Helena D. - Zwischenbericht aus Hohenau

Liebe Unterstützer, Familie, Freunde und Bekannte,

mittlerweile bin ich schon 6 Monate hier, ein ganzes halbes Jahr…Es ist kaum zu glauben, wie schnell die Zeit hier vergangen ist.
In die „Escuelita“ zu uns kommen weiterhin viermal pro Woche morgens die kleineren Kinder zwischen einem und sechs Jahren. Zweimal die Woche geben wir jetzt nachmittags Nachhilfe in den Häusern („Apoyo escolar“), was allerdings während der Schulferien vorübergehend auf Eis gelegt wurde und jetzt so langsam wieder anläuft. Dienstags verbringen wir die Nachmittage jetzt in Obligado, der Nachbarstadt Hohenaus, mit den Kindern, die in den Häusern des Kinderdorfes dort leben. Das sind meistens eher einzelne Projekte für den jeweiligen Tag. So habe ich zum Beispiel an einem Nachmittag mal Apfelmarmelade mit den Jugendlichen dort gekocht; ein anderes Mal haben wir zusammen Armbänder geknüpft.
 Inzwischen haben wir uns auf der Arbeit richtig eingespielt und die Abläufe sind zur festen Routine geworden. Es ist schön zu sehen, wie die Kinder immer mehr Vertrauen zu uns fassen und wie wir selbst merken, dass wir sie immer besser kennenlernen. Ich habe immer mehr das Gefühl, meinen Platz hier gefunden zu haben. Mit unserer Arbeit haben wir unsere eigene Aufgabe im Projekt, auch wenn das oft immer noch ziemlich anstrengend ist. Vor allem wegen der Verantwortung, die wir zwei für die Kinder haben, weil wir alleine arbeiten und deswegen immer zuständig sind, immer präsent sein müssen. Aber gerade dadurch lernen wir auch unglaublich viel hier. Zum Beispiel vor zwei Monaten, kurz vor Weihnachten: Da mussten wir einer Tia aushelfen, weil alle Kinder in deren Haus krank und die Mitarbeiter alle schon im Urlaub waren. Einen ganzen Tag haben wir dann mit den Kindern verbracht und waren erst mit im Krankenhaus und haben dann über Nacht alleine auf die Kinder aufgepasst, die im Haus geblieben waren, und sogar dort übernachtet. Das waren wirklich anstrengende 24 Stunden. Aber wir haben auch einen Einblick in das Leben einer SOS-Kinderdorf Familie bekommen und eine tolle Erfahrung gemacht, was wir sonst nie erlebt hätten.

Bühne beim Frühlingsfest

Anfang Dezember hat außerdem das Frühlingsfest stattgefunden, das Seraphina und ich mit den Kindern vorbereitet haben. Die Vorbereitungszeit war vor allem super stressig für uns beide. Es gab viel zu proben und zu organisieren. Wir mussten uns Tänze überlegen, ein Theaterstück schreiben, die Deko mit den Kindern basteln. Und vieles lief am Schluss dann doch ganz anders, als wir das geplant hatten. Aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Die Kinder haben das wirklich toll gemacht und es war ein klasse Gefühl zu sehen, wie sie nach all den Proben auf der Bühne getanzt und geschauspielert haben.

Seraphina und ich beim Kochen mit einer Tia

In meiner Freizeit hier hat sich einiges getan. Ich habe paraguayische Freunde gefunden und verbringe jetzt viel mehr Zeit damit, einfach Mal vorm Haus zu sitzen und mit einem Kumpel Tereré zu trinken. Viel hat sich wohl auch durch die Sprache verändert. Klar gibt es immer noch viel zu lernen, aber inzwischen haben sich die Gespräche wegbewegt von den Standardthemen und ich habe das Gefühl, mich richtig mit den Leuten unterhalten zu können.
Vieles was am Anfang für mich irgendwie neu oder anders war hier, kommt mir jetzt normal vor und ist Teil meines Alltags geworden, wie z. B. spontan abends Tereré mit Freunden zu trinken oder den Bus nach Encarnacion einfach dort am Straßenrand anzuhalten, wo ich gerade stehe.
Vor drei Monaten haben wir uns außerdem Fahrräder gekauft, so dass wir jetzt auch mal schnell in einen der wunderschönen Parks fahren und z.B. schwimmen gehen können. Das ist bei der Hitze im Sommer hier auch wirklich notwendig. Oft schwitzt man bei über 40°C schon morgens, bevor man überhaupt aufgestanden ist. Da kann man sich vielleicht vorstellen, wie es ist bei den Temperaturen und super hoher Luftfeuchtigkeit eineinhalb Stunden Zumba zu tanzen. Zumba ist inzwischen nämlich auch fester Bestandteil meiner Freizeit und macht mir wirklich viel Spaß.

Seit November sind Seraphina und ich nur noch zu zweit in unserer WG. Unser Mitfreiwilliger Maxi hat das Projekt gewechselt und arbeitet jetzt in Ciudad del Este. Es war auf jeden Fall eine große Umstellung nur noch zu zweit zu leben, aber wir werden ihn in seinem Projekt besuchen und haben uns auch so zwischendurch noch ein paarmal gesehen. Aber auch zu zweit läuft es super in unserer WG. Seraphina und ich verstehen uns wirklich sehr gut und es ist schön, meinen Alltag und damit auch viele Erfahrungen hier mit jemandem teilen zu können.
Dass wir uns inzwischen besser auskennen, merkt man auch daran, dass wir nicht mehr so häufig in den großen Supermarkt einkaufen fahren. Wir kochen vielfältiger und kaufen mehr beim Obst- und Gemüseladen gegenüber oder im kleinen Laden um die Ecke als noch in den ersten Monaten. Außerdem haben wir uns an den ersten paraguayschen Gerichten, wie Sopa oder Chipas versucht. Das macht Spaß und gibt mir nochmal mehr das Gefühl angekommen zu sein.

Krippenspiel vor der Kathedrale in Encarnacion

Ein großes Highlight der letzten drei Monate war auf jeden Fall Weihnachten. Wir hatten das große Glück, Weihnachten mit einer SOS Kinderdorf Familie feiern zu dürfen, und konnten so ein typisch paraguayisches Weihnachtsfest miterleben. Am 24. abends wurde groß gefeiert und wir haben uns zum Asado (Grillen) im Garten der Familie getroffen. Es wurde viel gegessen, geredet, gesungen und Spiele gespielt bis in die Nacht hinein. Um Mitternacht haben wir dann angestoßen und uns Frohe Weihnachten gewünscht. Vor manchen Häusern wurde sogar Feuerwerk abgefeuert. Die Kinder bekommen hier irgendwann im Laufe der Feier ihre Geschenke, allerdings werden nur die Kinder beschenkt, Erwachsene untereinander bringen eher mal einen Salat zum Festessen mit. Auch wenn es sich für mich erstmal nicht so sehr nach Weihnachten angefühlt und ich meine Familie auch vermisst habe, war es auf jeden Fall ein unglaublich tolles Erlebnis, Weihnachten mal ganz anders zu feiern. Eben auf paraguayische Art und bei fast 40°C draußen im Garten zu sitzen und auf 00:00 Uhr zu warten.
Silvester habe ich dann in Valparaiso verbracht, wo ich mich mit anderen Freiwilligen getroffen habe. Auch das war wirklich sehr eindrucksvoll. Wir wurden von unserer Vermieterin eingeladen, mit ihrer Familie zu feiern, und konnten den Jahreswechsel so mit Chilenen verbringen und hatten einen unglaublichen Blick auf das Feuerwerk. Vor allem deren große Gastfreundschaft hat mich sehr beeindruckt.

 

Ruta 6 in Hohenau

Vor einigen Wochen stand dann auch unser Zwischenseminar in Baradero (3 Stunden südlich von Buenos Aires) an. Dort haben wir uns jeweils mit der Hälfte der Gruppe mit dem vergangenen halben Jahr auseinandergesetzt. Es wurde viel über Herausforderungen und Schwierigkeiten im Projekt reflektiert. Aber wir haben uns auch mit dem, was noch vor uns liegt, beschäftigt. So haben wir uns zum Beispiel über unsere Ziele für die nächsten sechs Monate Gedanken gemacht oder Bastelideen für Projekte mit den Kindern gesammelt.
Ich fand es toll, viele Mitfreiwillige nach so langer Zeit wiederzusehen und von ihrem ersten halben Jahr zu hören.
Während die jeweils andere auf dem Zwischenseminar war, mussten Seraphina und ich die „Escuelita“ für eine Woche alleine leiten, was wirklich eine anstrengende Woche war. Aber so konnte in der Zeit das Projekt weiterlaufen.

Langsam haben wir vereinzelt schon wieder kältere Tage unter den vielen super heißen. Ich freue mich auf ein bisschen Abkühlung im Herbst, vor allem weil mir immer wieder gesagt wurde, dass der Herbst die schönste Jahreszeit hier sein soll.
Auf jeden Fall bin ich gespannt auf das nächste halbe Jahr und auf ein paraguaysches Ostern im Herbst.

Viele Grüße aus dem noch hochsommerlich heißen Paraguay

Muchos saludos

Helena