3. Bericht

Neuigkeiten vom anderen Ende der Welt! Ich hoffe es geht euch allen gut!

Mein letzter Rundbrief liegt schon eine Weile zurück und in den vergangenen Monaten ist so einiges passiert, von dem ich nun gerne berichten will. Hier färbt die Abschiedsstimmung die letzten Tage schon langsam ein bisschen nostalgisch. Die ersten Abschiede haben schon stattgefunden, weil Alex, meine Mitbewohnerin nächste Woche zurück nach Deutschland fliegt. Ich muss erst in einem Monat meinen Koffer packen, aber daran will ich jetzt noch nicht denken. Was mein Zeitempfinden betrifft kann ich mich den Erfahrungen und Berichten meiner Vorgänger nur anschließen. Während mir das erste halbe Jahr wie eine endlose Ewigkeit vorkam, frage ich mich gerade wo eigentlich die letzten fünf Monate geblieben sind. Aber das ist ein gutes Zeichen, weil es davon zeugt, wie erfüllt von schönen Momenten und neuen Abenteuern die letzten Wochen waren. Irgendwann in den vergangenen Monaten seit Februar und meinem letzten Brief bin ich wohl erst richtig angekommen. Erschreckend spät aber dieser Prozess war für mich so vielschichtig, dass es einfach seine Zeit brauchte.

Mittlerweile aber ausreichend sprachgewandt und orientierungsfähig in der Stadt unterwegs, ist Córdoba zu einem Zuhause geworden. So ist es jetzt deutlich einfacher als es mal war, kulturelle Veranstaltungen und schöne Orte zu finden, denn Google ist hier weniger hilfreich wenn es um Informationsbeschaffung zu Unternehmungsmöglichkeiten geht. Tipps oder Empfehlungen wandern mündlich von Kreis zu Kreis oder sind auf Instagram und Co. zu finden. Glücklicherweise habe ich mittlerweile gute Freunde gefunden mit denen sich wiederum die richtigen Orte finden. Zum Beispiel gibt es in Güemes, dem artistischen Bar - & Caféviertel ein Teehaus, dass seine hübsche Dachterrasse freitags in ein kleinem Kino verwandelt. Oder das Kulturzentrum, das immer wieder neue und alte Bands und Musiker mit einer Dokumentation und anschließendem Musikhören-in-Dunkelheit vorstellt. Auch so hat die Studentenstadt musikalisch einiges zu bieten, oft findet man spontan die besten Künstler in kleinen Bars oder auf der Straße bei kleinen Konzerten und so werden ungeplante Abende zu wunderschönen Erinnerungen. 
Erst vor ein paar Wochen trat eine Pink Floyd-Tributeband in einem zum Club umfunktionierten alten Theater auf. Und neulich habe ich mit ein paar Freunden ein Klassikkonzert von einem kleinen Orchester im zentralen Theater besucht. 
Neben der vielen Musik hat mich besonders das „Festival vegano“ im Juni begeistert, der vegane Markt hat  mit Vorträgen, Informationsständen und allerlei Leckereien für ein Wochenende den „Buen Pastor“ eine ehemalige Kirche und aktuelles Kulturzentrum gefüllt. Die vegane Szene in Córdoba scheint zwar auf den ersten Blick recht überschaubar zu sein, aber wer sucht findet immer wieder kleine Läden oder Privatpersonen, die einen Lieferdienst mit hausgemachten Produkten betreiben. Allerdings steht man hier im ersten Moment wieder vor der selben Hürde der Informationsbeschaffung.. 
Ein anderes bewegendes kulturelles Ereignis war der Tag der Erinnerung an die Wahrheit und Gerechtigkeit, der hier am 24. März gefeiert wird.
An diesem Tag soll an die vielen Opfer der Militärdiktatur gedacht und gleichzeitig Aufklärung Gerechtigkeit für ihre Familien sowie ein Aufarbeitung und Rechenschaft für die Verantwortlichen verlangt werden.
Die siebenjährige, rechtsgewandte und ultranationalistische Diktatur ist erst seit 36 Jahren Geschichte und endete im Chaos einer Wirtschaftskrise. 1983 zerbrach die absolute Macht des Militärs an der Niederlage gegen England im Krieg um die Falklandinseln und dem damit einhergehenden Verlust des gesellschaftlichen Rückhalts. Zu diesem Zeitpunkt wurden bereits ca. 30.000 Verschwundene gezählt, die vom Militär verschleppt und prozesslos inhaftiert und systematisch gefoltert wurden.

Zu Beginn dieses Jahres haben wir in Buenos Aires die Gedenkstätte in dem ehemals größten  Geheimgefängnis ESMA besucht. Ungefähr 5.000 Menschen wurden dort gewaltsamst ihrem Leben entrissen, darunter viele schwangere Frauen, deren Kinder nach der Geburt an regimetreuen Familien vergeben wurden während ihre Mütter ermordet wurden. Trotz der zeitlichen und räumlichen Nähe dieser Taten ist es mir fast unmöglich sie in ihrer gesamten, abscheulichen Absurdität zu begreifen. Dennoch liegt der Schrecken dieser unzähligen Menschenrechtsverletzungen dort noch immer Luft und es ist fast so, als würde im Herzen des bunten und lauten Buenos Aires eine dunkle und stille Welt pulsierend an die Vergangenheit erinnern und mahnend über die Zukunft wachen.

Aber zurück zur Aufarbeitung und der aktuellen Lage. Bereits 1835 fanden unter der ersten wieder demokratischen Regierung mit Raúl Alfonsín die ersten Prozesse statt. Verurteilt wurden aber nur Mitglieder der ersten zwei, von insgesamt vier Junten. Und dabei blieb es auch erstmal, da der Druck von Seiten des Militär die Aufarbeitung einzustellen zu groß wurde um weitere Prozesse einzuleiten. Trotz der Angst der Bevölkerung vor einem erneuten Militärputsch kam es zu Massendemonstrationen, doch die Bemühungen der Regierung galten erst mal der Widereingliederung des Militärs in den Staatsapparat. So kam es zu zahlreichen Begnadigungen und zwei Gesetzten, die eine Anklagefrist und die Entlastung der unteren Militärränge aufgrund der Gehorsamspflicht beinhalteten. Erst 2003 wurden die Begnadigungen von der neuen Regierung mit Nestor Kirchner und später seiner Frau Christina Kirchner wieder aufgehoben. Weitere Prozesse fanden erst ab 2010 statt. Aber mit der aktuellen Regierung von Macri steht die Aufarbeitung wieder weitgehend still. Doch auch wenn die Regierung nicht mehr über die Vergangenheit reden will, die Bevölkerung hat nicht vergessen was ihr angetan wurde. Darum gehen am 24.März so viele Menschen auf die Straße. Und dieses Jahr war auch ich Teil dieses kulturelle Ereignisses.
Für den Nachmittag war eine Parade unterschiedlicher sozialen Parteien und Vereinen angekündigt. Mit unserem deutschen Pünktlichkeitsverständnis, waren Alex und ich um fünf vor Ort ...in einer menschenleeren Straße! Doch als sich nach ungefähr zwei Stunden eine gewaltige Menschenmasse formierte, die langsam, bunt und laut durch die Innenstatt demonstrierte, war ich mal wieder überrascht von der unglaublichen Kreativität und lebensfeiernder Energie der Argentinier. Da waren die unterschiedlichsten Tanzgruppen, von Tango bis zu wilden, mir unbekannten Gruppentänzen; Leute mit Plakaten, Fahnen und Fackeln; Theatergruppen, als die Opfer inszeniert und laut um Hilfe schreiend. Es gab Musikgruppen und kleine Blaskapellen ..insgesamt ein bunter Zug der kein Ende zu haben schien - begleitet von Studenten und Familien.
Diese ausgelassene Lebensfreude gehört definitiv zu den Dingen, die ich gerne mit nach Deutschland nehmen würde.

Letzte Woche hatten wir unsere letzte Tagung mit allen 60 Freiwilligen, die zur Zeit in Argentinien, Uruguay und Paraguay von der Iglesia del Rio de la Plata betreut werden. Während der fünf Tage im wunderschönen Misiones hatten wir Zeit das letzte halbe Jahr zu reflektieren sowie über den kommenden Abschied und die bevorstehende Anfangszeit in Deutschland nachzudenken. An einem Nachmittag sollten wir uns Gedanken über die Dinge machen, die wir hier gelernt und in unseren Köpfen und Herzen mit nach Hause nehmen werden. Neben eben dieser lebensfrohen Energie und Motivation sich kreativ auszuleben soll das für mich auf jeden Fall auch die gelassene Gastfreundschaft sein, die die Menschen hier so liebenswürdig macht.

Wie eben vom Beginn des „Dia de la memoria“ berichtet, herrscht hier ein etwas anderes Pünktlichkeitsverständnis. Während mich das anfangs ironischerweise gestresst hat, ist die entspannte Einstellung mittlerweile auch bei mir angekommen. Ich sehe in diese Gelassenheit eine enge Verbindung zur Gastfreundschaft, denn wann immer ich eingeladen wurde, sei es geplant oder spontan geschah es auf eben diese unkomplizierte Weise. Dazu fällt mir das spanische Wort „compartir“ ein, „etwas teilen“ und damit der Ausdruck „compartir el tiempo“; wo wir im Deutschen „gemeinsam Zeit verbringen“ „teilt man“ im Spanischen seine Zeit. Der Unterschied scheint erstmal nicht groß zu sein, aber ich habe es in den letzten Monaten als grundlegende Mentalität der Argentinier erlebt, dass im Mittelpunkt des Zusammenlebens das Gemeinsam-sein und teilen steht. Der Mate als allgegenwärtiges Getränk, der davon lebt gemeinsam im Kreis getrunken zu werden spricht hier eigentlich schon für sich.

Eine andere Sache, die ich gerne mit nach Deutschland nehmen würde, ist das neue Bewusstsein, dass ich hier entwickelt habe. Bewusstsein für mein Umfeld und globale Zusammenhänge durch meinen erlebten Perspektivwechsel und Horizonterweiterung. Bewusstsein für mich selbst, die Verantwortung, die ich für meine Stimme und den Einfluss auf mein Umfeld habe. Bewusstsein für die Menschen um mich herum und was sie mir geben; für Dankbarkeit, weil so vieles was ich erfahren durfte nicht selbstverständlich ist und Dankbarkeit sich für mich als Schlüssel zurück in die Gegenwart gezeigt hat, wenn meine Gedanken mal wieder in die Zukunft rasen oder in der Vergangenheit hängen bleiben. Nicht zuletzt auch Bewusstsein für mich selbst in Form von Selbstbewusstsein, durch die erlangte Selbstständigkeit und andere Bereiche in denen ich gewachsen bin.

Zu dieser Entwicklung hat natürlich auch meine Einsatzstelle erheblich beigetragen. Zur Zeit ist es hier ziemlich ruhig, weil viele den Winter mit ihren Familien verbringen und auch einige Mitarbeiter im Urlaub sind. So verbringen wir die Morgende in Kleingruppen im Gebäude. Die letzten Tage haben wir Glasflaschen an-, und Mandalas aus-gemalt. Wenn die Sonne scheint, verbringen wir die Nachmittage oft mit Gitarre und Mate draußen im Garten.

Doch trotz der aktuellen Ruhe erinnere ich mich natürlich trotzdem noch an all die Dinge, die seit meinem letzten Bericht Geschehen sind. Im Februar haben wir hier in der Einrichtung Fastnacht gefeiert. Dazu haben wir die Wochen zuvor Masken aus Karton, bunte Umhänge und eine riesige Piñata gebastelt. An der Feier wurde getrommelt und Folklore getanzt. Insgesamt ein bunter Trubel samt Polonaise und Mehlschlacht.

Von einem Fest zum nächsten… anlässlich zum Geburtstags eines Jungen Mannes in meinem Workshop hat und seine Familie zu sich nach Hause eingeladen. Also sind wir in einem großen Transporter ins Nachbardorf gefahren um in seinem Garten „Choripanes“ zu essen und Geburtstagslieder zu singen. Choripanes sind mit aufgeschnittenen Würstchen und einer Auswahl an Saucen und Gemüse belegte Brötchen. Ein schnelles Essen, was auf fast jeder Feier und Straßenecke zu finden ist.
Zu dem Geburtstags“kind“ habe ich mittlerweile die engste Verbindung aufgebaut. Schon von Anfang an haben wir immer viel zusammen gearbeitet, was nicht immer ganz leicht war, weil mir zu Beginn die Erfahrung in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung im Allgemeinen und ihm im Speziellen gefehlt hat. Seine beinahe täglichen und  fast theatralischen Stimmungseinbrüche haben mich zu Beginn an meine Grenzen gebracht und können heute noch anstrengend sein. Es gibt Tage, da ist es fast unmöglich ihn aus seiner Gedankenwelt herauszuholen, wenn er beispielsweise mit einem imaginären Messer in der Brust in einer Ecke kauert oder vor Angst nicht mehr aufhören kann zu weinen. Als ich nach einer Woche Urlaub wieder zur Arbeit kam, hat ihn meine Abwesenheit so wütend gemacht, dass er mich  in einem Schwall an Beschimpfungen für seinen ganzen Schmerz und überhaupt alles Böse der Welt verantwortlich gemacht. Doch so aufgewühlt wie er sein kann, genauso liebenswürdig ist er auch wenn er ausgeglichen ist. Dann wird getanzt, gesungen und ohne Ende gelacht; Komplimente und Umarmungen verschenkt und neue Pappmappen gebastelt.
Zu einem anderen Geburtstag habe ich an einem Vormittag den Garten-Workshop in ein nahegelegenes Café begleitet. Um dieses Mal einen Wutausbruch zu vermeiden habe ich mich, nach dem Ratschlag einer Mitarbeiterin mit der Entschuldigung nur kurz aufs Klo zu gehen aus meiner Gruppe verabschiedet. Seine Begrüßung und Freude dass ich „vom Klo“ zurück bin, war so herzlich, dass es alle früheren Beschimpfungen wieder wett gemacht hat.

 Aber natürlich hat auch der Arbeitsalltag seine Fortsetzung geschrieben. So habe ich weiterhin viele alte Zeitschriften aus der Sammlung eines älteren Mannes aus meiner Gruppe repariert, Liederlichen geschrieben, die mir ein anderer Junge diktiert hat oder Ausmalbilder vorgezeichnet. Zwischen all den Dingen habe ich auch endlich die Zeit gefunden meine kleine Portaitreihe mit den Leuten aus meinem Bastel-Workshop fertig zu stellen. Jetzt ziert eine Reihe bunter Bilderrahmen unseren kleinen Arbeitsraum. Auch sonst hat sich die Deko der Jahreszeit entsprechend gewandelt. Für einige Tage war ich mit einem besonders Wetter-begeisterten Mann damit beschäftigt bunte Herbstblätter zu basteln. Für mich war das ein kleiner Erfolgsmoment, weil er normalerweise eher schwer zu motivieren ist und lieber bloß am Rand sitzt wenn alle anderen arbeiten.

Mittlerweile hat er die bunten Blätter bereits gegen weiße Winterwolken eingetauscht und auch unsere kollektive Arbeit, die Erneuerung des Radiotisches und die neue Bemalung einer großen Holzkiste verändern das Bild in unserem Workshop. Für den Tisch und die Küste habe ich verschiedene Vorlagen gebastelt mit denen die Damen und Herren unserer Gruppe neue Muster auf das alte Holz malten.

Die letzten Wochen waren besonders schön für mich, weil mich das Wisse um die begrenzte Zeit alles nochmal intensiver erleben, mehr genießen und vor allem wertschätzen lässt. Dazu  möchte ich diese Gelegenheit nutzen und mich bei allen bedanken , die mir dieses Jahr ermöglicht haben. Dazu gehört jeder einzelne, der diesen Bericht liest und Teil des Unterstützerkreises für das Projekt und meinen Dienst ist. An das GAW und alle seine Mitarbeiter, sowie die Organisation der Iglesia del  Rio de la Plata, die sich hier vor Ort unsere Ansprechpartner sind. Nicht zuletzt auch meinen Eltern, die mich in meinem Tun und Werden unterstützen. Danke!