Isis K. - 2. Bericht aus Chile

child_care Halbzeit

Genau sechs Monate lebe ich jetzt schon in Chile. Allerdings muss ich gestehen, je länger ich hier bin, desto kürzer kommt mir mein Aufenthalt vor. Mir gefällt meine neue Heimat so sehr, dass ich am liebsten nicht mehr nach Deutschland zurück will, obwohl ich natürlich meine Familie und meine Freunde dort sehr vermisse. Nach einem halben Jahr jedoch konnte ich mir hier ein neues Leben aufbauen. Das Land und die Kultur, welche mir anfangs so fremd waren, werden richtig familiär. Auch fällt mir die Sprache immer leichter. Dadurch werden zum Glück längere Gespräche möglich.

Die Arbeit wird immer vertrauter, vieles hat sich eingespielt und die Bindung zu meinen Kindern und den Mädchen in den Heimen werden immer intensiver und enger. Zu meiner großer Freude kann ich berichten, endlich chilenische Freunde gefunden zu haben, was das Leben in Osorno gleich 10mal besser macht.

Zur gleichen Zeit werden jedoch die kleinen oder etwas größeren Unterschiede zu Deutschland, die mir auffallen, immer mehr und deutlicher. Seien es die kleinen Dinge, wie die Angewohnheit der Chilenen ihre Tomaten zu schälen oder wie die Tatsache, dass der Motor des Autos mindestens fünf Minuten vor Abfahrt angemacht wird, damit er sich warmlaufen kann, oder auch die größeren.

In Chile müssen alle ständig ihre Ausweise vorzeigen, etwa beim Kauf einer Fahrkarte, im Supermarkt bei Zahlung mit Kreditkarte… Manchmal meine ich, dass dieses an frühere Zeiten erinnern wollte, als eine stabile Demokratie noch undenkbar war. Ebenfalls war mein Start ins neue Jahr ungewöhnlich. Wir Freiwilligen standen mit einem Pisco Sour (dem „Nationalalkoholgetränk“ - Tresterschnaps mit Limettensaft) in der Hand in Valparaiso auf einem Balkon mit Aussicht auf Meer und Strand und dem größten Feuerwerks Lateinamerikas. Anders als gewohnt war auch mein Weihnachten.

Weihnachtsbäckerei im Heim

Das Weihnachtsfest findet in Chile mit sommerlichen Temperaturen statt, ohne Schnee und ohne typischen deutschen Weihnachtsmarkt mit Glühwein. Mir haben auch unsere Traditionen, wie Weihnachtsbäume und Adventskalender, gefehlt. Allerdings konnte ich mit den Mädchen im Heim deutsche Weihnachtsplätzchen backen, was uns allen sehr viel Spaß gemacht hat.

Am meisten jedoch hat mir meine Familie gefehlt. Dank meiner lieben gastgebenden Familie hatte ich aber dennoch ein sehr schönes Weihnachten in Chile; mit klassischem Kirchgang am Abend mit meiner chilenischen „Familie“ und der Bescherung am 25. Dezember. An Heilig Abend war ich vormittags und nachmittags noch bei meiner Arbeit in den beiden Heimen gewesen.

Dieses war dann der letzte Tag vor den Weihnachtsferien und den sich daran anschließenden Sommerferien.

Kirchencamp in Puerto Fonck

In den ersten beiden Wochen der Sommerferien konnte ich Freizeiten der evangelischen Gemeinde begleiten und ich durfte bei Kinder- und Jugendcamps verantwortlich mitarbeiten. Auf der Freizeit am See, am Lago Llanquihue, haben wir mit den Kindern das Thema Schöpfung behandelt. Es gab verschiedene Workshops, um das Thema einfach und verständlich zu machen. Wir haben außerdem gemeinsam Lieder gesungen und in der Bibel gelesen. Nicht allein die teilnehmenden Kinder und Jugendliche hatten viel Spaß, auch wir freiwilligen Helferinnen und Helfer.

Ich arbeite und helfe immer gerne in der Kirchengemeinde mit, da die Leute dort einem das Gefühl von Geborgenheit und einem Zuhause geben. Zu der Pfarrfamilie in Osorno gibt es nicht allein die „beruflichen“ Kontakte, auch in der Freizeit werde ich immer wieder eingeladen, etwas gemeinsam zu unternehmen. Deswegen freue ich mich auch wieder, im neu beginnenden Konfirmandenunterricht mitzuarbeiten sowie mich an der Kinderkirche zu beteiligen. Wie gewohnt werde ich den Pfarrer zum Gottesdienst im deutschen Altenheim begleiten.

Die weitere Zeit der Sommerferien habe ich genutzt, um mein neues Heimatland zu erkunden. Erst bin ich in den Norden bis nach Bolivien und danach ganz in den Süden gereist. Dabei ist mir dieses an den Anden entlang gezogene Land in seiner vollen Länge (4200 km!) bewusst geworden und welche wahnsinnig großen Distanzen dadurch überwunden werden müssen.

Und es ist nicht allein die Wegstrecke; es sind auch so unterschiedliche Vegetations- und Temperaturzonen, die es in Chile gibt. Eine Reise von der Atacama Wüste im Norden bis zum Tor zur Antarktis im Süden. Allerdings kann ich behaupten, dass alle Chilenen sowohl im Süden als auch im Norden sehr sympathisch, hilfsbereit und freundlich sind.

Zusammengefasst kann man sagen, dass Chile ein wunderschönes und vielfältiges Land mit Bergen, Seen, Flüssen, Meer, Wüste, Waldgebieten, Gletschern und Fjorden ist.

Aber so schön das Land auch sein mag, hat es leider, wie jedes andere Land auch seine hässlichen Seiten, die sich durch korrupte Polizei und Politiker sowie durch Konflikte und Diskriminierungen gegenüber indigenen Völkern oder Menschen mit dunklerer Hautfarbe bemerkbar machen.

Während meiner Ferien konnte ich mich auch nochmal so richtig mit der Geschichte, der Kultur und der Politik des Landes befassen, da vor allem letzteres die Chilenen selbst sehr beschäftigt. Jugendliche fragen oft danach, was eigentlich ihre Identität ausmache: die indigenen Völker, die spanischen Eroberer, die vielen Siedler, die aus Europa gekommen sind…?

Auch gibt es weitere Probleme, so beispielsweise die viel zu teure Bildung – wenn sie denn eine gute sein soll - oder die sehr labilen Krankenkassen- und Rentensysteme, die nur einen sehr ungleichen Zugang von Bevölkerungsteilen zulassen.

Trotzdem schaffen es die Chilenen, mit einer leichten und freundlichen Art zu leben. Alle haben ein Lächeln übrig und grüßen auf der Straße mit einem gewinnenden „Hola“ (Hallo). Dieses fange ich immer mehr an zu übernehmen. Und ich hoffe, diese Freundliche im zwischenmenschlichen Umgang wird mich mein ganzes Leben begleitet. Denn wenn ich eines in Chile gelernt habe, dann ist es dieses, dass man mit Freundlichkeit und Liebe zu seinen Mitmenschen weiter im Leben kommt. Deswegen freue ich mich auch sehr, dass ich noch weitere sechs Monate hier leben und in meinen beiden Kinderheimen arbeiten darf. Ich bin auch sehr motiviert, nach den Ferien wieder zu arbeiten und „meine“ kleinen Kinder im ersten Heim und die Mädchen im zweiten sehen zu können.

Eure Isis