikel „unterhält die Bundesregierung den katholisch-apostolisch-römischen Kultus“. Das bedeutet allerdings nicht, dass der katholische Glaube den Status einer Staatsreligion hat. Trotzdem fließt viel Geld in die Kirche. Geld, das an anderer Stelle, wie beispielsweise der öffentlichen Bildung fehlt. Ein Thema, das vor allem die Jugend betrifft. Unsere beiden Mitbewohnerinnen, beides Studentinnen, hatten im August während des Höhepunkts der Proteste zwei Wochen keine Vorlesungen, weil ihre Professoren für einen angemessenen Inflationsausgleich streikten. Auf den Straßen protestierten Studenten mit Plakaten und Sprechchören gegen die immer schlechter werdende Qualität des Unterrichts und für eine gründliche Bildungsreform.

Auch im Projekt berichten Mitarbeiter, dass seit dem Regierungswechsel im Dezember 2015 weniger Geld zur Verfügung steht. Die linksorientierte Vorgängerregierung unter Cristina Fernández de Kirchner startete Umverteilungsprogramme zugunsten der Armen, brach das Schweigen über die Militärdiktatur und investierte viel in eine neue Sozialpolitik. Allerdings gab es auch Korruptionsvorwürfe und die hohen Ausgaben sind nicht zuletzt mitverantwortlich für die hohe Inflationsrate. Der neue Regierungschef Mauricio Macri versucht Argentinien durch seine wirtschaftsliberale Politik aus der Inflationskrise zu führen. Aber wie bereits erläutert, stößt er mit seinem Vorgehen nicht überall auf Begeisterung. Ein weiterer Kritikpunkt an Macris Politik ist sein Umgang mit Argentiniens Vergangenheit. In der Zeit der Militärdiktatur 1976–1983 wurden schwere Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen begangen. Bis heute wurden diese nicht wirklich aufgearbeitet und Macri bemüht sich sogar um die Straffreiheit des Militärs.

Als Deutsche wurde mir schon öfter die Frage gestellt, wie eigentlich Deutschland mit seiner Vergangenheit, dem Nationalsozialismus umgeht. Wenn ich dann erzähle, dass das Thema ausführlich im Geschichtsunterricht behandelt wird, sind viele überrascht. Natürlich lassen sich die Ausmaße des Holocausts nicht mit denen der argentinischen Militärdiktatur vergleichen, die Verbindung liegt allerdings nahe.

Gespräche über diese Thematiken gestalten sich nicht zuletzt aufgrund der sprachlichen Barrieren schwierig. Zwar verstehe ich mittlerweile ziemlich viel, aber meine eigenen Gedanken oder abstrakte Dinge in Worte zu fassen ist manchmal noch herausfordernd. Trotzdem will ich meinen Fortschritt nicht übersehen den mir gerade die letzten Tage wieder vor Augen geführt haben. Auf Wunsch einer Frau aus einem Workshop im Projekt, habe ich mit ein paar Interessierten Alfajores gebacken. Zusammen haben wir die Bestellungen der anderen Projektbesucher aufgenommen und Notizen an die Eltern verteilt, denn der Plan lautete die runden Leckereien anschließend zu verkaufen. Nach dem gemeinsamen Ausflug zum nächsten Supermarkt konnte es endlich losgehen und so verbrachten wir die nächsten Tage damit 200 Kekse zu backen und befüllen. Neben der aktuellen Backaktion basteln wir in unserem Workshop zur Zeit alle möglichen Fastnachtsattribute. Eine Vielfalt an Masken ist bereits entstanden und eine große Piñata aus Pappmaché befindet sich im Arbeitsprozess. Erst vor kurzem haben die regulären Workshops wieder begonnen. Über den Hochsommer haben sich die wenigen Besucher, die nicht in den Urlaub gefahren sind oder Zuhause Ferien gemacht haben, in einer Arbeitsgruppe zusammengefunden. In den einzig klimatisierten Raum gequetscht, haben wir für jeden Workshop-raum einen Kalender gebastelt und mit Aquarelltinte aus alten Filzstiften gestaltet. Durch die kleinere Gruppe war die Atmosphäre sehr entspannt. In diesen Wochen habe ich auch wieder Zeit gefunden mit einzelnen Bilderrahmen für ein paar weitere Portraits zu basteln. Ein kleines Projekt, von dem ich bereits im ersten Bericht erzählt habe und das immer weiter wächst. An einem anderen Morgen kam ein Mädchen mit ein bisschen Karton zu mir und wollte unbedingt eine Lampe für ihr neues Zimmer basteln. Also haben wir gemeinsam eine Lampe gestaltet. Ich liebe die kreative Arbeit mit den Leuten und langsam haben sich auch diejenigen, die mir anfangs eher skeptisch gegenüberstanden an meine Anwesenheit gewöhnt. Ein Mädchen, das mich vor sechs Monaten noch mit ihren Ellenbogen vertrieben hat wenn ich in ihre Nähe kam, begrüßt mich jetzt immer strahlend und fragt mich nachmittags, ob ich ihr ein Bild zum Ausmalen zeichnen kann. Einige Herausforderungen sind natürlich trotzdem bestehen geblieben. Leider ist die Atmosphäre nicht immer so entspannt wie eben beschrieben. Drama steht in so einer großen Gruppe sozusagen auf der Tagesordnung. Es gibt ein paar Leute die sich gegenseitig nicht mögen oder schnell angegriffen sind und manchmal geht es sehr schnell und der ein oder andere wird handgreiflich. Bisher konnte aber noch immer rechtzeitig jemand eingreifen, sodass es noch zu keinen ernsthaften Verletzungen kam.

Vor der Sommerpause, im Dezember waren wir mit den Vorbereitungen des Jahresabschlussfestes beschäftigt. Dort hat jeder Workshop seine Arbeit der letzten Monate präsentiert, während Empanadas verkauft und eine Diashow gezeigt wurde. Unser Tisch war gefüllt mit bunten Teelichtern aus alten Konservendosen, bemalten Glasflaschen, den Bilderrahmen, Sterngirlanden und Origamiblumen. Der Abend hatte durch die Vorführungen des Radios und der Folkloregruppe im Kerzenlicht eine ganz besondere Stimmung und hat Eltern und fremden Besuchern das Gemeinschaftsgefühl der Einrichtung erfahren lassen.

Für mich war das der letzte Abend vor meinem ersten Urlaub. Nach Weihnachten, was Alex - meine Mitbewohnerin - und ich gemütlich zu zweit verbracht haben, bin ich nach Chile aufgebrochen. Dort habe ich andere Freiwillige besucht und Santiago erkundet. Über Silvester haben sich ziemlich viele Freiwillige, auch von anderen Organisationen, in Valparaíso getroffen, es war wunderschön ein paar vertraute Gesichter wieder zu sehen und sich über bisherige Erfahrungen auszutauschen.

Nach den zwei Wochen bin ich über Mendoza wieder zurück nach Córdoba gefahren. Ein bisschen hat sich das wie nach Hause kommen angefühlt. Alex und ich haben mittlerweile eine eigene Wohnung auf dem Kirchengelände. Weil es in der ersten Wohnung mit den beiden Studentinnen etwas eng wurde und mittlerweile noch eine neue Mieterin eingezogen ist, bin ich schon früher nach Nebenan gezogen, wo noch ein Zimmer frei war. Im Februar ist Iara, die besagte Wohnung bewohnte, für einen Freiwilligendienst nach Deutschland aufgebrochen und Alex ist zu mir gezogen. Die letzte Woche haben wir also damit verbracht, die neue Wohnung ein bisschen persönlich zu gestalten und den neuen Platz zu genießen. Ansonsten verbringe ich meine Freizeit mit Sport oder Mate im Park. Letztes Wochenende sind wir mit zwei Freunden nach Santa Fe gefahren, ein Freund hatte uns zu seiner Familie eingeladen um in seinem Dorf gemeinsam Karneval zu feiern. Zwischen Schaumschlachten und Imbissständen fand der Umzug, an dem ausschließlich Frauen mitliefen bzw. tanzten, statt. Sein Ende fand das Fest mit der Verbrennung einer Riesen-piñata morgens um fünf. Auch Córdoba hat einiges zu bieten, mich persönlich begeistern die wechselnden Kunstaustellungen in Museen und Kulturzentren immer wieder, der wöchentliche Kunsthandwerkmarkt oder saisonale Events wie das „Festival de Choripan“, das neulich stattfand. Dafür haben sich unzählige Imbissstände , die das typisch argentinische Fastfood verkaufen im großen Stadtpark platziert um ihre Sandwich-Hotdogs zu verkaufen. (Es gab sogar zwei Stände mit vegetarischen Choripan!!) Dazu spielten Cumbia-bands, deren Rhythmus die Argentinier nie müde zu werden scheinen. An machen Wochenenden wenn das laute Leben der Millionenstadt ein bisschen zu viel wird, fahren wir in die nahen Berge, wo es einige wunderschöne Badestellen und Wanderwege zu erkunden gibt. Genau das ist auch mein Plan für morgen, bevor ich nach den Karnevalfeiertagen die nächste Ladung Alfajores in den Ofen schiebe.

Ich hoffe ich konnte mit diesen Seiten einen kleinen Einblick in meinen Alltag erschaffen. Ich bin schon gespannt was ich in meinem nächsten Bericht zu erzählen habe und wünsche Euch allen bis dahin eine gute Zeit!

Vielen Dank für euer Unterstützung und das Interesse an meinem Freiwilligendienst!

 

Liebe Grüße aus Córdoba

Eure Annika