Helena D. - 1. Bericht aus Hohenau

Liebe Unterstützer, Familie, Freunde und Bekannte,

Seraphina, Maximilian und ich auf der Busfahrt nach Paraguay

jetzt ist es schon fast drei Monate her, dass ich am Frankfurter Flughafen in den Flieger nach Buenos Aires gestiegen bin und mein Jahr hier in Südamerika begann. Selten war ich so aufgeregt gewesen auf das, was kommen sollte. Zum ersten Mal würde ich Europa verlassen.
Als wir dann 14 Stunden später super erschöpft in unseren Unterkünften ankamen, war ich vor allem eins: Überwältigt von den Eindrücken der riesigen Stadt, von all den anderen Gegebenheiten und Gesichtern. Und trotz Jetlag und einem anstrengenden und vollen Seminarprogramm hatten wir in diesen zwei Wochen genug Zeit, um neue Bekanntschaften zu schließen, uns in der Gruppe näher kennenzulernen und auch ein bisschen was von Buenos Aires zu besichtigen. Es war eine schöne, sehr aufregende Zeit und mir wurde dabei auch zum ersten Mal so richtig bewusst, was es bedeutet, ein ganzes Jahr auf der anderen Seite der Welt, weit weg von allem, was ich bisher kannte, zu verbringen. In der Zeit im Seminar haben wir auch nochmal jede Menge dazugelernt. Jeden Morgen hatten wir vier Stunden Spanischunterricht und am Nachmittag verschiedene Einheiten zu Kultur, Land und Leuten. Ein Kurs in argentinischer Folklore und Artesania zum Beispiel hat mir besonders gut gefallen.

 

Ende August ging es dann endlich los in die Projekte. Am Busterminal in Buenos Aires mussten wir uns alle verabschieden und im Bus nach Hohenau waren wir dann zum ersten Mal nur noch zu dritt: Meine beiden Mitfreiwilligen Maxi und Seraphina und ich. 18 h Busfahrt sollten es werden, aber letztendlich kamen wir vier Stunden zu früh mit den ersten Sonnenstrahlen in Hohenau an. Irgendwie mussten wir unseren Weg, weil wir viel zu früh waren, jetzt also alleine zum SOS Kinderdorf, unserem neuen Arbeitsplatz und Wohnort, finden… Und wir kamen an. Zusammen mit einem absolut traumhaften Sonnenaufgang. Zum ersten Mal in meinem Leben, sah ich wirklich rote Erde.
Man hatte natürlich nicht so früh mit uns gerechnet und deswegen mussten wir einen Moment warten, bis uns jemand reinließ, aber dann wurden wir super herzlich mit paraguayischem Frühstück mit „Chipas“ (einem typischen Gebäck mit Käse) und „Dulce de Leche“ (einem süßen Brotaufstrich) empfangen. Danach bekamen wir die Stadt gezeigt und betraten zum ersten Mal das Haus, in dem wir jetzt schon seit zweieinhalb Monaten wohnen. Es steht auf dem Gelände des SOS Kinderdorfes, weswegen wir quasi keinen Arbeitsweg haben. Mit zwei Bädern vier Zimmern, einem tollen Wohnzimmer und einer mit Waschmaschine, Kühlschrank, Herd und auch Geschirr wirklich toll eingerichteten Küche, zwei Tischen und sogar einem Sofa sind wir wirklich super ausgestattet. In den letzten zwei Monaten haben wir uns hier eingelebt und an das Leben hier zu dritt gewöhnt. Das Land, die Sprache und die Arbeit hier sind in den letzten Wochen fast schon zum Alltag geworden für mich. Die Zeit verging wie im Flug, obwohl oder vielleicht auch gerade weil wir schon so viel erlebt haben. Natürlich ist noch vieles neu z.B. haben wir erst letzte Woche, als wir von unserem Chef zum Essen eingeladen wurden, eine neue Frucht kennengelernt, die ich wirklich noch nie zuvor gesehen hatte und aus der man unglaublich leckeren Saft machen kann. Auch die Sprache ist natürlich immer noch ziemlich schwer. Wir versuchen, in der WG nur noch Spanisch zu sprechen, und wir lernen so oft es geht Vokabeln und fragen die Leute hier.

 

Qué día es hoy? (Welcher Tag ist heute?)

In den ersten Wochen hier, hat uns unsere Ansprechpartnerin Laura durch das SOS-Kinderdorf geführt und uns allen Häusern vorgestellt. Jeden Tag konnten wir ein, zwei Stunden mit der Tia und den Kindern eines Hauses verbringen und dadurch die Familien des Dorfes kennenlernen – Eine schöne Zeit mit vielen neuen Namen und Gesichtern. Zur gleichen Zeit war hier „Monat der Jugend“ und so fanden jedes Wochenende und auch unter der Woche „Talleres“ (Workshops) für die Jugendlichen statt, bei denen wir auch dabei sein und helfen durften.


Mitte September ging es dann los mit unserer Arbeit. Meine Mitfreiwillige Seraphina und ich leiten die „Escuelita“ hier. Das heißt übersetzt so etwas wie „Schülchen“ und ist eine Art Kindergarten, in dem wir jeden Monat mit den Kindern andere Themen wie Weihnachten im Dezember, die vier Elemente, gesunde Ernährung beim Frühstück in der „Escuelita“ oder Mülltrennung behandeln.
Morgens kommen viermal die Woche die kleinen Kinder zwischen einem und sechs Jahren und nachmittags geben wir an zwei Tagen Nachhilfe. Freitags kommt am Nachmittag die Gruppe der größeren Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren und dienstags dürfen wir etwas für die Jugendlichen aus Obligado (Einem Nachbarort von Hohenau, wo sich drei weitere Häuser des Kinderdorfes befinden) anbieten. Mittwochs können sowohl vormittags als auch nachmittags alle Kinder bis zwölf kommen, da jeweils für eine Stunde eine Profe (Lehrerin) kommt und mit den Kindern das Lesen und auch das Sprechen vor einer Gruppe übt.
Nach einigen Wochen Eingewöhnungszeit und Kennenlernen war es wirklich ein tolles Gefühl, endlich mit der Arbeit beginnen zu können; auf einmal hatte ich hier eine Aufgabe und mein Aufenthalt hier bekam einen „Sinn“. Die Arbeit mit den Kindern macht mir viel Spaß, auch wenn es oft ziemlich anstrengend ist und man auch hin und wieder an seine Grenzen stößt. Z.B. haben wir zwei manchmal drei Kinder unter den kleinen die fast ausschließlich Guaraní, die indigene Sprache in Paraguay, sprechen.
Im Moment bereiten wir mit den Kindern ein Frühlingsfest zur Aufführung vor den Tias vor, über das ich dann im nächsten Bericht schreiben werde.

 

Das SOS Kinderdorf selbst besteht aus zwölf Häusern auf einem großen Gelände in Hohenau und drei weiteren Häusern in Obligado, die einfach an einer Straße zwischen anderen Häusern stehen und den Kindern so eine gute Integration in die Stadt ermöglichen sollen. In jedem Haus leben um die fünf bis zehn Kinder. Das kann gerade deswegen mal stärker variieren, weil hier Geschwister immer zusammen in eine Familie kommen. Um die Kinder jedes Hauses kümmert sich eine „Tia“ (Tantchen); Die Kinder nennen sie „Tia“ oder auch „Mamá“, wie sie es möchten. Das ganze Konzept des SOS-Kinderdorfes und die Arbeit der Tias hat mich sehr beeindruckt. Die Kinder, die hier leben, sind alle hier, weil sich ihre Familien nicht mehr richtig um sie kümmern können oder weil sie Waisen sind. Die Tias kümmern sich liebevoll um sie und leben selbst 24/7 in den Häusern. Jedes Haus ist eine eigene, oft große, Familie und im ganzen Dorf herrscht eine sehr behütete Atmosphäre.

 

 

 

Im September wurden wir vom Direktor des Kinderdorfes mit auf eine Reise nach Concepción im Norden Paraguays genommen. Da wir dabei fast ganz Paraguay durchquert haben, konnten wir viel von der weiten, wunderschönen Landschaft sehen. Immer wieder standen Rinder am Straßenrand, obwohl wir manchmal stundenlang durch keine Stadt gefahren sind. Generell gibt es hier unheimlich viel Landwirtschaft und auf der Reise konnten wir einen besseren Eindruck vom Land bekommen, als im verhältnismäßig wohlhabenden und gut ausgebauten Hohenau. Während hier viele Seitenstraßen noch in den typischen roten Steinen gepflastert sind, stehen die Häuser in den meisten anderen Teilen Paraguays einfach an mehr oder weniger naturbelassenen Wegen.

Besonders in Asunción kann man die Schere zwischen arm und reich stark erkennen. Die Hauptstadt hat die beste Infrastruktur des Landes und doch stehen dort noble Glasgebäude direkt neben einfachen Holz- oder Blechhütten.

 

 

 

 

Hohenau ist mit seinen 16.000 Einwohnern eine recht kleine, gemütliche Stadt. Man ist hier schnell in der Natur und im Stadtgebiet gibt es mehrere sehr schöne Parks. Die Stadt war mal deutsche Kolonie und wurde 1900 gegründet, aber inzwischen trifft man hier wie auch in der Hauptstadt Asunción nicht nur auf deutsche, sondern auch auf viele brasilianische, argentinische, ukrainische oder sogar japanische Einwanderer.  Das hat sich auch bei einem Folklore Festival gezeigt, das wir in unseren ersten Tagen hier besucht haben. Dabei haben die Schüler des Internados (Einer Schule in Hohenau, in der mein Mitfreiwilliger Maxi arbeitet) internationale und auch viele beeindruckende paraguayische Folklore Tänze aufgeführt. So staunten wir ziemlich, als auf einmal in langen blauen und weißen Kleidern Töpfe und Fruchtkörbe beim Tanz auf dem Kopf balanciert wurden. Auch bei einem großen bunten Umzug zum Frühlingbeginn wurden viele Tänze von Kindern und Jugendlichen aus den Tanzvereinen der Umgebung aufgeführt.
In Hohenau gibt es insgesamt viele Sportvereine für Jugendliche. So kann man zum Beispiel im Club Juventud gegenüber vom Kinderdorf Handball, Fußball oder Basketball spielen oder auch Zumba tanzen.

 

 

Markt in Encarnación

Woran wir uns hier erstmal gewöhnen mussten, ist die typisch paraguayische Lebenseinstellung „Tranquilo“ (ruhig). Während man in Deutschland oft unter Zeitdruck stand, läuft hier vieles etwas langsamer und gemütlicher ab. Typisch paraguayisch ist auch das Essen hier: So zum Beispiel die oben schon genannten „Chipas“, Sopa (herzhaftes Gebäck aus Maismehl), „Empanadas“ (meistens mit Fleisch gefüllte Teigtaschen) oder ganze Gerichte wie „Bori Bori“ (Hühnchen mit viel Gemüse). Außerdem darf in keiner Situation „Tereré“, das Nationalgetränk Paraguays, fehlen. „Tereré ist quasi kalter Mate, den man eigentlich immer gemeinsam im Kreis trinkt. Oft werden noch Kräuter oder getrocknete Orangenschalen dazugegeben, was besonders gut schmeckt.

Langsam findet man in den Läden, die erste Weihnachtsdeko und Kunstweihnachtsbäume (Echte wachsen hier schließlich nicht) und von Tag zu Tag wird es heißer.

Ich freue mich schon auf ein Weihnachten im subtropischen Sommer und auf die nächsten Monate hier.

Viele Grüße aus dem heißen Pargauay,
Muchos saludos

Helena Dörner