Laura F.- 2.Bericht aus Caranavi, Bolivien

Buen día,cómo estas?

In etwa so wird man hier immer begrüßt (Guten Morgen, wie geht’s?).

Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht. Nun bin ich schon ein halbes Jahr in Bolivien und die Hälfte des Freiwilligendienstes liegt bereits hinter mir. Das Gute ist aber, dass ein weiteres halbes Jahr voller spannender Erfahrungen und Erlebnissen vor mir liegt.

Zeit im Internat bis zu den Sommerferien

Beim taller de repostería: Tucumanas (frittierte Teigtaschen mit Hühnchen und Gemüse gefüllt)

Seit dem letzten Erfahrungsbericht habe ich so Einiges erlebt.

Das Leben im Internat ist bis Ende November ziemlich beim Alten geblieben. Die Motivation der Mädels etwas für die Schule zu machen, ist immer weiter gesunken, da die Sommerferien kurz vor der Tür standen.      Vormittags haben Magda und ich die Inventur des Internats übernommen (Bücher zählen und sortieren; Stühle, Tische etc. nummerieren...). Mit der Inventur sind wir sogar vor Beginn der Sommerferien fertig geworden und konnten somit früher in unseren Urlaub starten. Dazu aber später mehr.

An einem Wochenende im November kam eine Hobbybäckerin aus La Paz nach Caranavi, um mit uns allen einen taller de repostería (Backworkshop) durchzuführen. Das ganze Wochenende haben wir nur gebacken und gelernt ganz viele verschiedene bolivianische Backwaren herzustellen (Saltenas, Tucumanas, Empanadas, rollo de queso, alfajores,...). Fast alle Mädchen haben an diesem Backworkshop teilgenommen und wir hatten riesig Spaß daran. Die ganze nächste Woche konnten wir noch von unseren Backwaren naschen.

In der letzten Schulwoche wurde im Internat noch fleißig gearbeitet: Jedes Mädchen musste Stühle und Tisch abschleifen und bestreichen. Dies nahm sehr viel Zeit in Anspruch, sodass keine Zeit für Anderes blieb.
Ende November war der letzte Schultag und alle Eltern wurden eingeladen, um einen Rückblick auf das vergangene Schuljahr zu erhalten und eine Evaluation zu machen. Die Mädels haben am Vortag fleißig gebacken und ihren Eltern präsentiert, was sie beim Backworkshop gelernt haben. Der Großteil der Mädels ist an diesem Freitag mit seinen Eltern nach Hause gegangen.

Mit den Mädchen, die noch geblieben sind, haben wir in der ersten Dezemberwoche einen Großputz veranstaltet und am Dienstag einen Ausflug an den Fluss gemacht. Wir hatten sehr viel Spaß und lachten viel. Am Mittwoch sind dann alle Mädels nach Hause gegangen und das Internat war ungewohnt leer. Magda und ich räumten noch das Internat auf und putzten nochmal Einiges und durften dann am nächsten Tag in unseren Urlaub starten.

Urlaub in Bolivien

Die laguna suarez in Trinidad

In La Paz schauten wir uns unter anderem das valle de las animas (Tal der Seelen) an. Nachdem hatten wir ein dreitägiges Seminar in Coroico zum Thema Schutz von Kindern. Dort trafen wir nach langer Zeit unsere zwei Mitfreiwilligen aus Cochabamba wieder. Es war sehr interessant und ich konnte Einiges an Input aus diesen drei Tagen mitnehmen. Magda und ich sind von La Paz den Inkapfad runtergelaufen, welcher eine drei-Tages Wanderung ist, bei der man auf 5000 Höhenmetern startet und hauptsächlich nur bergab in die Yungas läuft. Die Natur auf dem Weg ist atemberaubend und es war auf jeden Fall die schmerzenden Füße und den Muskelkater im ganzen Körper wert. Direkt am nächsten Tag sind wir auf das viertägige Jugendcamp der evangelischen Kirche nach Sorata gefahren. Es hat unglaublich Spaß gemacht und es war richtig schön so viele neue Leute kennen zu lernen. Dann stand auch schon Weihnachten vor der Tür. An Heiligabend haben wir in der Kirche beim Krippenspiel, als Gastwirtinnen, mitgespielt. Erstaunlich war für mich, dass das Krippenspiel der Hauptteil des Weihnachtsgottesdienstes war, wo doch der normale Gottesdienst sonntags ca. 3 Stunden dauert. Wir haben noch ein, zwei Lieder gesungen, eine Art Kuchen gegessen, heiße Schokolade getrunken und dann war der Gottesdienst auch schon vorbei. Am 25. Dezember sind wir mit ungefähr 20 Jugendlichen aus der Kirche in ein Dorf hinter El Alto gefahren. Dort haben wir mit den Kindern gespielt, eine Geschichte aus der Bibel vorgespielt und ihnen Weihnachtsgeschenke überreicht. So wie ich Weihnachten in Bolivien erlebt habe, ist das Weihnachtsfest mehr für Kinder: Nur den Kindern wird etwas geschenkt. Einige gehen in den Gottesdienst und manche bereiten ein feierliches Essen zu, welches in der Nacht vom 24. auf den 25.12. mit der Familie verzehrt wird. Kurz nach Weihnachten sind Magda und ich nach Uyuni gefahren und wir haben eine ein-Tages Tour auf dem Salar de Uyuni (weltgrößter Salzsee) gemacht. Es war unglaublich schön und da gerade Regenzeit ist, konnte man schöne Bilder mit Spiegelung machen. Direkt anschließend sind wir in die Weinstadt Tarija gefahren. Haben dort eine Weintour gemacht und die Stadt erkundet. In Tarija haben wir zwei auch Silvester gefeiert. Was uns erstaunt hat, ist, dass, obwohl Tarija DIE Stadt zum Silvester feiern sein soll, keine feierliche Stimmung aufkam und wenig Feuerwerk in die Luft geschossen wurde. Kurz darauf hatten wir schon unser Zwischenseminar mit dem BKHW (bolivianisches Kinderhilfswerk) in der Hauptstadt Sucre. Von dort ging es nach Santa Cruz und dann nach Trinidad. Trinidad liegt im Amazonasgebiet und ist eine unglaublich schöne Kleinstadt. Dort haben wir Süßwasserdelphine und Krokodile gesehen, was für mich eindeutig ein Highlight des Urlaubs war. Nach drei Tagen ging es zurück nach Santa Cruz, wo wir unsere Baustelle vom Anfang besichtigen durften.

Arbeitsbeginn

Besuch von meiner Schwester und Lukas- gemeinsam sind wir einen wunderschönen Garten

Ausräucherung des Zentrums um die gefährlichen Dengue-Mücken zu töten

Der Fluss in Caranavi ist aufgrund der starken Regenfälle über die Ufer getreten und hat Wege mit sich gerissen

Am 21. Januar war für uns wieder Arbeitsbeginn hier in Caranavi. Nach so vielem Reisen war man auch wieder glücklich an einen Ort zurück zu kehren, der für einen inzwischen, wie ein zweites zuhause ist. Wir wurden kurz von Corina eingewiesen, was zu tun ist, da sie nach La Paz reisen musste. Magda und ich durften die Aufgabe die Mädchen für dieses Jahr einzuschreiben, übernehmen. Wir führten mit den Eltern, die ihre Tochter das erste Mal anmelden, das Auswahlgespräch und sollten dann entscheiden, ob wir das Mädchen aufnehmen oder nicht. Das war nicht immer ganz einfach und für uns beide eine große Verantwortung und Herausforderung.

Außerdem wurde in dieser Vorbereitungszeit Einiges im Internat repariert, Magda und ich packten auch mit an: Wir haben alle Fliegengitter mit Zange und Hammer entfernt.

Hier hat die Regenzeit jetzt richtig begonnen und es hat zwischendurch vier Tage am Stück geregnet. Dadurch sind einige Flüsse übergelaufen und der Weg nach La Paz war für über eine Woche nicht befahrbar, da es dauernd zu Erdrutschen kam. Dadurch bedingt hatten wir auch für drei Tage kein Wasser, da das Wasser aus dem Fluss zu dreckig ist und kein Gas, da der Wagen, der das Gas bringt nicht aus La Paz weggekommen ist.

Aufgrund dieser gravierenden Situation wurde der Schulbeginn zunächst verschoben, da einige Wege in Caranavi unbefahrbar sind und man von La Paz nicht nach Caranavi kommt. Unsere Chefin saß wie viele Andere für 11 Tage in La Paz fest. Somit bereiteten wir das Zentrum weiter vor und kümmerten uns um die Fragen der Eltern.

Mitte Februar begann die Schule dann relativ spontan mitten in der Woche. Dieses Jahr wohnen 20 Mädchen im Internat. Einige konnten aufgrund der zuvorigen schweren Regenfälle immer noch nicht nach Caranavi kommen, somit waren es zunächst nur 14.

Der Alltag im Internat ist so langsam wieder eingekehrt. Da wir dieses Jahr 3 Mädchen haben, die nachmittags zur Schule gehen, machen wir nun auch vormittags mit den Mädchen Hausaufgabenbetreuung. Somit arbeiten wir nun sozusagen ab dem Frühstück bis nach dem Abendessen. Eine neue Herausforderung bei der Hausaufgabenbetreuung ist, dass wir quasi 2 Analphabetinnen haben und ihnen erst Lesen und Schreiben beibringen müssen. Was mich aber sehr erfreut, ist, dass wir dieses Jahr insgesamt eine viel aktivere und homogenere Gruppe haben und somit eine größere Gruppendynamik herrscht. Dadurch spielen wir sehr oft nach dem Abendessen gemeinsam Fußball oder Tischkicker.

Was für mich auch einen großen Fortschritt darstellt ist, dass wir eine vegetarische Woche durchgesetzt haben, in der wir den Speiseplan geschrieben haben und gemeinsam mit unserer Köchin durchsetzen. In meinem Projekt wird nämlich sehr viel Fleisch konsumiert und die Mädels kennen generell nicht viel Abwechslung.

Gerade ist meine Schwester zu Besuch im Projekt und arbeitet in der Hausaufgabenbetreuung mit. Darüber bin ich sehr glücklich und ich freue mich jemanden hautnah zeigen zu können, wie unser Projektalltag abläuft.

Land und Leute

Die bolivianische Kultur gefällt mir immer noch sehr gut. Durch unseren Urlaub, indem wir viele Orte Boliviens erkundet haben, hat sich das Bild über Bolivien immer weiter vervollständigt. Im Gottesdienst singen wir inzwischen des Öfteren auch auf aymara, was mir sehr gut gefällt und somit die bolivianische Kultur erhalten wird. Schade ist nämlich, dass die jüngeren Generationen immer weniger die indigene Sprache aymara beherrschen.

Die Bevölkerung Boliviens beschäftigt gerade die bevorstehende Präsidentschaftswahl. Aufgrund dessen gab es in den größeren Städten Boliviens, wie z.B. Cochabamba und Santa Cruz, Proteste gegen eine neue Präsidentschaftskandidatur von Evo Morales. Ein großer Grund für die Proteste ist „21-F“. Am 21. Februar 2016 gab es ein Referendum, indem entschieden werden sollte, ob Evo Morales noch eine dritte Legislaturperiode antreten darf. Die Mehrheit stimmte dagegen, doch Morales ignorierte das Ergebnis des Referendums und ließ veranlassen, dass er bei der nächsten Präsidentschaftswahl wieder als Kandidat zur Wahl steht. Ein Großteil der Bevölkerung fühlt sich deshalb betrogen und machtlos.

Auch in der IELB stehen große Wahlen bevor: Ende März wird der neue Kirchenpräsident der evangelischen Kirche Boliviens gewählt, was Einiges verändern kann. Im Kreise der Kirche merkt man die Anspannung.

Persönlich

Ich fühle mich im Internat immer wohler und inzwischen quasi wie zu Hause. Mit den neuen Mädels klappt es richtig gut und der Großteil ist total herzlich und sehr zutraulich. Das Land Bolivien ist für mich auf jeden Fall mein zweites zu Hause geworden und ich fühle mich in dem Land an sich super wohl und genieße die hilfsbereite, offene, interessierte und faire Art der Bolivianer.

Für mich persönlich wird mir in meinem Freiwilligendienst immer klarer, was ich in Deutschland alles habe und wie ich früher alles für selbstverständlich angesehen habe: Wie z.B. eine Waschmaschine, immer fließend Wasser, warmes Wasser... Ich lerne aber dadurch, auch mit viel weniger klar zu kommen und solche kleinen Dingen mehr wertzuschätzen. Was mir auch besonders vor die Augen geführt wird, und worüber ich so unglaublich glücklich bin und es inzwischen wertzuschätzen weiß, ist die Bildung in Deutschland. Im Vergleich zu der bolivianischen Bildung liegen Welten. Die meisten Mädels haben zum Beispiel mehr als 90 von 100 Punkten in Englisch im Zeugnis, können aber gerade mal sich vorstellen und nicht einmal ein Gespräch führen. Gerade über den guten Fremdsprachenunterricht in Deutschland bin ich sehr glücklich, welcher mir hier in Bolivien ein großer Vorteil ist.

Vielen Dank!

Soweit zu mir aus meinen letzten drei Monaten:

Ich danke jedem von euch, der mich unterstützt und mir diese unglaubliche Erfahrung möglich macht. Und ich freue mich natürlich weiterhin über jeden, der sich bei mir meldet!

Les mando muchos saludos y un abrazo fuerte,

eure Laura