3. Bericht

Hallo meine Lieben, dies wird mein letzter Bericht aus Chile sein. Ich kann es noch gar nicht glauben, dass ich schon in ein paar Wochen wieder zu Hause in Deutschland sein werde.

Das Jahr ist so schnell an mir vorbeigerast, wie kein Jahr jemals zuvor. Es ist einfach unglaublich, wie viel in nur einem Jahr passieren kann.

In diesem Jahr habe ich so viele neue Dinge gesehen, erlebt und gelernt, wofür ich unglaublich dankbar bin.

26 Dinge, die ich während meines Freiwilligendienstes in Chile gelernt habe:

1. Mehrere Sprachen sprechen zu können, öffnet Türen!

2. Nutze deine Stimme, vor allem, wenn du die Sprache kannst.

3. Ergreife selbst die Initiative, weil niemand anders deine Sachen erledigen wird.

4. Sei selbstbewusster, weil alle in einem neuen Land zwangsläufig mit fremden Personen zu tun haben. Nur so lernt ein Mensch, Leute anzusprechen.

5. Werde selbstständiger, weil alle sich, ohne Mama, um die eigenen Termine kümmern müssen.

6. Die Familie ist das Wichtigste im Leben, weil sie einem Halt, Stärke und Liebe schenkt.

7. Übernimm Verantwortung, nicht nur für dich, auch bei der Arbeit im Heim für die Mädchen.Das muss ich im Heim seit neustem öfters, da ich fehlende Tías (Erzieherinnen) vertreten darf und sogar die Schlüssel vom Hogar (Kinderheim) bekomme.

8. Deutschland zu schätzen, da wir viele Privilegien haben. Wir halten vieles für selbstverständlich, was aber eigentlich nicht normal sein sollte. Dies wird mir zum Beispiel an unserem Krankenkassen- und Gesundheitssystem, aber auch am Schulsystem bewusst. In Chile sind diese nicht so gut und vieles läuft nicht so reibungslos. Vor allem Letzteres wird mir an meinen Heimkindern deutlich. Die Bildung an öffentlichen Schulen lässt wirklich zu wünschen übrig. Aktuell kommt noch hinzu, dass seit ca. 40 Tagen das Lehrpersonal streikt. Niemand weiß genau, wann die Kinder wieder in die Schule gehen können. Aber dieser momentane Streik ist leider keine Ausnahme, wie ich von meinem Gastbruder erfahren habe. Während seiner Schulzeit konnte er damals fast ein Jahr lang nicht mehr zur Schule gehen.
So gut ich auch die Beweggründe des Lehrkörpers verstehe, finde ich es jedoch schlimm, dass die Schülerinnen und Schüler in Chile nicht regelmäßig zur Schule gehen können und keine gute Bildung in der Schule erhalten.

9. Dankbarkeit für mein Leben, da ich so viele Möglichkeiten habe, anders als hier die meisten Chilenen.

10. Es gibt so viele liebe und nette Menschen auf der Welt!

11. Weniger pingelig zu sein, da Gesundheit, Familie und ein Dach über dem Kopf die Dinge im Leben sind, auf die es wirklich ankommt.

12. Das Interesse für Politik ist wichtig! Es ist ein Privileg, dass uns in Deutschland Politik nicht zwangsläufig zu interessieren braucht. Allerdings denke ich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich dieses ändern wird.

13. Ein Bewusstsein für die Umwelt zu haben, da wir durch unsere Lebensweise den Klimawandel beschleunigen, unsere Erde zumüllen und die Ausbeutung anderer Menschen (beispielsweise durch die Fast Fashion-Industrie) unterstützen. Auch hier in Chile fangen immer mehr Menschen an, sich für ihre Umwelt einzusetzen, vor allem die jüngere Generation.

14. Nicht alle Länder sind in Sachen Feminismus so weit vorangeschritten wie Deutschland. In Chile merkt man dieses leider an dem sehr verbreiteten Machismo. Jedoch gehen immer mehr Frauen auf die Straße, um sich für mehr Gleichberechtigung einzusetzen.

15. Das Leben als Heimkind ist nicht leicht. Die ständig fehlende Liebe macht den Kindern sehr zu schaffen, da die Eltern kaum vorhanden sind.
Das Schicksal eines Mädchens hat mich besonders bewegt und mir viel zum Nachdenken gegeben. Das Tragische ist, dass Kinder aufgrund der fehlenden Liebe, sich diese wo anders, als im Elternhaus, suchen. Dieses Mädchen ist kein Einzelfall. Viele Mädchen geraten leider oft an viel zu alte Männer, die sie sexuell ausnützen und missbrauchen.

16. Chile wird bald zum Industrieland erklärt. Alle sagen mir jedoch, dass Chile noch lange nicht so weit ist. Dies sieht man nicht nur am Kranken- und am Rentensystem, sondern auch auf Schritt und Tritt, wenn man durch die ärmeren Viertel Chiles läuft. Es gibt viel zu viele schlechte Straßen, marode, undichte und nicht isolierte Häuser. Arme Menschen erhalten kaum Hilfe vom Staat.

17. Die sozialen Schichten in Chile klaffen weit auseinander. Dieses wird mir jeden Tag bewusst anhand der Schüler und Schülerinnen der Deutschen Schule Osorno, einer Privatschule. Die Schüler und Schülerinnen wohnen in den reichen Gegenden von Osorno. Sie fahren jede Ferien in den Urlaub und sie werden mit einem großen Auto zur Schule kutschiert.
Diese andere Seite sehe ich nicht nur im Heim, sondern auch bei meinen chilenischen Freunden, die so gut wie niemals in ihrem Leben außerhalb Osornos waren. Ich selbst fühle mich schuldig, wenn ich daran denke, in wie vielen Ländern ich schon war und wie unbeschwert ich reisen kann. Es ist ein Privileg für uns in Deutschland und ist auf keinen Fall selbstverständlich.

18. Auch wenn mir die Arbeit im Heim Freude bereitet, muss ich zugeben, dass die Schulzeit doch sehr viel angenehmer war. Ich hatte damals mehr Freizeit. Ich freue mich nun sehr auf mein Universitätsstudium!

19. Chile kann vor allem im Süden richtig kalt werden. Da die Häuser aber weder richtig isoliert sind noch mit einer Heizung ausgestattet sind, wird einem im Winter nie ganz warm. Es gibt zwar Holzöfen in einzelnen Zimmern, aber die Häuser sind nie richtig geheizt, und das Heizen mit Holz sorgt für viele Smog. Deswegen steht Osorno leider an erster Stelle, was die Luftverschmutzung der Städte Südamerikas angeht.

20. Chile hat viele Fassetten, deswegen hat man auch nach einem Jahr das Land nicht richtig kennengelernt.  Auch nach einem Jahr fühle ich mich manchmal noch so fremd.

21. Chile hat definitiv landschaftlich mehr zu bieten als Deutschland, was mir durch das Reisen durch die Atacama-Wüste, die Welt der Gletscher, angesichts der vielfältigen Wälder, der Vulkane und der Strände bewusst geworden ist.

22. Chile ist im Vergleich zu anderen südamerikanischen Ländern sehr europäisch angehaucht: Dieses wird an der Art der Kleidung und der Mentalität der Leute deutlich. Sie sind ein bisschen weniger „Latino“ als andere in den Nachbarländern.

23. Ich persönlich finde, dass die westliche, sowohl die nordamerikanische als auch die europäische „Welt“ Südamerika überrollt, sodass blonde Haare, blaue Augen und weiße Haut hier als Schönheitsideale gelten. Aber niemand hat dieses von Natur aus, außer diejenigen, die deutsche Vorfahren haben. Was in Chile leider verloren geht, ist die Wertschätzung der indigenen Kulturen. Hier in Chile gibt es noch die Rapa Nui auf den Osterinseln, die Aymara auf der Altiplano-Hochebene im Norden, das Huiliche Volk auf der Insel Chiloé im Süden und das größte und älteste indigene Volk Chiles: die Mapuche im Süden. Andere indigenen Volksgruppen sind leider schon verschwunden.

24. Je länger ich in Chile bin, desto mehr wird mir bewusst, dass die meisten Menschen in Deutschland alles haben können, was sie sich kaufen wollen. Richtig verzichten muss bei uns niemand.

25. Das Essen von Mama ist das beste! Hier ist das Essen sehr fettig (zum Beispiel Empanadas) oder zu süß (zum Beispiel sind alle Fruchtsäfte gesüßt). Frisches Gemüse und Obst wird weniger gegessen. Für mich als Vegetarierin kommt hier zu viel Fleisch auf den Tisch.

26. Die evangelische Kirche ist in vielen Ländern der Erde eine Minderheit, die im gesellschaftlichen Leben nur eine kleine Rolle spielt, wenig wahrgenommen wird und nicht so viele Möglichkeiten hat, in der Öffentlichkeit präsent zu sein. In Chile gehören nur ungefähr 15.000 Christen zu den beiden lutherischen Kirchen. Es gibt noch einige andere Kirchen im Land, die mehr Gemeindeglieder haben.                              Die katholische Kirche ist aber unbestritten die größte, denn in Chile leben knapp 19 Millionen Menschen.

Ich werde auf jeden Fall meine letzten Wochen hier ausnutzen, um noch mehr Eindrücke mit nach Deutschland nehmen zu können. Ich weiß, dass mir der Abschied von meinem aktuellen Leben schwerfallen wird. Ich habe die so freundlichen Menschen in Chile ins Herz geschlossen! Mich wird es, glaube ich, immer wieder zurück nach Chile ziehen, um meine chilenischen Freunde, aber vor allem auch meine chilenische Familie zu besuchen. In meiner chilenischen Familie gibt es seit zwei Wochen ein neues Mitglied: Meine kleine süße chilenische „Nichte“ ist zur Welt gekommen!

Ich möchte ein ganz großes und herzliches Dankeschön an alle sagen, die mich in diesem Jahr so sehr unterstützt haben, finanziell, im Gebet und auch emotional. Also vielen, vielen, lieben Dank dafür!

In diesem Sinne, auf das wir uns bald in Deutschland wiedersehen!

Eure Isis