Helen B. – 3. Bericht aus Valdivia, Chile

 Hallo liebe Familie, Freunde und Unterstuetzer,

 

nach ueber zehn Monaten in Chile, habe ich jetzt schon angefangen rueckwaerts zu zaehlen. Noch sieben Wochen… In den vergangenen Monaten hat es bei mir immer wieder von “Wie lange habe ich noch?” und “Wann bin ich endlich wieder in Deutschland?” hin und her geschwankt. Trotz gelegentlichem Heimweh, hat die Freude darueber hier zu sein immer ueberwogen und manchmal konnte ich mir gar nicht vorstellen wieder weg zu gehen.

Inzwischen ist das Leben in Valdivia fuer mich zur Normalitaet geworden. Dinge, die ich anfangs unglaublich aufregend fand und als totalen Kontrast zu Deutschland gesehen habe, fallen mir jetzt gar nicht mehr auf, z.B. die Seeloewen, die Busse ohne Fahrplan und die Kuesschen  zur Begruessung. Andererseits gibt es auch Dinge, die mich nach wie vor beeindrucken. Zum Beispiel, die Grosszuegigkeit und das die Menschen alles miteinander teilen. Anderes kann ich immer noch nicht nachvollziehen, wie, dass die Chilenen ihr Brot aushoehlen und das “Innere” wegschmeissen, um nicht dick zu werden.

 

Projekte

In den Projekten war in den letzten Monaten immer was los. Bei den Eingewoehnungstagen fuer die neuen Kinder haben vor allem die 2-Jaehrigen am Anfang viel geheult. Das war ziemlich anstrengend, aber ich bin froh, dass ich dabei sein konnte. Ich merke jetzt schon den Unterschied zum letzten Jahr. Mir kommt es vor, als wuerden mich die Kinder jetzt viel mehr als Tía respektieren. Ich war von Anfang an mit dabei und bin nicht in den letzten drei Monaten vor Jahresende “reingeschneit”. Ausserdem weiss ich wie der Alltag in den Projekten funktioniert, wie ich mich am besten einbringen kann und natuerlich klappt die Verstaendigung inzwischen quasi problemlos. Bei den Kleineren standen Events wie Muttertag, Ostern und Vatertag auf dem Programm, wofuer kraeftig an Liedern, Vorspielen und Gedichten geprobt wurde und die Grossen muessen  wieder Lernen. Nach dem Zwischenseminar hatte ich schon genaue Vorstellungen, was ich mit den Kindern  in den kommenden sechs Monaten erreichen will. Mit den Grundschuelern haben wir sehr viel gebastelt: Freundschaftsbaender, Hasen fuer Ostern, Schluesselanhaenger, Schmetterlinge, … Das absolute Highlight war als jedes Kind sein eigenes Kekshaus mit Zuckerguss zusammenkleben durfte. Bei den Aelteren (9-13 J.) geht es mehr um’s Lernen. Ich helfe ihnen beim Lernen, frage den Stoff ab oder versuche ihnen Mathe logisch zu erklaeren (was auf spanisch natuerlich noch schwerer ist…). Wir spielen Englisch-Vokabel-Spiele und mein aktuelles Projekt sind Karteikasten. Im Moment bin ich dabei mit jedem Kind seinen eigenen Karteikasten zu basteln, um ihnen dann das System zu erklaeren und sie  zu motivieren regelmaessig ihre Vokabeln zu wiederholen. Natuerlich kommt auch der Spass nicht zu kurz, wenn wir Interaktionsspiele, Fangen oder Fussball spielen. In beiden Projekten fuehle ich mich richtig wohl und freue mich, dass mich alle so lieb aufgenommen haben.

 

Gesellschaft/Aktuell

Im zweiten Halbjahr habe ich hier viel oefter von Gewaltverbrechen mitbekommen. Natuerlich beunruhigt das einen, aber trotzdem fuehle ich mich hier sicher. Im Moment findet die Copa América (Suedamerika-Meisterschaften) in Brasilien statt. Die Chilenen sind beim Fussball Feuer und Flamme. Vom Fussball-Fieber bekommt man bisher aber eher wenig mit.

 

Lebensweisen in Chile

Was ich an manchen Menschen hier besonders bewundere, ist wie viel sie arbeiten. Das Leben in Chile ist nicht gerade billig und die Loehne relativ niedrig. Dazu kommen noch, die Schulkosten und der Transport im Furgón (kleiner Schulbus, der die Kinder vor der Tuer abholt und zurueckbringt), die sie bezahlen muessen. Eine Kollegin aus dem Hogar ist unter der Woche bis 17 Uhr da und anschliessend (und sonntags) geht sie in einem Supermarkt arbeiten. Samstags ist sie den ganzen Tag in der Universitaet, wo sie nebenbei studiert. Das Studium ist unglaublich teuer und sie hat auch einen Sohn, der zur Schule geht. Ich koennte das niemals alles unter einen Hut bekommen und bewundere sie fuer ihren Fleiss. Am “Tag der Feuerwehr” kamen extra sechs Feuerwehrleute in den Hogar.  Ich habe erfahren, dass die Feuerwehr in Chile nicht bezahlt wird. Es sind alle Freiwillige und sie bekommen keine Entschaedigungen. Der Staat beteiligt sich nur zum Teil an der Ausstattung, waehrend die Feuerwehrleute ihr Privatleben opfern um rund um die Uhr in der Feuerwehrwache zu sein.

Wenn ich mich mit meinen Kollegen unterhalte, zeigen sie immer viel Interesse an Deutschland und sie fragen mich wo ich schon hingereist bin. Die meisten waren noch nie in einem anderen Land und wenn, dann “nur” im fuenf Stunden entfernten Argentinien. Viele kennen  nur die direkte Umgebung von Valdivia. Dagegen war ich schon in mehreren Laendern Europas, konnte nach Chile fliegen und kenne den Norden und den Sueden des Landes, war in Peru, Argentinien und Bolivien. Meiner Meinung nach ist es ziemlich ungerecht, dass ich schon so viel von der Welt sehen durfte und es mir leisten kann ein Jahr lang “nichts” zu machen und kein Geld zu verdienen. Meine Kollegen dagegen arbeiten jeden Tag mindestens neun Stunden und sind froh, wenn sie mit ihrem Ersparten einen Teil des Studiums ihres Kindes bezahlen koennen. Ein technisches Studium kostet hier zum Beispiel etwa 18 Mio CLP (Chilenische Pesos), also ueber 23 Tsd Euro. Das heisst, dass hier alle teure Kredite aufnehmen muesssen. Ich erzaehle gerne von meinen Erfahrungen, aber es faellt mir schwer, wenn ich sehe, dass meine  Kollegen mir interessiert und gleichzeitig wehmuetig und traurig zuhoeren, weil sie wissen, dass sie wahrscheinlich nie so viel und so weit reisen koennen. Das tut mir sehr leid und das finde ich ziemlich ungerecht.

Fuer Chile wuerde ich mir wuenschen, dass die Regierung mehr in ihr Bildungssystem investiert. Die Unterschiede zwischen den staatlichen und den sehr teuren privaten Schulen sind immens. Ohne das noetige Kleingeld sind die Chancen auf ein Studium sehr gering. Gleichzeitig wird man ohne Studium ziemlich schlecht bezahlt und so ist die Gefahr fuer einenTeufelskreis gross und es besteht auf gar keinen Fall eine Chancengleichheit. Das gleiche gilt fuer das Gesundheitssystem: Je mehr Geld, umso eine bessere und schnellere Behandlung erhaelt man. Ich faende es schoen, wenn es eine bessere Aufklaerung zu gesunder Ernaehrung geben wuerde. Es ist auffaellig, dass Kinder aus aermeren Verhaeltnissen deutlich dicker sind. Das liegt auch daran, dass Obst, Gemuese und Vollkornbrot sehr viel teurer sind, als die ungesunden Alternativen. Hier wird unglaublich viel Weissbrot und Fast Food gegessen und sie trinken viel Zuckerwasser aus winzigen Tetra-Packs. Also ist es nicht nur ungesund, sondern auch noch mit unglaublich viel Plastikmuell verbunden.

 

In zehn Monaten Chile…

Was ich in den zehn Monaten bis jetzt gelernt habe, ist wirklich unglaublich viel wert und vieles wird mir wahrscheinlich erst in Deutschland bewusst. Ich bin viel selbststaendiger und entschlossener geworden. Abgesehen vom Spanisch lernt man eine komplett andere Kultur  und Art zu leben kennen, andere Essgewohnheiten, Arbeitsweisen und der Umgang miteinander. In Bezug auf die Projekte gibt es riesige Unterschiede zwischen den Projekten und auch zu Deutschland. Zunaechst einmal gibt es grosse materielle Unterschiede und abgesehen davon haben die Chilenen eine andere Art von Erziehung. Ich habe immer das Gefuehl, dass die Kinder hier verwoehnt werden und dass sie zu wenig selbst machen muessen. Es ist sehr interessant andere Weisen kennenzulernen, denn mir faellt gleichzeitig auf, dass hier die Mutter-Kind-Beziehungen enger ist.

Wenn man (fast) allein im Ausland ist, lernt man auf sich selbst zu vertrauen und auch auf seine eigenen Wahrnehmungen zu hoeren. Man lernt allein und fremd zu sein. Am Anfang kennt man niemanden, kennt sich nicht aus, spricht die Sprache nicht. Ich denke jeder findet seinen eigenen Weg damit umzugehen und ich hatte zum Glueck eine sehr liebenswuerdige Gastfamilie und die Gemeinde der Kirche, die mir sehr geholfen haben. Eines der groessten Dinge, die ich hier gelernt habe ist Wertschaetzung. So weit von zuhause wurde mir bewusst, wie “leicht” das Leben in Deutschland ist. Auf der einen Seite ist man natuerlich bei seiner Familie und seinen Freunden, aber auf der materiellen Seite kann man meiner Meinung nach, von einem Privileg reden in Deutschland zu leben. Wir haben Zugang zu kostenloser, sehr guter Bildung, ein gutes Versicherungssystem, einen Mindestlohn,… Hier gibt es sicherlich viele Chilenen, die bei gleichen oder hoeheren Standards als in Deutschland leben, aber es haengt hier alles viel mehr vom Vermoegen ab. Dafuer hat man in Chile das Gefuehl, dass die Leute offener und lockerer sind. Die Menschen zeigen sich gegenueber viel Zuneigung und Interesse. Egal wo man hinkommt, man ist immer herzlich willkommen. Davon will ich auf jeden Fall was mit nach Deutschland nehmen!

 

Nach der Arbeit

In meiner Freizeit spiele ich weiterhin Volleyball mit meiner Mannschaft, die ich inzwischen sehr ins Herz geschlossen habe und mit der ich auch viel unternehme. Ich treffe mich oft mit Mitfreiwilligen aus anderen Staedten und als es noch waermer war, bin ich in die naehre Umgebung zu Seen, Vulkanen und Staedten gefahren. Im April kamen mich meine Eltern besuchen und  wir sind in die Grenzregion zu Bolivien gefahren. Die Vulkane, Seen, die Wuestenlandschaft, Flamingos, Vicuñas und die fast verlassenen Altiplano-Doerfchen sind wunderschoen. Der Norden Chiles steht in totalem Kontrast zum Sueden und auch an den Leuten merkt man, dass fast 3000 km Entfernung zu Valdivia liegen. Der Einfluss Perus und Boliviens ist offensichtlich und die einheimischen Voelker, wie die Aymaras, ueben ihre Kultur immer noch sehr offen aus.

 

Ich moechte mich ganz herzlich bei allen Unterstuetzern, dem GAW, weltwaerts, bei meiner Familie und Freunden bedanken, die dieses Jahr fuer mich ermoeglicht haben, mich sowohl finanziell als auch psychisch und mit vielen Ratschlaegen unterstuetzt haben!

Die letzten zwei Monate werde ich nochmal richtig geniessen!

Ganz liebe Gruesse und bis bald,

Helen