4. Bericht

Willkommen zurück!

Mit dem Kopf voller Erinnerungen an die vergangenen Monate sitze ich jetzt wieder in Deutschland auf meinem alten Bett um gemeinsam mit euch all das Erlebte ein wenig zu reflektieren. Die letzten Wochen und erste Zeit Zuhause waren auf unterschiedlichste Weise ziemlich intensiv. So viele Gefühle und Eindrücke, die ich aus Südamerika mitgebracht habe sind hier auf eine Wucht an neuen Empfindungen und Wahrnehmungen gestoßen, sodass ich meine Gedanken erstmal entwirren und selbst verstehen muss.

Dazu eignet sich so ein bisschen schreiben doch bestens, hoffen wir also, dass es mir gelingen mag und ihr viel Spaß beim Lesen habt!Ich denke ihr erinnert euch trotz der großen Zeitabstände meiner Briefe noch daran, dass ich in Córdoba gemeinsam mit Menschen mit Behinderungen in dem Bastelworkshop eines Tageszentrums gearbeitet habe. Gewohnt habe ich in einer Studenten- und Freiwilligen-WG auf dem Gelände der Iglesa evangelica del Río de la Plata. Es ist fast unmöglich das ganze Jahr auf einen Absatz herunterzubrechen, ich kann aber sagen, dass es mitsamt dunkleren Phasen, schönen Erlebnissen, Abenteuern und neuen Freundschaften eine prägende Zeit war, an der ich gewachsen bin und an welche ich immer gern zurückdenken werde. Rückblickend betrachtet, gibt es eine Menge an besonderen, lustigen oder berührenden Momenten, die dieses Jahr zu dem gemacht haben, was es ist. Diese Begegnungen und Begebenheiten waren es, die mich aus meiner zu Beginn, fast schon depressiven Phase geholt haben. All die Herausforderungen und neuen Lebensumstände, die gefühlte Einsamkeit, die Frustration, die sich mit jeder Kommunikationsbarriere langsam eingeschlichen hat, die Schwierigkeiten auf der Arbeit und nicht zuletzt der fehlende Rückzugsort Zuhause führten mich in zunächst in hoffnungslose Wochen, voller Selbstzweifel und Antriebslosigkeit. 

Doch als mit dem verstreichen der ersten Monate das Bewusstsein für diese unglaubliche Möglichkeit, die da vor mir lag langsam wuchs und auch mein Spanisch immer sicherer wurde, färbte sich meine Stimmung lebensfroher und meine Einstellung wieder motivierter. Mein Verhältnis zu mir selbst wurde schöner und damit auch das zu meiner Mitfreiwilligen und inzwischen sehr guten Freundin Alex. Gemeinsam hatten wir einige gemütliche WG-Abende mit selbstgekochten Speisen und guten Gesprächen. Ich erinnere mich noch gut an einen kleinen und glücklichen Realisationsmoment, in der Hängematte in unserem kleinen Garten. Dort fiel mir zum ersten Mal auf wie sich mein Spanisch beinahe sprunghaft verbessert hatte, ich mich auf der Arbeit bereits mehr wie ein Teammitglied fühlte und ein paar kleine Aufgaben übernommen habe und ich mich darüber hinaus schon komplett an den neuen Lebensrhythmus mit kochen, waschen, einkaufen und putzen gewöhnt hatte. In der Zwischenzeit habe ich mich auch von anfänglich komischen Freundeskreisen distanziert und wirklich gute Freunde gefunden. Es ging also zweifelsfrei bergauf und noch dazu hatte ich eine Menge gelernt. Und zwar in erster Linie über mich selbst. Dabei spielt Selbstständigkeit eine große Rolle - selbsterklärend nach einem Jahr alleine wohnen. Doch über diese oberflächliche Betrachtungsweise hinaus bedeutet selbstständig-sein für mich auf seine eigene Stimme hören, zu seiner Meinung zu stehen. Auf sich selbst und seine Gedanken aufzupassen. Sich als Person zu schätzen und das eigene Verhalten zu reflektieren. Auch von meiner Arbeitsstelle und den Menschen, mit denen ich dort täglich zusammengearbeitet habe, habe ich eine Menge gelernt. Denn das Basteln von Schneeflocken, Basketballspielen und Fingernägel lackieren hat eine zentrale Gemeinsamkeit: es braucht Geduld. Mit der Zeit hat der innere Drang, meine Lösungsart durchzusetzen, einer gewissen Gelassenheit Platz gemacht. Nicht das Ergebnis ist es das zählt. Auf den Prozess kommt es an. Diese Erkenntnis kam mir nicht nur auf der Arbeit zugute, sondern auch für meine privaten kreativen Arbeiten.

Auch auf (entwicklungs-) politischer und interkultureller Ebene hat sich meine Denkweise und Verständnis durchaus weiterentwickelt. Gerade mit dem aktuellen Kulturschock „Deutschland“ äußert sich mein geschärftes Bewusstsein für unseren unverhältnismäßigen Lebensstandard in einem absurden Gefühl von Surrealität. Als ich im August 2018 durch die Straßen Buenos Aires´ lief ist mein zuvor kindlicher Alles-Wird-Gut-Optimismus einer realistischeren aber auch hoffnungsloseren Weltsicht gewichen. Zumindest was das Erreichen komplizierter oder nahezu utopischer Ziele wie dem Aufhalten der Klimaerwärmung oder ein Ende der Hungerkrise betreffen. Mit der Überwindung dieser Pessimismus-phase kamen mir immer mehr Möglichkeiten mein eigenes Leben nachhaltiger zu gestalten. Zusammen mit meiner Mitbewohnerin haben wir uns also bemüht weniger Müll zu produzieren, haben unser Kaufverhalten auf das nötigste reduziert und sie hat sogar ein paar Beete und einen Kompost in unserem Garten angelegt. So manifestierte sich langsam das Gefühl, dass es sehr wohl Möglichkeiten gibt etwas zu einer besseren Welt beizutragen.Jetzt laufe durch die sauberen Straßen von Freiburg, sehe diesen ungehaltenen, unüberlegten und im Grunde ungebrauchten Konsum, wie unser europäischer Luxus Normalität zu sein scheint und Gier und Egoismus zu oft siegen. Ein hartes Urteil, aber das waren meine ersten Gefühle und Eindrücke der ersten Wochen. Mittlerweile ist - wie vor einem Jahr in Südamerika - mein Glaube an die Menschheit wieder etwas gewachsen und die Aussichtlosigkeit ist wieder Motivation gewichen. Trotzdem ist das Bewusstsein für unsere eurozentrische Denkweise, das Erkennen der postkolonialen Strukturen und ein Umwandeln derselben wichtiger als wir denken. 

Und überhaupt ein bisschen mehr Liebe bitte!

So kommen wir jetzt zu den positiven Momenten, die dieses Jahr nachhaltig geprägt haben. Insgesamt hat mein dortig aktuelles Lebensgefühl diese „Auslandserfahrung“ für mich ausgemacht. Eigentlich missfällt mir bereits die Bezeichnung, weil sie mir so beschränkend scheint. Viel mehr als nur ein Land habe ich seine Kultur, Menschen und mich selbst erfahren. Ganz entscheidend stand der kreative Prozess als Verarbeitungs-, Ausdrucksmöglichkeit oder einfach nur Spaß im Zentrum meiner Tätigkeit beziehungsweise Erfahrung. Das Gefühl ohne Erwartungsdruck künstlerisch aktiv zu sein, das Ergebnis zu akzeptieren, verstehen und mögen, war auf diese spezielle Weise neu und gleichermaßen erfüllend wie lehrend.

So zählt die Kreativität, die in uns allen steckt, die damit verbundene Auseinandersetzung mit sich selbst und folgende Entwicklung zu einem der prägendsten Aspekte. Damit sind für mich unzählige kleine Glücksmomente verbunden. 

Und zwar als Resultat aus der Begeisterung für eben beschriebene Prozesse. Für mich geht es bei Kunst im allgemeineren Sinne um Begegnung.

Den Menschen mit Behinderung auf dieser Ebene zu begegnen war sehr interessant, weil ich mich so oft selbst in dem ein oder anderen wiedererkannt habe. Der neue politisch korrekte Titel, der in unserer Einrichtung gerade aufkam während ich dort gearbeitet habe, ist „Mensch in einer Situation der Behinderung“. Jeder einzelne von uns ist in einer Situation durch seine individuellen Fähigkeiten mehr oder weniger „behindert“. Und das Interessante an der Sache ist, dass man selbst so oft blind für die eigenen, offensichtlichsten Umstände ist.    

So finde ich kleine und größere Perspektivwechsel von Zeit zu Zeit unglaublich wichtig um nicht im Alltragtrott einzurosten. Ich denke unterm Strich ist es das was ich für mich aus diesem Jahr niemals verlieren möchte. Die Offenheit für neue Menschen und fremde Situationen. Der Mut neues zu wagen und das Selbstvertrauen mit den unbekannten Umständen umgehen zu können.

Und außerdem natürlich das wohlige und manchmal schmerzhafte Fernweh mit dem warmen Wissen um ein zweites Zuhause. 

Mit diesen Worten möchte ich meinen letzten Bericht abschließen. Ich bedanke mich für eure Begleitung über das Jahr hinweg und freue mich Euch alle wieder zu sehen! 

Un abrazo fuerte!!

Eure Annika