3. Bericht

Es ist nun fast vorbei, die Zeit verflog, jedoch hatte ich nicht das Gefühl, als würde ich Dinge verpassen, nicht machen können. Ich hatte nicht zu wenig Zeit, ich hatte eine sehr intensive Zeit, die wenig Platz für Lageweile und Leere ließ, und das ist für mich nichts Negatives.

Aktuell, drei Wochen vor einem, mehr oder weniger endgültigen, Abschied lasse ich oft Situationen und Gefühle Revue passieren. Viele überwältigende und manchmal auch überfordernde Momente kommen einem da in den Sinn und es überrascht mich jedes Mal aufs Neue, wie die Dinge sich entwickelt haben. Nicht im Großen und Ganzen, sondern die vielen kleinen Details und Anekdoten die sich aus dem Alltag heraus ergeben haben. Es war ja bis zu einem bestimmten Punkt klar, wie mein Jahr hier ablaufen würde und wie es strukturiert ist. Es selbst zu erleben und alle Facetten dieses Jahres zu sehen und zu verstehen ist ein Schatz, der von Außenstehenden nur schwer nachzuvollziehen ist. Natürlich macht jeder im Ausland andere Erfahrungen und das ist auch gut so, doch eint uns letztendlich dieses Gefühl, diese Energie, die uns diese 12 Monate gegeben haben.

„Sich selbst finden“ – Das klingt immer so esoterisch und mysteriös, doch das ist es, was für mich am Ehesten meine Entwicklung beschreibt. Es wurde nicht viel komplett neu geschaffen, und es ist nicht so als hätte ich mich selbst neu erfunden. Vielmehr kristallisierte sich eine klarere Form aus einer Silhouette. Ich wurde für mich selbst greifbarer und habe durch die viele Zeit, die ich „allein“, „im Unbekannten“ verbracht habe, mich viel mit mir selbst beschäftigen müssen. Ich stellte mir viele Fragen. Fragen wie: Was ist mir eigentlich wichtig im Leben? Wohin möchte ich? Was stört mich an mir? Oder was gefällt mir? Was möchte ich weiter ausbauen? Wo möchte ich meinen Charakter weiterentwickeln? Wie stehe ich zu anderen Menschen? Auf Fragen dieser Art gibt es oft keine akuten, konkreten, endgültigen Antworten, es sind Prozesse, die sich fortlaufend verändern und immer wieder neu hinterfragt werden. Bei manchen habe ich eine für mich, in diesem Moment, passende Antwort gefunden, bei anderen suche ich weiter. Mit jeder Sache, die ich über mich und meine Umwelt lerne, fallen mir für jede Erkenntnis zehn neue Dinge auf, die ich noch nicht bedacht habe.

In meiner Arbeit hatte ich am Anfang natürlich viele Schwierigkeiten, mehr praktischer Natur als inhaltlicher.  Das Arbeiten mit Kindern und Jugendlichen war mir nicht fremd, die Tatsache, dass die einzigen Kommunikationsmittel Hände und Füße waren, hingegen schon. Kinder sind Kinder, unabhängig von Herkunft, erlebten Ereignissen oder ihrer Kultur, das stellte ich schnell fest. Jedes Kind ist einzigartig, aber in vielen Punkten sind sie sich doch alle ähnlich. Das war eine Feststellung, die nicht neu war, aber es ist immer wieder schön es aufs Neue zu sehen. Mit den Mitarbeitern lief viel über Google Translate, mit einigen wenigen auf Englisch. Ich wusste ich würde mit der Zeit die Sprache lernen und alle waren unfassbar hilfsbereit und zeigten Verständnis, auch wenn sie uns zum 72. Mal erklären mussten, wohin denn bitte der Karton mit der Farbe kommt, den ich wegbringen sollte. Ich bin dennoch oft überrascht wie leicht und wie „nebenbei“ es dann doch ging, innerhalb weniger Monate wurden Wörter zu Sätzen, Sätze zu Gesprächen und Gespräche zu Diskussionen und Erzählungen. Eine neue Sprache zu lernen bereichert ungemein, allein durch die neue Wahrnehmung. Ich habe die gleichen Dinge, die gleichen Orte, die gleichen Menschen im Laufe der Zeit, mit fortschreitenden Spanischkenntnissen, immer wieder anders kennengelernt und neue Dinge entdeckt. Ich glaube dies ist etwas, was in Deutschland nicht möglich ist, man kann eine Sprache lernen, oder man lebt sie. Diese Differenz schilderten mir auch viele Mitfreiwillige, die bereits vorher die Sprache mehr oder weniger beherrschten. Auch sie fingen auf eine Art und Weise von vorne an.

Gleichzeitig mit der Sprache entwickelte sich auch ein Gefühl der Nähe zu den Kindern, den Mitarbeitern, den Freunden, auch zu den Menschen in Paraguay im Allgemeinen. Wieder einmal zeigte sich, Heimat ist kein Ort, keine Kultur, kein Land. Heimat sind Menschen, Heimat ist da, wo wir uns wohlfühlen, wo wir nach einer langen Reise wieder „nach Hause kommen“.

Die Arbeit wurde immer persönlicher, auch wenn wir leider in der letzten Zeit uns durch weniger Kontaktzeiten mit den Kindern, aufgrund von Organisationsschwierigkeiten mit neuen Mitarbeitern, wieder ein wenig von ihnen distanziert haben. Das erleichtert aber auf irgendeine Art und Weise den Abschied.

Der Abschied. Das Ankommen. Auch oft: Die Rückkehr. Das sind sehr endgültige und starre Begriffe, fühlt es sich doch mehr an wie ein Fluss an Ereignissen, an Menschen, die kommen und gehen und wiederkommen und sich verändert haben.  Genau diese Veränderung ist es, die mir ein wenig Sorgen bereitet. Ich habe mich in diesem Jahr verändert, so haben es meine Freunde, hat sich meine Familie, hat sich Deutschland, die Welt. Man fühlt sich hier so weit weg von allem Bekannten, dabei vergessen wir oft, dass die Zeit auch Zuhause weiterläuft. Das ist per se nicht schlecht, es bereitet aber immer ein wenig Kopfzerbrechen, es schafft neue Herausforderungen, wenn wir bald wieder nach Hause fliegen.

Bis jetzt war jede Episode in meinem Leben endlich, Schule war begrenzt auf 4 Jahre + 8 Jahre, der Rückflugtermin stand fest, bevor wir losflogen. Doch jetzt ist alles offen, was wir machen, wie lange wir es machen, ob wir überhaupt Dinge machen. Das sind viele Chancen, aber auch viele schwere und schwerwiegende Entscheidungen. All das sind Dinge, über die ich mir hier Gedanken mache.

Doch nun will ich über ein Thema reden (mal wieder), welches mich in Deutschland und natürlich auch hier sehr beschäftigt: Politik. Die Themen könnten verschiedener nicht sein, während in Deutschland gerade Fridays for Future und die Klimadebatte die Agenda beherrschen, waren wir hier in Asunción mit 5 Leuten auf der globalen FFF-Demo. Obwohl hier der Klimawandel deutlich stärkere Auswirkungen hat als bei uns, da wir uns von den Folgen noch eine ganze Zeit lang „freikaufen“ können, spürt man hier kaum Bewegung in der Gesellschaft. Wenige sehen Klimaschutz als größtes Problem unserer Zeit. Die alltäglichen und fundamentalen Dinge wie Bildung, Infrastruktur, Korruption und Armut stellen die Menschen vor viel akutere Probleme als eine 2 oder 3 Grad wärmere Erde. Zumindest ist es das, was die Menschen hier verständlicherweise wahrnehmen. Zumal sie auch nicht die großen Beiträge an der Weltweiten CO2-Ausstoßbilanz haben, wie die Industrienationen. Erneuerbare Energien und ein bewussteres Leben sind zwar auch hier Luxusprodukte, doch das Bewusstsein dafür wächst vor allem bei jungen Menschen sehr schnell, hier spielen natürlich auch das Internet und die sozialen Medien eine Rolle. Ich rede viel mit meinen Freunden und Bekannten über diese Themen. Immer wieder fällt stark auf, dass der Glaube nach wie vor eine der Schlüsselfunktionen im Staat ist. Auch hier gibt es aber ein starkes Gefälle von Alt nach Jung, was die Strenge des Glaubens angeht. Besonders Asunción hat immer mehr progressive Jugendliche und durch die Globalisierung werden hier viele Strategien und Thematiken aus westlichen Ländern übernommen, sei es nun die Forderung nach Aufforstung oder mehr Akzeptanz für die LGBTQ+ Szene. Hier wird sich in den nächsten Jahren noch viel tun und hoffentlich kommt auch in die korrupte, vetternwirtschaftliche, konservative Politik ein wenig frischer Wind, wenn die Jugend aktiver wird. Es wäre für viele hier ein Segen.

Zum Ende dieses Berichts möchte ich noch einmal zusammenfassen, was in den letzten Monaten passiert ist. Es begann mit den Entwicklungsberichten für die Kinder, wir saßen fast 6 Wochen an den 200 Seiten Berichten, die an alle Paten der Kinder einmal im Jahr verschickt werden. Anbei liegen dann zwei Bilder des jeweiligen Kindes und optional noch ein Brief oder gemaltes Bild. Die Wochen darauf liefen sehr ruhig und geregelt ab, unsere wöchentlichen Einheiten, Kochkurse, Englischnachhilfe, Baste- und Recyclingkurse, Begleitung zum Psychologen und die Arbeit im Feldgarten wechselten sich beständig ab. Dann wurden strukturelle und personelle Veränderungen vorgenommen und irgendwie funktionierte die vorher so angenehme Kommunikation nicht mehr. Das ist sehr schade, denn dadurch verloren einerseits wir an Motivation, aber auch die Kinder, die zu dieser Zeit Schulferien hatten an Lust. Diese Periode wurde abrupt von dem Endseminar unterbrochen, welches für mich ein echter Lichtblick war. Wir haben im argentinischen Eldorado mit allen 62 Freiwilligen sehr viel reflektiert, geredet aber auch gefeiert. Es tat gut, alle wiederzusehen. Wir haben uns mehr oder weniger verändert, innerlich und äußerlich. Vor allem aber war es sehr interessant zu sehen, dass wir alle uns auf einer Ebene verstehen, wie es nur wenige Menschen sonst tun. Viele Erfahrungen muss man selbst gemacht haben, selbst im Alltag erlebt haben, um sie wirklich zu begreifen. Sich mit anderen Menschen auszutauschen hilft mir immer sehr, einerseits, um das erlebte noch besser zu verstehen, aber auch, um die Art und Weise wie ich Dinge erlebe besser zu verstehen. Nach einem, bei Vielen sehr emotionalen, Abschied, sind wir mit 3 anderen Freiwilligen wieder nach Hause gefahren, die dann fast zwei Wochen bei uns ihren Urlaub verbracht haben. Das bringt immer ein bisschen Abwechslung in den Alltag. Da durch die Ferien sowieso weniger Kinder als üblich im SOS Kinderdorf waren, bot es sich an. Wir haben viele Ausflüge gemacht und waren auch auf der jährlichen Expo, einer Messe, wo sich paraguayische Unternehmen präsentieren. Hier war besonders der Landwirtschaftsteil für mich besonders interessant. Die vielen Maschinen und Tiere waren mir nach einem Jahr in einer Großstadt schon fast ein wenig fremd geworden. Nun sind unsere Freunde aber auch wieder abgereist und wir kehren zu einem etwas abgespeckten Alltag zurück, der uns noch die nächsten zweieinhalb Wochen begleiten wird. Am kommenden Wochenende werden wir bei Techo mitarbeiten. Das ist eine NGO, die Häuser und Dörfer baut und aufbaut.

Hier komme ich auch schon wieder zum Ende meines Berichtes, der nur einen kleinen Teil dessen Ausdrücken kann, was ich in einem Gespräch gerne alles erzählen würde. Ich möchte mich hiermit noch einmal herzlich bei allen Menschen bedanken, die diesen Freiwilligendienst für mich und Andere ermöglichen. Es ist eine unfassbar prägende, schöne und inspirierende Zeit. Ich kann nur jedem, der die Chance auf so etwas hat raten: Ergreift sie, so eine Möglichkeit bekommt ihr vielleicht nie wieder!