Mias 1. Bericht aus Uruguay

Meine erste Zeit in Uruguay

Mehr als 3 Monate ist es nun schon her als ich mich von meiner Familie am Flughafen verabschiedet habe und ich in den Flieger richtung Südamerika gestiegen bin. Es hat eine Weile gedauert bis ich tatsächlich realisiert habe dass ich mich nun wirklich in Uruguay befinde und das auch wirklich für ein ganzes Jahr. In den ersten 2 Wochen kam ich mir vor als würde ich nur Urlaub machen, alles war noch so unwirklich.
Bis dann nach einigen Wochen auch der Alltag eingekehrt ist. Inzwischen kann ich mit Sicherheit behaupten dass ich mich hier sehr wohl fühle und ich mich auf die noch kommenden 9 Monate sehr freue. Aber zuerst einmal zu meiner ersten Zeit hier.

Als ich hier in Montevideo ankam begann die erste Umstellung mit dem Einzug in meine WG. Ich lebe mit 4 Einheimischen Uruguayos und 3 deutschen Freiwilligen zusammen. Das alte Gemeindehaus einer Kirche, direkt im Zentrum Montevideos, ergibt sich als unsere Wohnung. Fast alle Häuser in der Stadt sind recht flach gebaut und statt eines zweiten Stockwerkes oder einem Garten gibt es Dachterassen. So dass, wen man wollte, ein Spaziergang über die Dächer Montevideos keine Schwierigkeit darstellt.
Mit Aylin, einer der Freiwilligen, teile ich mir auch das Zimmer und ein durchgelegenes Ehebett. Vor 4 Monaten hätte ich mir nicht vorstellen können mit einer mir vorher fremden Person ein Zimmer zu teilen, doch inzwischen kann ich mir nicht mehr vorstellen ganz alleine in einem Zimmer schlafen zu müssen. Zu Anfang war es recht schwer sich mit den Einheimischen zu unterhalten. Mein Wortschatz begrenzte sich auf Begrüßungen, wenige Floskeln und die Zahlen von 1-10. Doch umso mehr Spanisch wir lernten und umso mehr wir uns mit Händen und Füßen ins Zeug legten desto besser funktionierte die Kommunikation zwischen uns.
Auch wenn wir alle sehr unterschiedliche Arbeitszeiten haben ( hier in Uruguay ist das Leben sehr teuer, alle Studenten haben neben dem Studium 1-2 Nebenjobs um sich eine Wohnung in der Stadt leisten zu können) schaffen wir es doch recht oft Abends gemeinsam zu essen, unsere Serie weiter zu sehen oder ein paar Runden Truco zu spielen.

Mein Alltag unter der Woche spielt sich zum größten Teil in meinem Projekt ab, im Hogar Amanecer, ein Kinder- und Jugendheim im Norden Montevideos. Im Moment leben 17 Kinder im Heim, die kleinste ist gerade einmal 5 Jahre alt geworden und der älteste wird in ein paar Wochen 16 Jahre alt. Die Kinder kommen aus sehr schwierigen Verhältnissen, sexuelle Gewalt und Drogenmissbrauch sind im Heim keine Besonderheiten.
Viele Kinderheime gibt es nicht in Montevideo und auch unser Heim hat Glück Unterstützung von der Kirche und aus deutschen Gemeinden zu bekommen, denn viele Fördermittel werden in Uruguay nicht an die Kiderheime verteilt. Das Kinder- und Jugendamt strebt es an die Kinder irgend möglich in den Familien zu lassen. Somit kommen nur die „härtesten fälle“ ins Heim. Das führt auf der einen Seite dazu dass viele Geschwister und Familien zusammenbleiben (was meiner Meinung nach nicht unbedingt besser sein muss) aber auch dazu dass der Staat eine menge Geld einspart. Nun kann man sich vielleicht ein bisschen besser vorstellen was für Kinder in unserem Heim leben.
Und auch wenn ich öfters mal sehr müde und ausgepowert nach Hause komme, liebe ich die Arbeit mit meinen Kindern. Im Heim habe ich sehr viel Freiraum was meine Zuständigkeiten angeht. Mehrmals am Tag gehe ich die Kinder zur Schule bringen und auch wieder abholen (zu Fuß! Seit ich im Heim arbeite habe ich Beine wie ein Bergsteiger). Ich helfe beim essen vorbereiten, beim Wäsche waschen der Kinder und ab und zu auch bei Hausaufgaben oder wenn es eine Präsentation über ein Land seiner Wahl (es ist immer Deutschland) vorzubereiten gilt. Doch da ich täglich 8-9 Stunden im Heim verbringe bleibt noch einiges an Zeit übrig.
Es gibt Vormittage an denen viele Kinder in der Schule, beim Arzt oder am schlafen sind. An diesen Vormittagen sitzen wir draußen in der Sonne und essen gefrorene Orangen.
In der andere Zeit in der viele Kinder da sind spielen wir gemeinsam, gehen Moras pflücken, Kuchen für die Merianda backen und und und...
Unser erstes etwas größeres Projekt war ein Gemüsebeet, in welchem jedes Kind zwei eigene Felder hat für die es auch selbst verantwortlich ist. Und tatsächlich haben wir gestern aus Salat aus eigenem Bio-Anbau gezaubert.
Unsere Mitarbeiter*innen sind zum Großteil sehr lieb, doch hier in Südamerika ist nicht viel mit konstruktiver Kritik oder direkter Rückmeldung. Egal wie harmlos die Kritik auch sein mag, alles wird die durch die Blume vermittelt oder überhaupt nicht angesprochen. Man weiß nie genau was die anderen Mitarbeiter nun von einem halten. Nur wenige unserer Mitarbeiter haben eine Ausbildung, was nicht heißt dass sie nicht super liebe Menschen sind die auch lieb mit den Kindern sind, und trotzdem fehlt es an ausgebildetem Personal. Auch wenn mir selber eine Ausbildung oder ähnliches fehlt so kommen mir einige Methoden doch sehr befremdlich vor.
Eine weitere Sache die mir in meinem Projekt doch sehr schwer fällt sind die Geschichten der Kinder. Umso länger man hier arbeitet umso mehr treten auch die Geschichten der Kinder ans Licht und die Anderen Betreuer*innen erzählen einem immer mehr von den Eltern. Die Eltern selber kommen auch teilweise an den Freitagen vorbei oder nehmen die Kinder für einen Tag am Wochenende mit zu sich nach Hause. Dabei ist es unmöglich das einem die Geschichten der Kinder nicht unglaublich nahe gehen und auch ab und zu traurig stimmen können. Trotzdem helfen einem diese Hintergrundinformationen die Kinder und deren Verhalten zu verstehen und besser damit umzugehen.
Für die kommende Zeit im Projekt habe ich viele Ideen und Pläne die ich unbedingt umsetzten möchte. Mein spanisch hat sich deutlich gebessert und in 2 Wochen möchte ich mit meinem Theaterprojekt anfangen.

Ich freue mich unglaublich auf die kommenden Monate, denn die Adventszeit steht vor der Tür und es wird Zeit neue Traditionen kennen zu lernen. Wir deutsche Freiwillige (wir sind zu 8 in Uruguay) haben uns für Weihnachten ein Häuschen am Strand in Punta del diabolo gemietet und werden dort unser erstes Weihnachten in der prallen Sonne und am Meer verbringen.
Generell sind hier die Feste und die Menschen sehr unterschiedlich wie 'Zuhause'. Uruguay als Land wirkt aufgrund seines „Wohlstandes“ im vergleich zu den anderen Südamerikanischen Ländern recht Europäisch. Doch von der Mentalität der Uruguayen ist in Europa nicht besonders viel zu finden. Die Menschen in diesem Land strahlen eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit aus. Ungern wird ein Streit vom Zaun gebrochen und schon gar nicht wegen Kleinigkeiten wie einem Auffahrunfall oder schmutzigem Geschirr.
Sollte es in Uruguay mal zu einem Streit kommen dann höchstwahrscheinlich wegen Fußball. Der absolute Nationalsport. Die zwei Mannschaften 'Penarol' und 'National' spalten das Land in zwei Hälften. Wir selbst waren auch schon auf einem Spiel (natürlich auf Seiten Penralos) und der Haufen an schwer bewaffneten Polizisten und unzähligen Absperrungen zwischen den Fanblocks hat mich doch etwas überrascht, aber Gewaltausschreitungen bei einem „El Classico“ sind hier nichts aufsehenerregendes.
Die Gewalt hier ist ein weiteres Thema. Uruguay zählt zwar als recht sicher doch der Machismo und Gewalt gegen Frauen sowie bewaffnete Überfälle häufen sich besonders in letzter Zeit in diesem kleinen Land. Wir selbst mussten schon die unangenehme Erfahrung eines Überfalls werden. Denn obwohl das aufstrebende Schwellenland ( laut dem Auswärtigem Amt) viel Wohlstand genießt gibt es in der Stadt und vor allem im Norden Montevideos große Armut, die Menschen zu solch verzweifelten Taten treibt. Die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich springt mir auf dem Weg zu Arbeit Tag täglich mehr ins Auge.
Wenn ich morgens meine 50 Minuten ins Heim fahre komme ich an geteerten Straßen mit schicken VWs vorbei, doch umso länger ich fahre desto sandiger, löchriger und bröckeliger wird die Straße. Und aus den schicken Autos werden verbeulte Autos ohne Scheiben oder ohne Motorhaube und zu guter letzt zu Pferdekutschen welche aus einem Pferd und einem alten Autoanhänger zusammengebastelt wurden. Abends sollte man sich in diese Gegenden auf keinen Fall alleine und schon gar nicht als Frau aufhalten.
Die erste 3 Monate waren für mich sehr aufregend und ich freue mich unheimlich was in der nächsten Zeit noch so passieren wird.