1. Bericht Isis K.

tschüss Deutschland

Chile, 13.000km weit von Deutschland entfernt:

Genau drei Monate lebe ich jetzt schon hier, wobei es mir viel kürzer vorkommt. Der Abschied von Zuhause erscheint noch so nah und Chile so neu und unwirklich. Vor allem aber neu, da Sprache, Leute, Städte und Land sich sehr von meinem Zuhause in Deutschland unterscheiden.

Nun folgen ein paar Informationen sowohl zum Land als auch zu meiner Arbeit in den Kinderheimen.

Chile: Einer meiner ersten Eindrücke am Anfang war herauszufinden, dass die Chilenen richtig stolz auf ihr Vaterland sind. Dies wird am 18. September, am Nationalfeiertag, überdeutlich, aber auch durch die Nachrichten im Fernsehen ist dieses erfahrbar. Sie berichten ausschließlich nur von Chile. Von der indigenen Bevölkerung, der Mapuche, bekommt man nicht viel mit, da sie leider nur noch einen sehr minimalen Teil der Bevölkerung ausmachen. Oftmals tritt ihnen auch offener Rassismus entgegen. Dieser äußert sich sogar in Form von Gewalt bis hin zur Bedrohung durch Waffen.

Meine ersten Eindrücke: Das wohl Schwerste war und ist leider immer noch die spanische Sprache. In den ersten Wochen hatten wir in Santiago zwar einen Sprachkurs, doch hat das richtige Spanisch Lernen erst durch meine Arbeit und durch meine Gastfamilie angefangen. Was mir auch sofort ins Auge fiel, ist die unglaubliche Länge des Landes, wodurch die zurückzulegenden Distanzen sehr weit sein können. Dieses erkannte ich vor allem während meiner 12stündigen Busfahrt von Santiago de Chile nach Osorno, im Süden des Landes. Wenn ein Ziel zwei Stunden entfernt liegt, ist das für uns Deutsche schon recht weit weg. Für die Chilenen liegt dieses jedoch quasi in der Nachbarschaft. Jedenfalls kam ich voller Neugier und Vorfreude auf meine künftige Heimatstadt und meine Gastfamilie in Osorno an. In Osorno ging es dann richtig mit den neuen Eindrücken los. Ich befand mich in einer fremden Stadt, mir unbekannte Menschen umgaben mich und vor allem musste ich mich auch an die Sprache und den Alltag gewöhnen.

Mein Alltag: Von Montag bis Mittwoch sowie freitags arbeite ich morgens, von 9:00-13:00 Uhr, in einem Kinderheim für Kinder von 0 bis 5 Jahren, momentan leben hier etwa 15Kinder, Nachmittags von 15:00-19:00 Uhr arbeite ich in einem weiteren Kinderheim für Mädchen von 6 bis 18 Jahren. Hier leben ungefähr 30 Mädchen jeweils immer 6 oder 8 in einer Cabaña (wörtlich: Hütten) die alle nah bei einander auf einem Gelände stehen. Insgesamt gibt es vier davon. In der Mitte befindet sich auf dem Gelände ein kleiner Sportplatz. Das erste Kinderheim wird staatlich unterstützt (SENAME) und gehört damit zu den wenigen Heimen die gut funktionieren, da an andern staatlichen Heimen die Gelder fehlen. Das andere Kinderheim ist ebenfalls staatlich (ONG), wird aber auch sehr von der Kirche unterstützt. Alle Kinder stammen aus Familien die Probleme mit Gewalt, Drogen, Alkohol und Armut zu Kämpfen haben. Einige von ihnen haben auch nur noch ein Elternteil. Für die Kinder ist es sehr schwer ohne Eltern aufzuwachsen, vor allem für die, die ihre Eltern aus verschiedenen Gründen weder am Wochenende noch zu den Besuchszeiten sehen können. Donnerstags arbeite ich immer für die Kirche: Ich übertrage die Daten der alten Taufregister in eine Excel-Tabelle. Außerdem begleite ich den Pfarrer zum Gottesdienst im Altenheim, in den Konfirmandenunterricht sowie in den Religionsunterricht in der deutschen Schule in Osorno.

Meine Anfangszeit: Das wohl Offensichtlichste in einem anderen Land ist das Problem mit der Sprache. Anfangs konnte ich weder die kleinen Mädchen noch die Betreuerinnen (Tías – wörtlich: Tanten) verstehen. Sie sprachen allesamt Dialekt und erstere noch dazu undeutlich. Mein eigenes Spanisch war noch so lückenhaft trotz drei Jahren Unterricht in meiner Ulmer Schulzeit. Ich wusste einfach nicht so richtig, wie meine Gedanken in der fremden Sprache ausdrücken. So war dann der Start richtig schwierig. Es hat gedauert, bis ich genau verstanden hatte, was meine Aufgaben bei der Arbeit waren. Da fallen natürlich alte Sprichwörter ein: „Aller Anfang ist schwer…“. Und es beschlich mich mitunter immer wieder das Gefühl, fehl am Platze zu sein. Zum Glück ist dieses heute völlig anders! Zurückblickend muss ich sagen, dass meine Eingewöhnungsphase ungefähr drei Wochen dauerte.

Meine Arbeit in den Heimen: Meine Arbeit mit den Kindern in beiden Heimen macht mir sehr viel Spaß. Jeden Tag erlebe ich etwas Neues, was die Tage sehr vielseitig und interessant macht. Mit den Kindern des ersten Heimes mache ich morgens immer das Programm mit, das die Erzieherinnen, die Tías, geplant haben. Meistens basteln, backen, tanzen oder malen wir. Ich gestalte die Vorschule mit. Manchmal unternehmen wir auch ein Ausflug in den Park. Den Nachmittag mit den schon etwas älteren Mädchen im anderen Heim gestalte ich immer selbst, außer es steht dort eine andere Veranstaltung an. Normalerweise aber machen wir mein Bastelprogramm oder führen meine geplante Backaktion durch. Da es dort vier Cabañas (wörtlich: Hütten) gibt, in denen die Mädchen wohnen, besuche ich jede einmal in der Woche. Mit der Sprache ist es zum Glück jeden Tag besser geworden. Mittlerweile kann ich nicht nur besser Gespräche führen, wobei meine Grammatik immer noch sehr zu wünschen übriglässt (oftmals rede ich nur im Präsens), sondern ich verstehe endlich die Telenovela (wörtlich: den Fernsehroman), welche die Mädchen im Heim fast täglich ansehen. Durch meine Sprachfortschritte wurde es auch endlich möglich, mit den Mädchen nachmittags kreativ zu werden. Ich kann nun meine vorbereiteten Aktionen erklären und auf Rückfragen antworten. Wir können Dinge gemeinsam machen, mit Basteln oder Backen ohne Missverständnisse beginnen. Meine Aussprache ist in der Zwischenzeit richtig gut geworden. Ich wurde schon ein paarmal gefragt, ob ich aus Mexiko käme. Was mich anfangs etwas überforderte, führe ich mittlerweile selbstständig durch und habe viel Freude dabei. Meiner Kreativität kann ich freien Lauf lassen und Dinge während der Arbeitszeit machen, die mir und zum Glück auch den Mädchen, Spaß machen. Auf diese Weise kann ich den Mädchen offener begegnen und unser gegenseitiges Verstehen wird besser. Täglich bekomme ich ein besseres Verhältnis zu ihnen.

Fazit nach drei Monaten: Schon nach drei Monaten kann ich sagen, dass ich viele neue Dinge gelernt habe, sowohl über mich selbst als auch über das Land Chile. Was ich aber vor allem erfahren habe ist, dass es nichts schöneres gibt, als seine eigenen Fortschritte zu beobachten und zu erkennen, wie die anfangs riesig erscheinenden Herausforderungen (Sprache und Eingewöhnen in Arbeitsprozesse) verschwinden und das Unbekannte langsam zum Zuhause wird. Dieses ist eine Erfahrung, die mich stolz macht und Kraft gibt. Daher bin ich sehr froh, mich für den Freiwilligendienst in Chile entschieden zu haben und ich freue mich deswegen umso mehr auf die Monate, die noch vor mir liegen.