Linus P. - Bericht Nr. 2

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traditionelle Kriegsbemalung der Inka, auf dem Inka Trail, mitten im Dschungel auf 4500 Metern Höhe, nahe Maccu Picchu

Ein halbes Jahr ist vergangen, seitdem ich zum letzten Mal die Haustür hinter mir habe zufallen lassen habe. Also wird es höchste Zeit den Blick mal wieder ein wenig in die Vergangenheit zu richten. Bin ich noch derselbe Linus, der damals in den Flieger gestiegen ist? Nein, definitiv nicht. Und das ist auch gut so.

Deshalb möchte ich diesen Bericht, wie bereits angekündigt, folgenden Fragen widmen: Was hat das erste halbe Jahr mir gegeben? Wie hat es mich verändert? Aber noch wichtiger: Was gebe ich dem Projekt, den Menschen hier? Wem bringt der Freiwilligendienst etwas?

 

Bevor mich allerdings mit diesem Thema beschäftigen werde, hier erstmal ein kleiner Überblick über die seit meinem letzten Bericht vergangene Zeit:

Es ging eigentlich ziemlich geregelt im Alltag weiter. Wir waren weiterhin den ganzen Tag beschäftigt, gaben Kurse, z.B. bastelten wir mit den Kindern aus alten PET-Flaschen Spielzeug oder spielten mit Ihnen während die Tías ein Treffen hatten. In dieser Zeit hatte ich die Gelegenheit die Beziehungen zu meinen Freunden aus Paraguay aber auch zu anderen Freiwilligen von verschiedenen Organisationen zu vertiefen und zu stärken. Die Zeit raste immer weiter auf Weihnachten zu, was uns aufgrund der entgegengesetzten Jahreszeiten sehr surreal vorkam. Wer kennt es schon, am 25.12 abends bei 36°C zu sitzen und Geschenke auszupacken?  So war es bei vielen Paraguayos. Im Aldea jedoch verlegten wir Heiligabend einfach vor, da es in den Terminkalender besser passte, so konnten die Kinder das „richtige“ Heiligabend mit ihren (Pflege-)Familien verbringen. So kam es also, dass wir am 22. einen sehr schönen Abend mit allen Kindern und Mitarbeitern verbringen durften. Es ist immer wieder spannend, wie viele Unterschiede aber auch Gemeinsamkeiten man im Laufe der Zeit entdecken kann, was Kultur und Alltag angeht.

Einige Tage später machten wir uns auf nach Valparaiso, Chile, was den Beginn meiner einen Monat langen Südamerika reise darstellte. Wir verbrachten ein unvergessliches Silvester mit anderen Freiwilligen des GAW in der Wohnung unserer AirBnB-Vermieterin, inklusive der ganzen Familie und spektakulärem Feuerwerk über dem Meer. Danach ging es für mich und einen Freund weiter. Über die Atacama Wüste, Maccu Picchu und den Inka Trail, den größten Salzsee der Welt und Pinguinen in der Antarktis und vor allem vielen Menschen aus aller Welt, die ich kennenlernen durfte, ging es dann ins Zwischenseminar nahe Buenos Aires. Dort reflektierten wir sehr ausführlich die vergangenen sechs Monate, diskutierten lebhaft über das Problem des Neoliberalismus und sammelten Ideen im Hinblick auf die folgenden sechs Monate, vor allem hatten wir aber eins: Spaß. Es war schön und interessant all die anderen Freiwilligen und Freunde wieder zu treffen. Nun bin ich jetzt seit drei Wochen wieder in meinem Projekt und versuche meine Vorhaben, einen wöchentlichen Kochkurs, ein Englisch-Angebot und die Arbeit im Huerta anzustoßen oder wieder aufzunehmen. Allerdings hat sich die Mitarbeiterin, die für unsere Arbeitsstrukturierung und Koordination mit den anderen Teilen des Aldeas zuständig ist, leider vor kurzem verletzt. Deshalb assistieren wir bis zu Ihrer Rückkehr nächster Woche Jedem, der gerade Hilfe gebrauchen kann. Sei dies nun das Aufpassen auf Kinder, das Sortieren von Rechnungen und Akten oder das Vorbereiten von eine Überraschungsparty.

Ein großes Projekt, was wir jetzt langsam angehen werden, sind die Entwicklungsberichte eines jeden Kindes, welche für die Paten aus aller Welt bestimmt sind. Dazu gehören Gespräche mit den Kindern über ihr Jahr und ihre Hobbies, Freunde usw. aber auch vorrangig das Verfassen besagter Berichte, die zusammen mit Fotos und Videos den jeweiligen Paten geschickt werden. So bekommen diese einen Einblick in das Leben „ihres“ Kindes.

Im Alltag ist nun alles sehr einfach geworden, mittlerweile kennt man die meisten Buslinien auswendig und wir kommen so gut und meistens recht schnell (für südamerikanische Verhältnisse) von A nach B. Das Leben, sei es beim Einkaufen, bei der Arbeit, auf einer Party oder der Taxifahrt hat insgesamt an Qualität gewonnen, da nun Sprache fast kein Problem mehr darstellt. Das erleichtert natürlich auch jeglichen Kontakt zu einheimischen Freunden, mit denen ich angenehm viel Zeit verbringe.

So sieht in etwa die Kurzversion meiner letzten drei Monate aus, über die Reise werde ich in einem gesonderten Blogeintrag noch detaillierter berichten, das würde hier den Rahmen sprengen.

Bevor ich mich jetzt dem politisch-gesellschaftlichen Teil widme möchte ich mich noch einmal bei den vielen Menschen bedanken, die ermöglichen, dass all das hier Realität geworden ist und weiter realisiert werden kann.

 

Freiwilligendienst?!

Kommen wir aber nun zu der Thematik der Nachhaltigkeit und des Effekts eines „entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes“, so die offizielle Bezeichnung.

Ich finde es immer spannend, bei einem kontroversen Thema mich zuerst mit den „Gegnern“ zu beschäftigen, oft hat die Kontra-Seite gleichzeitig auch interessante Kritikpunkte, die mir aus „meiner“ Perspektive überhaupt nicht aufgefallen wären.

Oft kommt natürlich auch unter uns Freiwilligen die Frage auf: Wäre nicht ein ausgebildeter Paraguayer besser als wir „Laien“, die weder die pädagogische Ausbildung noch die erforderlichen Sprachkenntnisse besitzen. Auch ich war manchmal ein wenig mit der Situation überfordert und war der Ansicht, dass das schon eine ganze Stelle füllen würde, was ich hier mache. Allerdings muss man sich bewusst machen, dass oft für eben jene weitere Stelle kein Geld da ist oder die „Bonusleistungen“ die wir leisten, die nicht immer essenziell wichtig sind für den Ablauf des Projektes, dann einfach wegfallen würden. Sicherlich variiert diese Einschätzung bei Projekt und Organisation stark. Weltwärts zum Beispiel hat als Grundvoraussetzung für eine Förderung und den Einsatz eines Freiwilligen eben jenen Punkt. Es darf keine Stelle ersetzt werden.

An den eben genannten Punkt schließt sich der Vorschlag an, dass das Geld, welches wir Freiwilligen „kosten“ ja auch einfach direkt gespendet werden könne. Tatsächlich habe ich darüber mit dem Leiter eines Projektes gesprochen und es wurde auch an anderen Stellen deutlich, dass hier eine einheitliche Meinung bei den Projekten besteht: Das Geld würde die menschlichen Aspekte unserer Arbeit nicht ausgleichen können. Für die Menschen hier ist es eine deutlich größere Bereicherung, frischen Wind in die Arbeit gebracht zu bekommen oder auch einfach das ausgiebige Unterhalten ist sehr wertvoll und erweitert meist bei allen Beteiligten den Horizont. Außerdem Arbeiten wir ja auch 40h pro Woche. Interkultureller Austausch funktioniert nun mal in zwei Richtungen. Das Geld würde sicherlich nicht schaden, aber es käme nichts zurück nach Deutschland, wir Freiwilligen kehren jedoch mit einer ganz anderen Einstellung zu vielleicht Armut oder Lebensstandard, Umweltschutz oder allein uns selbst wieder zurück nach Hause und leben dies in Teilen weiter und setzen uns hoffentlich weiterhin ein, um auf die Probleme dieser Welt aufmerksam zu machen und Dinge zu Verändern.

Ein Punkt, der mir selbst sehr stark aufgefallen ist und mich sehr stört, fällt sehr passend unter das Konzept der „Critical Whiteness“. Hier wird das Weiß-sein als Problem gesehen, und das ist mir im Alltag oft begegnet. Oft bin ich allein durch meine Hautfarbe qualifizierter, intelligenter, schöner oder „höherwertig“, das Bild wird seit Jahrhunderten so vermittelt und „der reiche, intelligente Europäer, der nach Paraguay kommt, um zu helfen“ hilft da ganz und gar nicht. Wieder sind wir Weißen es, die kommen und alles besser können und bei der Entwicklung helfen können. Wobei wir es doch waren die erst definiert haben, wohin die Entwicklung denn gehen soll und wer überhaupt befähigt ist zu helfen. Indirekt wird hier den Menschen der Südhalbkugel jegliche Handlungskompetenz aberkannt und durch die „Hilfe“ wird das Bild eines steilen Gefälles von Macht, Geld und Wissen ausgelebt und gefestigt. Wir reden von Interkulturellem Austausch auf Augenhöhe, blenden aber komplett die Tatsache aus, dass wir unsere Privilegien nicht ablegen können. Wir haben eine unlimitierte Krankenversicherung, kaum Geldsorgen, eine Kindheit und Bildung auf einem unfassbar hohen Niveau zu allem Überfluss könne wir überall hinfliegen wo wir wollen. Den Menschen hier wird all dies meistens Ihr Leben lang verwehrt bleiben.

Viele Freiwillige kommen mit der Intention des „Helfens“, auch ich, in Teilen, mit der Auffassung, dass der globale Süden hier mehr Hilfe erfordert als Missstände in Europa. Gemessen aus unserer weißen Perspektive, gemessen an von uns gesetzten Standards.

Oft werden wir dafür gelobt ein Jahr unseres Lebens zu verwenden oder zu “opfern“, dabei wird oft vergessen, dass wir Freiwilligen am Ende stärker von dem Jahr profitieren werden als die Kinder in unserem Projekt, was einfach mit dem Maß an Veränderung während dieser Zeit zusammenhängt. Des Weiteren kommt zu kurz, dass die Menschen hier vor Ort ja einen, um ein Vielfaches größeren, Beitrag zu der „Entwicklung“ ihres Landes beitragen.

Sicherlich mögen diese, meiner Ansicht nach berechtigten, Kritikpunkte sehr radikal klingen, und erstmal auf Abwehrreaktionen stoßen, aber ich finde wir sollten uns unserer weißen Realität bewusst werden, nicht nur in Bezug auf Entwicklungshilfe und diese Kritik auch verstehen.

Das klang jetzt erstmal alles sehr negativ, doch heißt reflektiertes Kritisieren ja nicht, dass das Konzept des Freiwilligendienstes nicht unterstützenswert ist, doch sollte dieser bewusst und reflektiert durchgeführt werden. Hier noch einmal die für mich überwiegenden Gründe, warum ein reflektierter Freiwilligendienst sehr sinnvoll ist:

 

·         Interkultureller Austausch: Hier werden in beide Richtungen bei allen Beteiligten Vorurteile abgebaut und es entsteht ein differenzierteres Weltbild.

 

·         Tägliche Arbeit: Wenn wir nicht den „weißen Missionar“ spielen ist unsere Arbeit im Alltag für Mitarbeiter und Kinder unersetzlich, hier zählt der menschliche Kontakt.

 

·         Durch unseren Einsatz lernen auch wir viel und verändern uns. Es ist ein Geben und Nehmen, auch wir  sollen von diesem Jahr profitieren.

 

·         Wir nehmen diese neu erlernte Art zu Denken und zu Leben mit nach Hause und leben es dort weiter aus, wir entwickeln also auch Deutschland weiter.

 

·         Nachhaltigkeit ist ein wichtiger Punkt: Wir versuchen den Kindern Kompetenzen zu vermitteln, wie beispielsweise Englischkenntnisse, diese können weitergegeben werden und helfen auf dem Arbeitsmarkt.

 

Als Fazit finde ich zwei Zitate von Albert Einstein sehr passend:

 

Lernen ist Erfahrung. Alles andere ist einfach nur Information.

 

Jede Erkenntnis muss ich mir selbst erarbeiten. Alles muss ich neu durchdenken, von Grund auf, ohne Vorurteile.

 

 

Das ist es was ich jeden Tag aufs Neue feststelle, jede meiner Meinungen, jeden Standpunkt, den ich vertrete, ist es wert tagtäglich hinterfragt zu werden und mit dem Erlebten abgeglichen zu werden.  Und das gilt für uns alle. Immer.