Helen B. - 1. Bericht aus Valdivia

¡Hola!

Hallo liebe Familie, Freunde und Unterstuetzer,

seit drei Monaten bin ich hier in Chile und mache meinen Freiwilligendienst in einem Kindergarten und einer Kindertagesstaette der Iglesia Luterana (Lutherische Kirche) von Valdivia. Mein erster Bericht steht an, die Zeit verging wie im Flug und ich kann kaum glauben, dass 1/4 meines Freiwilligendienstes schon vorbei ist.

Erste Zeit in Santiago

Auf dem Aussichtspunkt "Cerro San Cristóbal" mit Freiwilligen von anderen Organisationen.

Wunderschoen angemalte Haeuser im Viertel "Bellavista"

Mit den anderen fuenf Freiwilligen, die auch nach Chile ausgesendet wurden,  ging es von Frankfurt aus nach Santiago de Chile, wo wir die ersten drei Wochen verbracht haben. Wir drei Freiwilligen von Osorno, Valparaiso und Valdivia durften in dieser Zeit in einer kleinen Wohnung der Kirche wohnen. Im Spanisch-Unterricht haben wir Freiwillige von anderen Organisationen kennengelernt und haben mit ihnen zusammen Santiago erkundet.

Der erste Eindruck von Chile war ziemlich europaeisch! Ausser dass die Gebaeude etwas weniger modern als bei uns sind, gibt es eigentlich keine grossen Unterschiede. Die andere Waehrung war am Anfang wohl das ungewohnteste. Beim Einkaufen hatten wir keine Ahnung was teuer ist und was nicht, denn 1 Euro entspricht etwa 780 chilenischen Pesos. Uns ist aber schnell aufgefallen, dass das Leben in Chile relativ teuer ist.

Waehrend der Zeit in Santiago kam es mir eher wie eine Urlaubsreise vor, denn wir Freiwilligen waren alle noch zusammen und wir hatten kaum Kontakt zu Einheimischen und wenn, dann “nur” mit den Deutschen aus der Gemeinde. Als es Anfang September dann nach Valdivia ging, habe ich mich unendlich gefreut, dass es jetzt endlich richtig los geht. Ich war so aufgeregt und gespannt meine Gastfamilie und die Stadt kennenzulernen und konnte es kaum erwarten, dass endlich der Freiwilligendienst beginnt auf den ich mich so lange vorbereitet habe.

Endlich in Valdivia!

Blick auf den Fischmarkt "Feria Fluvial" von der Bruecke "Pedro de Valdivia", die die Insel "Isla Teja" mit dem Rest der Stadt verbindet.

Da es so viel regnet, ist alles sehr gruen und es gibt grosse Fluesse.

Am 9. September ging es dann mit dem Bus etwa zehn Stunden in den Sueden, nach Valdivia. Meine Gastfamilie hat mich am Busterminal abgeholt und sofort sehr lieb aufgenommen und ich fuehle mich bei ihnen sehr wohl. Ich habe eine 16-jaehrige Gastschwester und zwei Hunde gehoeren auch zur Familie. Valdivia ist mit den Fluessen und Bruecken eine  sehr schoene Stadt. Auf den Fluessen sieht man cisnes, Schwarzhalsschwaene, und viele Seeloewen. Von meinem Haus kann man sehr gut zu Fuss ins Zentrum laufen und alles ist gut und schnell erreichbar.

Mit der Sprache war es anfangs sehr schwer. Mit meinen fuenf Jahren Spanischunterricht und nachdem wir in Santiago den Sprachkurs hatten, war ich ziemlich optimistisch, habe hier allerdings ziemlich schnell gemerkt, dass das chilenische Spanisch nur wenig mit dem Schulspanisch zu tun hat. Die Chilenen sprechen unglaublich schnell und undeutlich, lassen Buchstaben und Endungen weg und haben auch einige eigene Woerter. Nach etwa 3 Wochen habe ich dann endlich etwas mehr verstanden und seitdem lerne ich jeden Tag ein bisschen dazu.

Ungewohnt war am Anfang auch, dass man sich hier immer mit einem Kuesschen auf die rechte Wange begruesst und verabschiedet und es wird immer gefragt wie es dem anderen geht. Hier sind alle sehr nett und hilfsbereit. Manchmal fuehlt man sich ziemlich beobachtet, weil die hellen Haare ungewoehnlich sind. An die vielen, ungefaehrlichen Strassenhunde gewoehnt man sich auch relativ schnell und manchmal begleiten sie einen auch ein Stueck.

Rund um den Nationalfeiertag am 18. September gibt es viele Feiern, Vorstellungen und Maerkte und das ganze Land feiert den “Geburtstag von Chile”. In quasi jedem Garten haengt eine chilenische Flagge und ueberall wird typisch chilenisches Essen verkauft. Da es hier keine Nachtruhe gibt, hoert man die Feiern bis spaet in die Nacht.

Jardín Luterano

Auffuehrung zum Nationalfeiertag

Zwei meiner Kolleginnen, Tante Gloria und Tante Ester, im Jardín

In meinen Projekten, dem Jardín Luterano und dem Hogar Luterano, gefaellt es mir sehr gut und alle Kollegen und Kolleginnen sind sehr freundlich. Fast alle, auch die Kinder, wissen schon wie es mit einer neuen Freiwilligen aus Deutschland ablaeuft und so  konnte ich mich relativ schnell an die neue Arbeit und meine Aufgaben gewoehnen.

An drei Vormittagen in der Woche bin ich im deutschen Kindergarten Jardín Luterano, der sich auch im Gebaeude der Kirche befindet. Hier sind zwei Gruppen untergebracht: Medio Menor (2-3 Jahre) und Medio Mayor (3-4 Jahre). Die Strukturen erinnern einen ziemlich an einen gewoehnlichen deutschen Kindergarten. Ich helfe den Kindern beim Zaehneputzen und bei Arbeitsaufgaben und bringe ihnen einzelne deutsche Woerter bei. Seit der Fruehling begonnen hat singen wir “Ich lieb den Fruehling”, aber das ist noch ziemlich schwer fuer sie. Der Kindergarten ist fuer mich eine super Moeglichkeit zum Vokabeln lernen, denn alle Themen - wie zum Beispiel "Der Fruehling" - werden taeglich behandelt und wiederholt und nochmal erklaert.

 Auch im Kindergarten gab es Auffuehrungen zum Nationalfeiertag. Es wurde der chilenische Volkstanz “Cueca” gezeigt und alle Kinder hatten eine Tracht an.

Anstatt Feueralarm wird hier Erdbeben-Alarm geprobt. Am Anfang hatte ich keine Ahnung was gerade passiert, als ploetzlich alle Kinder unter die Tische gekrabbelt sind. Nach einer Minute sind alle wieder rausgekommen und es ging gemeinsam zu einem sicheren Platz in der Kirche. Die Tanten haben auch immer einen Notfall-Rucksack mit allen wichtigen Dingen fertig gepackt. Ich hoffe, dass der Ernstfall niemals eintritt.

Hogar Luterano

15 Minuten Busfahrt vom Zentrum befindet sich der Hogar Luterano.

Aufwaendig geschmueckt! Fuer den Fruehling haben wir etwa 15 Mobiles mit Schmetterlingen und Blumen gebastelt und Plakate mit Blumenwiesen, Schnecken, Bienen und Voegeln aufgehaengt.

An den anderen Vormittagen und Nachmittags helfe ich im Hogar Luterano mit. Das ist ein Ort fuer Kinder aus schwierigen familiaeren Verhaeltnissen. Die Betreuung der Kinder ist kostenlos. Der Jardín Infantil hat auch eine Medio Menor und eine Medio Mayor Gruppe. Zusaetzlich gibt es die Gruppen Pre-Kinder (4-5 Jahre) und Kinder (5-6 Jahre) und den Hogar mit den Escolares (6-9 Jahre) und eine Gruppe fuer 10 bis 13-Jaehrige. Ich bin in allen Gruppen mindestens ein Mal pro Woche  und  helfe beim Zaehneputzen, Essen, Hausaufgaben machen, bei der taeglichen Hygiene,  bei den Bastelarbeiten und bei Aufgabenblaettern.

Zum Fruehling haben wir den ganzen Hogar mit selbstgebastelten Blumen und Schmetterlingen geschmueckt und beginnen jetzt schon damit, Nikolausstiefel zu basteln. Fuer das Weihnachtsfest am Ende des Jahres studieren wir auch schon deutsche Weihnachtslieder ein. Die groesste Herausforderung ist auf jeden Fall immernoch die Sprache, aber langsam kann ich zumindest alle notwendigen Vokabeln um mit den Kindern zu arbeiten und Anweisungen zu geben.

Drei Monate im Jahr kommt ein Zahnarzt in den Hogar, damit die Zaehne der Kinder in Ordnung sind. Auch der Zahnarzt wird vom Hogar kostenlos zu Verfuegung gestellt. Er hat sein eigenes kleines Zimmer mit allen Geraeten. Ich darf mich als Zahnarzthelferin probieren, Licht und Geraete reichen, Haende halten und den naechsten kleinen Patienten abholen.

Damit die Kinder von Medio Mayor zum Colegio wechseln koennen, muessen die Eltern ein Zertifikat kaufen. Um Geld zu sammeln, haben sie einen Basar mit Kleidung, Spielzeug, Kuscheltieren und sehr leckerem Kuchen veranstaltet.

Manche Eltern der Kinder kommen nachmittags vorbei und tragen etwas bei. Es gibt zum Beispiel einen Vater der wunderschoene Origamis basteln kann und eine Mutter bringt uns bei wie wir selber Ohrringe und Geldbeutel herstellen koennen.

Meine Projekte - Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Medio Mayor, Jardín Luterano

In beiden Einrichtungen wird sehr viel gesungen und es laeuft fast die ganze Zeit Musik im Hintergrund. Im Jardín werden deutsche Kinderlieder gehoert, aber auch Shakira und Lieder wie “Despacito”. Im Hogar laufen verschiedene Lieder, von Charts bis “Ich bin ein Gummibaer”. Die Kinder tanzen und singen dazu.

Vor dem Essen wird immer ein kurzes Gebet gesprochen und Gott fuer das Essen gedankt. Im Jardín bringt jedes Kind sein eigenes Essen mit und im Hogar bekommen die Kinder kostenlos Fruehstueck, Mittagessen und Once (kleiner Snack am Nachmittag).

Die Unterschiede zwischen den Kindergaerten und auch den Kindern sind ziemlich auffaellig. Der Hogar finanziert sich hauptsaechlich durch Spenden und kleinen Subventionen vom Staat.  Die Kinder im Hogar brauchen viel mehr Aufmerksamkeit und kommen auch oft  fuer eine Kuscheleinheit zu den Tías (“Tanten”, so heissen die Erzieherinnen ) her. Im deutschen Kindergarten, der privat ist, gibt es viel mehr Spielsachen und viel weniger Kinder pro Erzieherin. Hier haben die Kinder auch eine Stunde “Unterricht”, wo immer andere Themen behandelt werden, wie z.B. “Der Fruehling” oder “Mein Planet Erde”.

Freizeit

Pucón

Lago Caburgua mit meiner Mitfreiwilligen Isis aus Osorno

An den zwei langen Wochenenden habe ich Ausfluege nach Pucón (3 Stunden Fahrt) und Bariloche, Argentinien, gemacht. Es war wunderschoen die Anden, Vulkane und die voellig andere Vegetation zu sehen. An der Grenze war es ziemlich aufregend, weil Chile so strenge Auflagen hat, was man alles mitnehmen darf. Sonst bin ich an den Wochenenden viel zuhause, weil es leider ziemlich oft regnet, aber bald kommt der Sommer.

Unter der Woche habe ich nach dem Arbeiten Zeit zur Jugendgruppe der Kirche, zur Probe der Band der Kirche oder zum Kirchenchor zu gehen. Sonntags gehe ich meistens in den Gottesdienst. Der Gottesdienst gefaellt mir sehr gut und man kommt  mit vielen verschiedenen Leuten ins Gespraech. Am 20. Oktober fand hier der Kirchentag von Chile statt. Es gab viele verschiedene Seminare, Diskussionsrunden und der Chor von Santiago hat ein Konzert gegeben.

Im Oktober gab es einen Karnevalsumzug zum Fruehling, der zwar etwas schlecht geplant, aber ganz schoen anzusehen war.

In und um Valdivia gibt es viele Parks und Orte am Ufer der Fluesse wo man gut spazieren gehen kann, sofern es nicht regnet.

Die ersten drei Monate

Zu den ersten drei Monaten meines Freiwilligendienstes kann ich sagen, dass es mir sehr viel Spass macht mit den Kindern zu arbeiten und mal was ganz anderes als in der Schulzeit zu machen. In einem fremden Land mit einer anderen Sprache zu leben ist eine tolle Erfahrung und man lernt sein eigenes Zuhause in Deutschland mit ganz anderen Augen zu sehen. Die Kinder sind so unglaublich herzlich und machen einem so viel Freude durch ihre Froehlichkeit und Dankbarkeit fuer kleine Dinge, dass ich sehr gern jeden Tag zur Arbeit gehe und mich schon darauf freue, mich von den Kinder mit “La Tía Helen”-Rufen bergruessen zu lassen.

Es ist so spannend und schoen etwas komplett anderes als bisher zu erleben und zu sehen und andere Menschen und ihre Traditionen kennenzulernen. Es ist auch ein tolles Gefuehl auf sich allein gestellt zu sein, selbststaendig neue Dinge zu entdecken und zu erreichen.