3. Bericht

 Hallo ihr Lieben!

?Como están? Ich hoffe euch allen gehts gut!

Bei euch ist es bestimmt wärmer als hier (bin gerade in La Paz und hier hat es geschneit). Aber trotzdem geht es mir super gut.

Nun sind schon elf Monate des Freiwilligendienstes vergangen und nur noch einer steht vor uns. Ich fühle mich in Bolivien weiterhin richtig wohl und bin so glücklich, dass Gott mich ausgerechnet an diese Stelle gesetzt hat und mir somit die Gelegenheit gegeben hat so viele tolle, nette und hilfsbereite Menschen kennen zu lernen.

Seit dem letzten Bericht ist ziemlich viel passiert.
Mit meiner Schwester und einer Freundin von ihr sind Magda und ich über die Faschingsfeiertage nach La Paz und auf den Salar de Uyuni gefahren. Es war nochmal ein ganz anderes Erlebnis es mit meiner Schwester zu teilen und einfach wunderschön. In Uyuni trennten sich unsere Wege, da Magda und ich zurück nach La Paz fahren mussten. Wir verbrachten noch einen schönen Tag mit der lutherischen Gemeinde Cristo la Roca, in der wir quasi Teil sind, und grillten.

Internatsleben

Nach einigen Besuchen kehrte dann wieder der Alltag im Internat ein. Das heißt vormittags vier Stunden Hausaufgabenbetreuung. Inzwischen nur noch mit zwei Mädchen, da uns eins aus familiären Gründen verlassen hat. Und nachmittags ebenfalls etwas mehr als vier Stunden Hausaufgabenbetreuung mit (in meiner Gruppe) 8 Mädchen. Diese Hausaufgabengruppe hatte ich ungefähr ein Monat lang und dort waren die jüngeren Mädchen zwischen 12 und 14 Jahren. Die jüngeren brauchen noch ziemlich viel Unterstützung bei ihren Hausaufgaben, somit war ich immer die vollen vier Stunden beschäftigt, da ich die Hausaufgabengruppe quasi alleine leite. Meistens half ich bei Mathe, Englisch und Physik. Da die Regeln und Normen für das Internat noch strenger wurden, ging ich auch oft Schulmaterialien für die Mädchen einkaufen oder begleitete sie z.B. zur Schule, da sie nicht mehr alleine raus sollen.
Magda und ich hielten nochmals eine Stunde, in der wir den Mädchen das Uhr lesen beibrachten, da mehr als die Hälfte die Uhr nicht lesen konnten.
Außerdem begannen wir das Textverständnis der Mädchen zu fördern und sie bekamen jeden Tag einen Text mit Fragen, die sie beantworten mussten. Die Mädchen haben nämlich alle ziemlich große Schwierigkeiten komplexe Texte zu verstehen, in anderen Worten wieder zu geben und fragen dazu zu beantworten.
Während des ersten ersten Vierteljahres bin ich zu einigen reuniones de padres de familia (quasi Elternabenden) der Mädchen gegangen, da ihre Eltern nicht kommen konnten. Das war sehr interessant und zum Teil auch echt aufschlussreich. Die Mädchen aus dem Internat wurden aber immer sehr gelobt, denn sie kommen nie zu spät, präsentieren immer ihre Hausaufgaben und die meisten bringen gute Leistungen.
Am Ende des ersten Vierteljahres sind unsere Chefin Corina und ich zu den entrevistas (so etwas wie Notenbekanntgabe und kurze Gespräche mit den Fachlehrern) der Mädchen gegangen. Auch hier hat sich herausgestellt, dass fast alle Mädchen sogar sehr gute Leistungen erbringen, was uns natürlich sehr erfreut hat.
Zu Beginn des zweiten Vierteljahres haben wir die Hausaufgabengruppen getauscht und ich arbeitete nun mit den älteren neun Mädchen im Alter von 15 bis 18 Jahren zusammen. Diese brauchen schon deutlich weniger Unterstützung, da sie gelernt haben eigenständiger zu arbeiten. Dennoch half ich immer bei Englisch und des öfteren auch bei Mathe, Chemie und Physik.
Wir haben versucht das Internat etwas zu verschönern und so zu gestalten dass es sich heimlicher für die Mädchen anfühlt. Jeder hat eine Tomatenkiste bemalt und verziert und ich habe sie zusammen geschraubt und eine Art Regal gebaut, wo sie ihre Schulmaterialien verstauen können. Außerdem haben wir unser Gästezimmer umgebaut: Zu einem Raum für die Mädels mit Stereoanlage und zum Rückzug.
Im Laufe des zweiten Quartals ist auch immer mehr Ordnung in den Alltag eingekehrt. Die neuen Mädchen haben sich immer mehr an das Internatsleben gewöhnt und die Mädels sind mehr zu einer Gruppe zusammen gewachsen. Dadurch konnten wir dann auch immer mehr spielen und lockerer werden. Wir sind abends öfter auf die plaza zum Spielen gegangen oder haben auf dem Innenhof Futsal gespielt.                  Ich habe auch des Öfteren die Bibelstunde geleitet und ein biblisches Thema erklärt wie z.B. die 10 Gebote oder der Sündenfall. Das ist für mich immer noch eine große Herausforderung, da es manchmal schon auf deutsch nicht einfach ist ein biblisches Thema für Teenager interessant zu gestalten. Und dann das Ganze noch auf spanisch. Aber irgendwie habe ich es dann immer gemeistert bekommen.

Im Mai fand endlich die erste reunion de padres (Elternversammlung) im Internat statt. Hier haben wir vor allem den neuen Eltern das Internat, den Leitfaden, die lutherische Kirche und die Ziele vorgestellt. Danach haben wir präsentiert, welche Aktivitäten wir schon durchgeführt haben, was die Mädchen gelernt haben und wie die Hausaufgabengruppen laufen.

Dieses Jahr bleiben viele der Mädchen am Wochenende im Internat, da sie sehr weit weg wohnen. An einem der Wochenenden waren Corina, ihr Mann Rilver, Magda und ich mit zehn Mädchen im Schwimmbad. Alle bis auf zwei konnten nicht schwimmen. Magda und ich versuchten im Laufe des Nachmittags ein paar der Mädchen das Schwimmen beizubringen, was ziemlich anstrengend war, wenn plötzlich drei Mädchen gleichzeitig an dir hängen. Es hat aber großen Spaß gemacht und wir haben alle viel gelacht.

Am 23. März war dia del mar in Bolivien: der Tag des (verlorenen) Meeres. An diesem Tag wird daran zurückgedacht, als Bolivien von Chile angegriffen wurde und sie den Meerzugang an Chile verloren haben. Sie verlieren nie die Hoffnung, dass sie eines Tages den Meerzugang wieder bekommen. Deshalb gab es einen großen Umzug von den Schulen und sonstigen Institutionen hier in Caranavi. Es war sehr schön dabei zuzusehen und für mich ist es auch sehr interessant, was hier alles gefeiert wird.

Denn in den Schulen wird ständig etwas gefeiert oder gibt es schulfrei: Tag des Kindes, sportliche Veranstaltungen (ähnlich wie Bundesjugendspiele, aber drei Tage lang), Vatertag, Muttertag, Geburtstag der Schule, Tag des Lehrers.                                                                                                                   Bei diesen Veranstaltungen wird getanzt, gesungen, Geschenke überreicht, Theater gespielt, etc. Bei Einigen dieser Feiern bin ich in die Schule und habe mir das Geschehen angeschaut.

Im Juni kamen uns für zwei Tage Claudia und Pastor Emilio im Internat besuchen. Claudia ist Koordinatorin für Freiwillige aus Santiago de Chile und unter anderem für die Freiwilligen des GAW aus Chile verantwortlich. Und Pastor Emilio, der ehemalige Kirchenpräsident der IELB aus La Paz. Mit Claudia hatten wir ein gutes Gespräch über die ganze Situation im Internat, in unserer Freizeit und unserem allgemeinen Freiwilligenleben. Danach besuchten Claudia und Emilio das Internat und nachmittags führten sie Gespräch mit unserer Chefin. Anschließend redeten wir alle gemeinsam und das Gespräch war sehr hilfreich und aufschlussreich zum einen für uns Voluntäre und auch für Corina. Es stellte sich heraus, dass wir aufgrund der kulturellen Unterschiede manchmal Situationen ganz anders bewerten oder es auch dazu kommt, dass man aneinander vorbei redet. Das hat oftmals zur Folge, dass man unterschiedlich handelt und das Handeln des Anderen nicht nachvollziehen kann. Somit hat das Gespräch beiden Seiten viel gebracht und Veränderungen mit sich gebracht. Am Abend haben die Mädchen noch verschiedene Choreographien vorgeführt.

In der letzten Woche vor den Winterferien haben wir noch an zwei Abenden Pyjama-Parties veranstaltet, bei denen wir auf der Terrasse einen Film geschaut haben, Snacks gegessen haben und gemeinsam Zeit verbracht haben. Das war ein sehr schöner gemeinsamer Abschluss vor den Ferien. Ende Juni begannen dann die Winterferien für die Mädchen  und alle gingen nach Hause zu ihren Familien. Magda und ich mussten die Inventur von Dezember überprüfen und das Internat fertig hinterlassen und dann durften wir auch nochmals in den Urlaub starten.

Freizeit

An einem Wochenende im April waren wir auf der Hochzeit der Jugendpastorin von Cristo La Roca in La Paz. Dort sahen wir alle unsere Freunde und Hanna und Lukas wieder. Es war eine wunderschöne Hochzeit und auch sehr interessant eine bolivianische, christliche Hochzeit mit zu erleben. Der Traugottesdienst war sehr ähnlich wie in Deutschland, bloß dass der Einzug von Bräutigam und Braut viel extravaganter gestaltet wurde. Danach fahren Braut und Bräutigam mit Familie, Trauzeugen und engen Freunden an einen schönen Ort, um Fotos zu schießen. Der Rest fährt schon ins Lokal und isst dort und wartet bis das Brautpaar wieder kommt. Diese fahren dann noch über sieben Brücken und kehren dann erst zum Fest zurück.

Kurz darauf stand dann auch schon Ostern vor der Tür und wir fuhren erneut nach La Paz und feierten drei Tage lang Ostern: An Karfreitag gab es sieben kurze Predigten von sieben Pastoren zum Leidensweg Jesu. Am Samstag gab es abends einen Lobpreisgottesdienst, bei dem jede Jugendgruppe von jeder Gemeinde ein kleines Talent vorgeführt hat. Wir vier Voluntäre haben dann auch gesungen und Gitarre gespielt. Es ist immer so schön, wie sich alle freuen, wenn wir etwas aus Deutschland präsentieren und wie weltoffen sie sind. Am Ostersonntag haben sich dann alle elf Gemeinden aus La Paz in El Alto getroffen und wir haben um 7 Uhr morgens einen Ostermarsch gemacht. Danach feierten wir alle gemeinsam den Ostergottesdienst bis mittags mit anschließendem Mittagessen. Ostern war für mich ein besonders schönes Erlebnis im Kreise unserer Freunde.

Auch bezüglich unserer Freizeitgestaltung in Caranavi hat sich etwas getan: Seit zwei Monaten sind Magda und ich in der Musikschule und ich lerne das Gitarre spielen, was mir großen Spaß bereitet.

Im Oktober stehen die Präsidentschaftswahlen von Bolivien bevor, deshalb macht der aktuelle Präsident Evo Morales große Werbekampagnen. Und reist in Bolivien herum, um die Bevölkerung zu informieren, was er alles für das Volk gemacht hat  und um sie zu überzeugen ihn erneut zu wählen. Im Mai kam er auch nach Caranavi. Wir erfuhren am Vorabend davon und wollten unbedingt hin. Also gingen Magda und ich dort hin und sahen seinen großen Auftritt. Er ließ ewig auf sich warten und flog dann im Helikopter in die Nähe und marschierte zu Liedern wie: Se siente, se siente, Evo presidente, el MAS está presente ein. (auf dt.: Es setzt sich, es setzt sich, Präsident Evo, MAS (die Partei Evos) ist präsent). Der Großteil der Masse hat ihm laut zugejubelt oder es wurde EVO; EVO; EVO geschrien. Dann hat er eine lange Rede gehalten. Insgesamt war es für uns sehr interessant zum einen den Präsidenten persönlich zu sehen und vor allem wie die Menschen auf ihn reagieren. Trotz seiner hohen Korruptheit und seinem oftmals nicht korrektem Verhalten, hat er sehr viele Anhänger und die Meisten vermuten, dass er bei den Präsidentschaftswahlen wieder gewählt wird. Für Bolivien würde ich mir wünschen, dass sich eine Person findet, die ein besserer Präsidentschaftskandidat als Evo Morales ist. Das heißt nicht so korrupt ist, eine Demokratie und Volkssouveränität lebt. Denn die Problematik hier in Bolivien ist, dass es keine bessere Alternative zu Morales gibt. Viele wissen, dass er keine besonders gute Arbeit leistet, aber wenn die Anderen schlechter oder ähnlich sind, ist das auch keine Perspektive für die Bevölkerung.

An einem der Wochenenden sind meine Mitfreiwillige und ich nach Coroico gefahren. Coroico liegt zwischen La Paz und Caranavi, gehört aber auch schon zu den Yungas. Wir fuhren zu Wasserfällen und machten eine Kaffee-Tour, bei der wir von der Ernte bis zum Rösten des Kaffees alles erklärt bekommen haben und selber machen durften. Kurz vor Beginn der Ferien hatten wir hier noch ein verlängertes Wochenende, welches wir nutzten um knapp sechs Stunden nach Rurrenabaque zu fahren. Diese Stadt liegt im Amazonasgebiet im „Bundesland“ Beni. Dort machten wir eine drei-tägige Tour in die Pampas und sahen eine große Vielfalt an Tieren und Pflanzen: Delfine, Affen, Wasserschweine, Fische (piranhas angeln), Anakonda, Schildkröten, Vögel... Das war für mich nochmal eins der großen Highlights in meinem Jahr, da man so viele exotische Tiere in der freien Wildbahn beobachten konnte.

Winterferien

Anfang Juli hatten wir nochmal frei, da die Mädchen Schulferien hatten. Wir sind nach La Paz gefahren und haben dort etwas mit unseren Freunden unternommen und sind in eine indigene Stadt gefahren: Tiahuanaco. Dort findet man Überreste der Bauten dieser Kultur wie Tempel und das berühmte Sonnentor. Anschließend fuhren wir mit allen Jugendlichen der lutherischen Gemeinden aus La Paz auf das “campamento interdistrictal“ (also nur für Jugendliche aus dem Bundesland La Paz) nach Cochabamba. Das Camp ging drei Tage lang, hat sehr viel Spaß gemacht und man hat auch Einiges gelernt durch Workshops oder Gespräche mit anderen Jugendlichen. Wir konnten nochmal viel Zeit mit unseren Freunden verbringen und weitere Kontakte knüpfen. Alle haben uns wieder sehr lieb aufgenommen und wir waren Teil des großen Ganzen. Am Ende wurden wir noch von allen verabschiedet und haben ein kleines Abschiedsgeschenk erhalten und schon die erste Abschiedsrede gehalten. Das war ein sehr schöner, aber auch trauriger Moment, da man sich von einigen der Jugendlichen vorerst für immer verabschieden musste. Danach blieben wir noch drei Tage bei Hanna und Lukas in Cochabamba und besichtigten den zweitgrößten Cristo der Welt, heiße Quellen, einen riesigen Markt, ein Museum...

Dann erhielten wir die Information, dass wir doch noch nicht nach Caranavi zurück kehren müssen, da die Winterferien aufgrund von großer Kälte in La Paz für das ganze Bundesland La Paz um eine Woche verlängert wird. Das Lustige daran ist, dass es in Caranavi trotz Winter immer noch um die 20 bis 25 Grad hat. Wir verbrachten die restlichen Tage in La Paz: wurden spontan auf eine Hochzeit mitgenommen, unternahmen viel mit unseren Freunden und fuhren viel teleferico.

 

Persönlich

 

Ich habe in diesem Jahr so viel lernen dürfen: Anfangs wollte ich immer einen Plan für alles haben und genau wissen, wie es ablaufen wird, aber inzwischen bin ich einfach spontan geworden und schaue, was auf mich zukommt und passe mich an die Situation an. Man lernt bei der Arbeit mit Kindern geduldig zu sein. Gerade in Englisch oder Mathe kann es sein, dass das Kind es an dem Tag versteht und am nächsten Tag alles wieder vergessen hat und du es ihm erneut erklären musst. Man entspannt sich viel mehr und lässt die deutsche Gestresstheit hinter sich. Das klingt nun vielleicht alles ziemlich einfach, aber gerade für mich war das oft nicht besonders leicht, da ich ein sehr strukturierter Mensch bin, der gerne nach einem Plan arbeitet und ein Ziel vor Augen hat und das dann auch schnell möglichst umsetzen möchte. Das funktioniert hier aber nicht so und das braucht seine Zeit bis man das für sich selbst annehmen kann. Man lernt somit auch respektvoll anderen Menschen zu begegnen und ihre Lebensweise zu akzeptieren. In Bolivien kommt dazu, dass die Kultur eine sehr große Rolle spielt und für uns Deutsche oft unverständlich ist. Die Kultur ist im Verhalten der Menschen verankert und für uns deshalb oft fremd gewesen. Ich habe bei Langem nicht alles verstanden, wahrscheinlich eher nur einen sehr geringen Teil, aber verstehe immer mehr und auch die Bolivianer verstehen immer mehr unser Handeln.
Ich danke allen, die mich unterstützen und bin so dankbar, dass mir das Alles möglich gemacht wurde.

 

Ganz liebe Grüße Laura