chat Bericht Nr. 1 - Das Herz Südamerikas

landscape Paraguay

Paraguay. – „Wo zur Hölle liegt eigentlich Paraguay?“ – „Uruguay?“ – „Noch nie gehört…“ – „Bitte wo?“

Das sind so ziemlich die häufigsten Reaktionen von Menschen, als ich ihnen von meinem Einsatzland erzählte. Auch ich war im ersten Moment ein wenig ratlos, schließlich ist das geografische Herzen von Südamerika nicht gerade ein Touristenmagnet, und auch politisch international eher unauffällig. Wie sieht also dieses aber gar nicht so kleine Land aus? Für mich begann alles nach ein wenig oberflächlicher Recherche in Deutschland erstmal mit ganz viel Garnichts. Als wir uns im Bus der Grenze und somit auch Asunción näherten sah die Landschaft einfach nur surreal aus. Nichts, soweit das Auge reicht. Ein paar einsame Palmen und sonst nur kombiniert mit einem astreinen Sonnenaufgang. An diesem Moment hatte Paraguay schon einen Teil meines Herzens erobert. Ein wenig später erreichten wir Asunción, die 544.000 Einwohner Hauptstadt des Landes und mein neues Zuhause für das nächste Jahr.  Jetzt, knapp drei Monate nach dem Ankommen, der Überwältigung, der Fremde und dem Wissen das jetzt alles anders werden wird, kann ich mich noch immer gut in die einzelnen Situationen hineinfühlen, die feuchte Wand aus Hitze und fremden Gerüchen, als wir aus dem klimatisierten Bus stiegen. Das unangenehme Warten, als plötzlich Henrike und ich allein am Busbahnhof in Asunción auf unseren Kontakt warteten, ohne, dass ich auch nur den blassesten Schimmer von Spanisch gehabt hätte. Die Fahrt zum SOS Aldea de Niños, meinem Projekt, wo man mit dem Mitarbeiter versuchte ein Gespräch über Musik aufrechtzuerhalten, um der Hitze zu entfliehen.  Dann schließlich das Abfallen der Angespanntheit, als hinter uns die Türen zufielen und wir allein in unserem neuen privaten Reich waren, unserer gemeinsamen Wohnung im ersten Stock. Die Unsicherheit, sobald Menschen Spanisch gesprochen haben und plötzlich ein „Sí“ oder „No“ als Antwort nicht mehr ausreichend waren. Oder die Hilflosigkeit in diesem so unglaublich unberechenbarem Bussystem um nur einige der Beispiele zu nennen. 

assessment Mein Reflektion der ersten drei Monate

Die Zeit verging unglaublich schnell. Schön schnell, aber an manchen Tagen auch zu schnell. Oft dachte ich mir: Wie kann es schon wieder Freitag sein, ich habe doch erst Gestern meinen Wochenplan bekommen? Zu diesem Fliegen der Zeit trug und trägt sicherlich die Fülle an neuen, andersartigen Dingen bei, die uns täglich aufs Neue begegnen. So blöd das klingen mag, aber ALLES ist anders als in Deutschland, und das jetzt ganz ohne Wertung gemeint, ich könnte nicht sagen was „besser“ oder „schlechter“ ist. Es ist einfach anders. An manche Dinge hat man sich schnell gewöhnt, zum Beispiel, dass das Klopapier in einen Mülleimer kommt, und nicht ins Klo, dass es normal ist, wenn es morgens um 8 Uhr bereits 30°C warm ist. Oder, dass die Geräuschkulisse der Natur um einiges exotischere Vertreter zu bieten hat, als das aus unserer Sicht in Deutschland der Fall ist. Mittlerweile wundere ich mich nicht mehr über einen Busfahrer, der in Flipflops einen Schrottkasten von Bus mit 80 Sachen durch das Verkehrschaos lenkt, dabei Geld zählt oder wechselt und Terere trinkt. Und nichts von alledem hält ihn davon ab, sich durch das lautgestellte Radio mit seinem Kumpel über Fußball zu unterhalten. Es ist normal geworden, auf der Straße nicht auf die Autos zu warten, sondern einfach zu gehen und zu hoffen, sie würden doch bitte anhalten und einen nicht überfahren. Diese Andersartigkeit drückt sich aber für mich noch viel stärker in der Kultur, der Mentalität der Menschen aus. Hier wird ein Jeder meist herzlich begrüßt, es wird im dritten Satz, der in einem Gespräch fällt, eine Einladung zum Asado oder einer gemeinsamen Aktivität ausgesprochen. Eine gewisse unsichtbare Grundfreundlichkeit legt sich hier über Alles und Jeden. Ebenso verhält es sich mit der Einfachheit. Es ist, abgesehen von einigen reichen Gegenden alles sehr einfach, pragmatisch, oft chaotisch. Umso beeindruckender ist es jeden Tag wieder, wie perfekt alles läuft, wie wenig Komplikationen es gibt. Zeit ist hier noch relativ, ein Großteil der Menschen nimmt alles sehr gelassen. Nicht so hektisch und auf Effektivität getrimmt wie ich es aus Deutschland kenne.

 

work Die Arbeit

Anfangs haben wir zwischen zwei und vier Stunden pro Tag gearbeitet, haben Mitarbeiter begleitet, angefangen alles kennenzulernen und Ideen zu entwickeln. Schnell äußerten wir den Wunsch nach mehr Arbeit und mehr Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen. Da bot sich auch direkt ein Auslug der Jugendlichen an, anlässlich des Día de la Joventud, dem Tag der Jugendlichen. Es wurde ein Haus mit Pool und Volleyballfeld gemietet, wo wir direkt anfingen die ersten intensiveren Kontakte zu pflegen. Der Tag hat viel Spaß gemacht und war bei der Hitze hier auch mal eine angenehm frische Abwechslung. Wenig später war unser erstes Großprojekt die Renovierung des Fußballfeldes. Schon nach den ersten zwei Wochen erhöhten wir unser Wochenstundenpensum, nun sind wir bei einer klassischen 40-Stunden Woche.  Jetzt gibt es einen Groben Rahmen, mit Fixpunkten, wie dem wöchentlichen Freitag-Abend-Kino oder der Arbeit im Nutzgarten. Unsere Aufgaben variieren recht stark: Von Talleres mit den Kindern, Workshops, über Hilfe mit den Finanzen, das beschäftigen von Kindern während Treffen der Tías, bis hin zu einem Computerkurs, den wir jetzt anfangen, um das Arbeiten mit Computer und Internet zu erlernen. Anfangs stellte das größte Problem für mich definitiv die Sprache dar, eigentlich noch immer. Es ist schwierig eine Gruppe von 15 Kindern ohne das entsprechende Vokabular dazu zu bringen, das zu machen, was man möchte. Aber selbst, wenn es manchmal überhaupt nicht funktioniert hat, mit Zeichensprache meistens dann doch noch. Es ist unglaublich, wie schnell man eine Sprache erlernt, wenn man hier lebt. Mein jetziges Spanisch hätte ich mir im Leben nicht erträumt und es hätte Jahre gedauert es in der Schule zu lernen…  Aber nun zurück zu Arbeit, es ist ein tolles Gefühl nach einem Tag erschöpft, aber glücklich aufs Sofa zu fallen und zu wissen, man hat wieder einmal jemandem den Tag versüßt.

group Das Leben

Außerhalb des Aldeas habe ich auch schnell neue Freunde gefunden, angefangen bei dem netten Besitzer des Mini-Supermarkts bei uns um die Ecke. Wir haben sehr viel Kontakt mit anderen Freiwilligen hier in Asunción, von unserer, aber auch anderen Organisationen. Und natürlich dürfen auch die Kontakte zu den Paragayos nicht fehlen. Hier durften wir wirklich großartige Leute kennenlernen, die ich nicht mehr missen möchte. Sei es die Party an der Uni, oder der Ausflug in die Stadtmitte oder das Flussufer oder ins Shoppingzentrum, es ist gut investierte Zeit. Ein treuer Begleiter ist in allen Bereichen die Sprache, nein nicht Spanisch, also die natürlich auch, aber ich rede von Guaraní, der zweiten Amtssprache des Landes. Diese Sprache klingt wirklich verrückt für uns, da sie eine ursprüngliche Sprache aus Paraguay ist, und somit nicht romanischen Ursprungs. Dies fällt vor Allem in Aussprache und den Lauten auf, einige sind für mich unglaublich schwierig zu replizieren. Wörter wie Mba’échapa gehören da noch zu den leichten Beispielen. Einen kleinen Pool an Wörtern eignet man sich langsam an, aber alles was darüber hinausgeht versetzt mich jedes Mal aufs Neue in Staunen. Unsere Aktivität außerhalb des Aldeas beschränkt sich auf Einkaufen, im nahegelegenen Loma Pyta, oder der Fußweg zum Luisito, dem kleinen Supermarkt, zwei Straßen weiter. Das liegt daran, dass Zeballos Cue, unser Stadtteil sehr weit vom Zentrum entfernt ist, welches nur mit einer 45-minütigen Busfahrt zu erreichen ist. Die Fortbewegung im ÖPNV beschränkt sich hier auf Busse und Taxis, da Paraguay nicht eine einzige Eisenbahnlinie hat. Das Liniennetz der Busse ist absolut kompliziert und eigentlich sollte man immer fragen, ob er denn auch dahin fährt wo man hinmöchte, da es gut mal vorkommen kann, dass spontan die Route geändert wird vom Busfahrer. Jede Busfahrt ist durch die Musik, die natürlich niemals fehlen darf, Regaetton, was sonst, und die holprigen Straßen und alten Busse ein kleines Abenteuer. Ich genieße es, einfach immer neue Dinge zu entdecken und auszuprobieren.

all_inclusive Das Ende

Jetzt möchte ich das Ende meines ersten Berichtes mit der Thematik beenden, was gibt mir die Zeit hier, und was gebe ich eigentlich dem Projekt.

Oft stelle ich mir, auch natürlich durch mein politisches Interesse, die Frage: Ist dieser Freiwilligendienst etwas, das wirklich den Menschen hilft, oder vielmehr ein Weg für uns privilegierte Europäer etwas von der Welt zu sehen, Spaß zu haben und dann wieder ins kuschlige Zuhause zurückzukommen als wäre alles wie vorher? Ich bin noch zu keinem allgemeinen Schluss gekommen, da dieser Zusammenhang natürlich stark Projekt- und Organisationsabhängig ist. Allerdings erlebte ich bereits beide Seiten, einerseits merkte ich, wie viel ich diesem Projekt geben kann, und wie viel ich mitnehmen kann. Andererseits auch Momente der Nutzlosigkeit, in dem Wissen, dass das was man gerade macht, von einem qualifizierten Paraguayer besser gemacht werden könnte.  Ich werde mir bis zum nächsten Mal zu diesem Thema Gedanken machen und ihm im nächsten Bericht ein wenig mehr ins Zentrum rücken.

Jetzt trinke ich noch ein wenig Tereré und genieße den Rest des Tages auf meinem Balkon.

Das wichtigste zum Schluss: Vielen Dank bereits jetzt an alle Menschen die mir finanziell, organisatorisch oder auch emotional und ganz persönlich helfen und geholfen haben, diesen Freiwilligendienst zu verwirklichen.  Muchas gracias!!!