3. Bericht

Liebe Unterstützer, Familie, Freunde und Bekannte,

nun schreibe ich euch schon ein drittes Mal aus dem inzwischen herbstlichen Paraguay. Ein Dreivierteljahr ist vergangen und es fühlt sich an, als würde die Zeit wie im Flug vergehen.

Schon beim Schreiben des letzten Rundbriefes hatte ich das Gefühl, richtig angekommen zu sein und inzwischen hat sich das, falls das überhaupt noch möglich war, noch einmal verstärkt. Meine Mitfreiwillige und ich sind sehr gute Freundinnen geworden und die Abläufe auf der Arbeit haben sich perfekt eingespielt.
In der Escuelita morgens hat sich nichts groß verändert. Es kommen immer noch jeden Morgen die kleinen Kinder zwischen null und sechs Jahren, mit denen wir spielen, malen, basteln oder auch nach unserer Begrüßungsrunde draußen schaukeln oder Ballspielen.
Am Nachmittag hatten wir eigentlich geplant wieder regelmäßiger die Nachhilfe („Apoyo Escolar“) in den Häusern umzusetzen, nachdem die Sommerferien der Kinder vorbei waren.
Allerdings wurden wir gefragt, ob wir von einigen Kindern das Schreiben der Berichte für die Paten übernehmen könnten. Der dafür Zuständige aus Asunción hatte nämlich nicht genug Zeit, auch die Berichte der Kinder aus Obligado und von denen, die ins Internat gehen und nur am Wochenende da sind, zu bearbeite. Von jedem Kind muss jedes Jahr ein sogenannter Entwicklungsbericht an dessen Paten in aller Welt verschickt werden. Die meisten Paten sind allerdings aus Deutschland.
Meine Mitfreiwillige und ich sagten zu, dabei zu helfen, und bekamen Fragebögen und die Liste mit den Namen der Kinder, die noch fehlten ausgehändigt.
Diese Arbeit war nochmal eine ganz neue Erfahrung für mich. Wir halfen den Kindern dabei, die oft sehr persönlichen Fragen möglichst konkret zu beantworten. Bei den Paten sollte schließlich ein genauer Eindruck von Leben und Situation ihrer Patenkinder entstehen. Die Kinder mussten natürlich keine Fragen beantworten oder Angaben machen, mit denen sie sich nicht wohlfühlten.
Trotzdem waren viele Geschichten, die wir für die Berichte erzählt bekamen, sehr persönlich und so bekamen wir noch einmal einen ganz anderen Einblick in die Hintergründe vieler Kinder und Jugendlicher hier im SOS Kinderdorf.
Alle ausgefüllten Fragebogen mussten wir daraufhin am Laptop in einen Fleißtext in Spanisch übertragen, danach musste alles ins Englische und ins Deutsche übersetzt werden, bevor es an die Padrinos verschickt werden konnte. Zusätzlich bekamen wir noch den Auftrag, Bilder von den Kindern zu schießen, ebenfalls für die Entwicklungsberichte.
Und obwohl diese Aufgaben ein toller neuer Einblick in das Leben im SOS Kinderdorf vieler Kinder war und es mir wirklich Spaß gemacht hat, mal auf diese neue Weise mit den Kindern zu arbeiten, war diese Arbeit auch mit vielen Schwierigkeiten für uns verbunden.
Oft waren nicht alle Kinder da oder wir mussten immer wieder in die Nachbarstadt Obligado fahren oder am Wochenende mit den Kindern aus dem Internat reden, sodass sich die Arbeit ziemlich zog. An den 20 Berichten und noch einigen Fotos mehr sitzen wir jetzt schon seit ungefähr zwei Monaten und die Arbeit scheint sich immer mehr zu ziehen, jedenfalls fühlt es sich für mich manchmal so an.
Außerdem kommt noch hinzu, dass wir, solange wir die Berichte schreiben, nachmittags kein Apoyo escolar und keine Escuelita für die älteren Kinder anbieten können. Aber ich bin optimistisch, dass wir das Berichte Übersetzen bald hinter uns haben werden.

Persönlich fühle ich mich immer noch sehr wohl in Paraguay. Unser Haus hier auf dem Gelände ist für mich zu einem anderen Zuhause auf der anderen Seite der Welt geworden und ich habe hier unglaublich tolle und nette Menschen kennengelernt.
Ich weiß jetzt schon, dass ich meine Paraguayischen Freunde sehr vermissen werde, wenn ich wieder in Deutschland bin.
Mit zwei von meinen besten Freunden hier war ich vor einem Monat die Jesuiten Ruinen in Trinidad besichtigen – quasi die Sehenswürdigkeit der Region. Der Ausflug war geschichtlich sehr interessant und ich konnte nochmal einen anderen Aspekt von Paraguays Kultur und Geschichte kennenlernen. Abends gab es im Dunkeln eine Lichtershow zwischen den Ruinen. Das war wirklich unglaublich schön und beeindruckend.
Vor ein paar Wochen sind meine Mitbewohnerin und ich dann unseren ehem. Mitbewohner in Ciudad del Este besuchen gefahren, wo er vor einem halben Jahr hingezogen ist.
Er zeigte uns Ciudad del Este, die zweitgrößte Stadt Paraguays und am nächsten Tag fuhren wir gemeinsam nach Iguazú, um uns die berühmten Wasserfälle von Brasilianischer Seit aus anzuschauen. Das war wirklich ein sehr beeindruckender Ausflug.
Insgesamt war es auch toll noch ein paar Ecken mehr in Paraguay gesehen zu haben. So konnte ich durch die Ausflüge mehr Eindrücke von Paraguay sammeln und mir ein größeres Bild machen.

Ansonsten steht jetzt mit dem Juni bald der Winter vor der Tür. Es wird zunehmend kälter, obwohl es immer noch viele sehr warme Tage gibt. Zu Hause schmeißen wir jetzt hin und wieder schon die Estufa (eine kleine tragbare Heizung) an.
Vor allem ist es schwieriger geworden, unsere Kleidung zu trocknen. Die Luftfeuchtigkeit ist meistens unheimlich hoch und außerdem gewittert und regnet es immer wieder heftig.
Deswegen hängen wir die Wäsche jetzt oft drinnen auf, damit sie nicht schimmelt. Wir haben schon von vielen hier gehört, dass das in Paraguay im Winter keine Seltenheit wäre. Die hohe Luftfeuchtigkeit lässt sogar das Salz bei uns im Schrank so klebrig werden, dass wir im Moment keinen Salzstreuer mehr verwenden können.

In diesem Zusammenhang muss ich auch immer wieder an die unglaubliche Arbeit denken, die die Tías hier Tag für Tag leisten. In jedem Haus Leben so zwischen fünf und acht Kindern und die Tías kümmern sich einfach um alles.
Sie müssen jeden Tag den Alltag mit so vielen Kindern bewältigen, für sie da sein und nehmen die Rolle einer Mutter ein. Wenn sie nicht Ferien haben, dann arbeiten sie 24/7 und sind immer für ihre Kinder da. Vor Kurzem hat eine Tía aufgehört, kurz nachdem zwei neue Kinder in das Haus gekommen sind. Sie hat aber auch Kinder dort zurückgelassen, für die sie wie eine Mamá war.
Ein Junge weinte während des Clubs de Lectura. Ein paar andere lachten erst über ihn, doch die Profe fragte sie, wie sie sich fühlen würden, wenn ihre Tía plötzlich ginge und ein Mädchen meinte, sie wäre sehr traurig, weil sie dann ihre Mutter verlieren würde. Und das ist es auch, was ich am aller meisten bewundere am Job der Tías. Sie sind wie Mütter für manche Kinder und sind sich dessen bewusst.
Und irgendwann einmal müssen sie ja schließlich mit dem Arbeiten aufhören und sie nehmen diese unglaubliche Verantwortung trotzdem auf sich. Das finde ich sehr sehr beeindruckend. Auch die Entscheidung dieser Tía beeindruckt mich. Zu gehen ist ihr sicherlich nicht leichtgefallen, aber sie hat diese Arbeit so lange gemacht und sich dazu entschieden, damit aufzuhören.
Diese Verantwortung zu tragen, das bewundere ich sehr.
Im SOS Kinderdorf hier in Hohenau gibt es außerdem eine Mitarbeiterin (Sie wird allerdings von allen auch Tía genannt), die schon seit Ewigkeiten dabei ist. Sie ist am längsten von allen, die dort arbeiten, im Kinderdorf tätig und kümmert sich seit je her um den Garten, das außerhalb gelegene größere Stück Land, das noch zum Kinderdorf dazugehört und übernimmt die Stellvertretende Leitung, wenn der Direktor mal nicht da ist.
Sie ist irgendwie wie der gute Geist bei allem, hat ein offenes Ohr für jeden und ist schon so lange dabei, dass sie sich einfach unglaublich gut auskennt.
Sie lebt selbst auf dem Gelände des Kinderdorfes. Ich bewundere sie sehr für ihre Arbeit. Es beeindruckt mich immer wieder, dass diese Frau schon so lange so viel Energie und Zeit ihres Lebens in ihre Arbeit steckt und dabei trotzdem nie müde wird, sich um die Belange der Kinder und des ganzen Dorfes zu kümmern.

Was mein Privatleben angeht, hat sich seit dem letzten Rundbrief nicht sehr viel getan.
Wenn das überhaupt noch möglich ist, unternehmen wir jetzt noch mehr mir unseren Freunden. Letzten Monat hatte meine Mitfreiwillige Geburtstag und wir haben zu alle zusammen gefeiert und sind einen Tag vorher mit einem guten Freund auf das Asuncionico gegangen. Das ist ein großes Musikfestival in der Hauptstadt Asunción. Das wir die Chance hatten, dort hinzufahren, war wirklich toll.

Über die freien Tage um Ostern wollten wir eigentlich an einer Konstruktion von Techo mitwirken. Techo (Dach) ist eine unabhängige soziale Organisation, die mit Hilfe von Freiwilligen Häuser für bedürftige Familien bauen. Über die Woche vor Ostern wurden in der Nähe von Hohenau auf diese Weise zwei neue Häuser errichtet.
Leider wurde ich zwei Tage vor Beginn der Konstruktion krank und konnte so doch nicht teilnehmen. Seraphina ist allerdings hingefahren und konnte dort wirklich tolle Erfahrungen sammeln.

Ich verbrachte Ostern dann stattdessen im Kinderdorf und feierte mit den drei Häusern in Obligado, die mich eingeladen hatten. Am Gründonnerstag gab es ein großes Festessen, bei dem vor allem ganz viel Chipas gegessen wurde. „Chipa ist das typische Essen an Ostern“ wurde mir immer wieder gesagt.
Der Ostersonntag selbst viel eher etwas ruhiger aus. Es gab Torte und Süßigkeiten wie Eier und Schokolade und in den Häusern wurde der Tag mit der Familie verbracht.
Ich durfte mit den 4 Jugendlichen ihrem kleinen Bruder und der Tía einen Film anschauen und konnte so das Fest mit Ihnen zusammen verbringen.
Insgesamt ist mir aufgefallen, dass die Woche vor Ostern als „Semana Santa“ (Heilige Woche) größer gefeiert wurde, als ich das aus Deutschland gewohnt war.
Den Brauch des Eierversteckens gibt es allerdings nicht. Man schenkt sich zwar auch Süßigkeiten, die gibt man sich allerdings meistens einfach wie ein normales Geschenk. Eine super leckere Süßigkeit, die ich aus Deutschland so nicht kannte, aber hier sehr typisch ist, ist ein echtes ausgeblasenes Osterei gefüllt mit gebrannten Nüssen oder anderen Süßigkeiten.

Es fällt mir schwer zu glauben, dass nicht mehr allzu viel Zeit hier bleibt. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie die letzten Monate hier werden und habe mir fest vorgenommen, die Zeit, die mir hier noch bleibt zu genießen.

Bis dahin
viele liebe Grüße aus dem herbstlichen Paraguay

Helena Dörner