Sofia Kik - 1. Bericht aus Serra Pelada, Brasilien

Meine lange Reise von Frankfurt bis nach Porto Alegre auf der Landkarte. Hier war ich noch weit von meinem Ziel entfernt.

Hier könnt ihr das Casa Matriz de Diaconisas in Porto Alegre sehen.

Oi ihr Lieben,

acht Wochen sind nun schon vergangen, seit ich mich von euch verabschiedet habe und in Brasilien angekommen bin. Wirklich aus Deutschland und von zu Hause weg bin ich mit dem Kopf eigentlich erst, seit ich mein kompliziert beantragtes Visum bei der Behörde am brasilianischen Flughafen vorgezeigt habe. Es gibt aber sogar jetzt noch Momente, in denen ich kaum fassen kann, dass ich mich auf der anderen Seite des Atlantiks befinde.

Meine ersten Tage in Brasilien habe ich im „Casa Matriz de Diaconisas“ in Sao Leopoldo verbracht. Das liegt im Süden bei Porto Alegre. Es war wunderbar, sich mit einem Jetlag von fünf Stunden Zeitunterschied erstmal in dem großen, ruhigen Haus ausruhen zu können und von den herzlichen Schwestern, die dort gemeinsam leben, aufgenommen zu werden. Nachdem ich meine Koordinatorin, die Zentrale der Evangelischen Kirche Brasiliens und die Stadt Porto Alegre kennengelernt und meine erste Erfahrung mit der brasilianischen Gastfreundschaft gemacht habe, ging es für mich mit dem Flugzeug weiter nach Vitória. Dort wurde ich von Rodrigo, einem Angestellten der ADL, der durch sein Praktikum auf einem deutschen Bauernhof sogar etwas Deutsch kann, abgeholt. Nach einer ewig langen Autofahrt durch die Kaffee- und Bananenplantagen des Bundesstaates Espírito Santo bin ich in meinem Projekt, dem Musikinternat ADL („Associação Diacônica Luterana“), angekommen.

Das ist die ADL von vorne.

Auf der großen Wiese, die zur ADL gehört, wird oft Fußball oder Volleyball gespielt und getanzt. Alles natürlich mit auf 100 Dezibel aufgedrehten Musikboxen .

Hier hat mich Einiges schon auf viele Arten und Weisen überrascht. So zum Beispiel mit welch großer Gasfreundschaft, Neugier und Freude auf mich gewartet und wie herzlich ich empfangen wurde. Mit einem kleinen Blumenstrauß und selbstgemachten Pralinen war auch mein Zimmer, das momentan noch im Mädchentrakt ist und ein eigenes Bad hat, am Anfang nicht ganz so leer. Mir ist es recht leicht gefallen mich einzuleben, denn obwohl ich mit keinen Portugiesisch Kenntnissen hergekommen bin, so gut wie niemand hier Englisch spricht und nur vereinzelt noch ein paar altpommerische Wörter gewusst werden, hat das keinen daran gehindert mich unbedingt kennenlernen zu wollen. Mit viel Kreativität, Pantomime und Google Übersetzer habe ich meine ersten portugiesischen Wörter gelernt und mit Vokabellisten angefangen erste Sätze zu bilden. Dank der Geduld der Schüler und Schülerinnen klappt es mittlerweile sogar schon ganz gut. Ich kann mich verständigen und recht viel verstehen. Allerdings ist es ein ganz anderer Weg eine Sprache zu lernen, als ich es bisher gewohnt war. Ohne Ahnung von Grammatik oder Schriftbild fängt man an zu reden, in der Hoffnung verstanden zu werden. Die Zahlen habe ich im Chor bei den Taktansagen des Musiklehrers gelernt. Nach und nach versteht man mehr und wenn man anfängt das Verb in der Ich-Form richtig zu konjugieren ist das jedes Mal ein neues Erfolgserlebnis.

Die ADL selbst befindet sich in Serra Pelada, ein kleines von Bergen umgebenes Dorf im Südosten Brasiliens. In die nächst größere Stadt Afonso Cláudio braucht es 20 Minuten mit dem Auto, an die Atlantikküste meines Bundesstaates Espírito Santo sind es vier lange Busstunden und bis in meine Heimatstadt Stuttgart sind es von hier aus 9.126 Kilometer. Die ADL ist ein relativ großes Gebäude, indem momentan 64 Jugendliche leben, lernen und musizieren. Dazu kommen 16 Angestellte die unterrichten, viel und lecker kochen, das Haus instand halten, im Sekretariat alles regeln und den Garten und die Kaffeeplantage der ADL pflegen. Obwohl die ADL in erster Linie ein Musikinternat ist, trifft es das Wort „Associação“ viel besser. Denn neben dem Schulleben in der ADL läuft vieles andere nebenher. So geben die Schüler und Schülerinnen den Kindern aus dem Dorf Gitarrenunterricht, viele Früchte wie Papayas und Goiabas werden selbst angebaut und es gibt Seminare und Projekte mit den umliegenden Gemeinden.

Das war vormittags nach einer Unterrichtsstunde mit dem Quarto Ano im Fach "Educação Social".

An einem Wochenende sind wir mit dem Posaunenchor auf das Pommerfest gegangen. Hier zeihen wir gerade durch die Straßen, um die Leute auf auf das Fest aufmerksam zu machen.

Nun aber erstmal zu meinem Alltag. Die Woche wird hier durch einen sehr durchgetakteten Plan festgelegt. Morgens heißt es nach dem „Café da amanhã“ um 7 Uhr für alle vier Jahrgangstufen Unterricht in der ADL. Nach dem „Almoço“ (Mittagessen) um 11.30 Uhr ist nachmittags für die drei jüngsten Jahrgänge Unterricht in der „High School Elvira Barros“ des Dorfes. Nach der Mittagspause bis 15 Uhr gibt es den „Café da tarde“ und spätnachmittags hat jeder seine Aufgabe auf dem Gelände oder im Gebäude, die erledigt wird, damit das Internatsleben funktioniert.

An dieser Stelle muss ich unbedingt von der Putzparty erzählen, die hier jeden Tag steigt. Sobald die Schulglocke geklingelt hat, wird nicht angestrengt über das bevorstehende Putzen gestöhnt, sondern die Lautsprecher auf allen Gängen werden voll aufgedreht und es ist kein Schüler ohne Putzlappen, Eimer oder Besen zu finden. Alle gehen mit einer Sorgfältigkeit und Selbstverständlichkeit an ihre Aufgabe und erledigen sie. Selten war ich so sehr von Jugendlichen beeindruckt, die putzen. Und das jeden Tag bei einem so großen Gebäude. Am Anfang habe ich das als übertrieben empfunden. Aber spätestens seit den tausenden Käfern, die nach drei Tagen Regen wie aus dem nichts überall auftauchen und auch keinen Halt vor meiner Zimmertür machen und der Ameisenstraße die sich eines Tages in meinem Bad eingenistet hat verstehe ich, warum das hier alles etwas anders gehandhabt wird.

„Jantar“ (Abendessen) gibt es immer um 19 Uhr. Je nach Wochentag ist abends dann Chor, der jeweils von einem Jahrgang gestaltete Gottesdienst, Schulversammlung oder Selbständiges Lernen angesagt. Danach gibt es um 21.30 Uhr – man glaubt es kaum – nochmal ein „Lanche“. Meistens besteht er aus leckeren Kuchen, den unsere Tias (die beiden Köchinnen, die hier alle liebevoll „Tante“ nennen) frisch backen. Um 22 Uhr ist Nachtruhe und es wird ruhig im Internat, sodass man selbst ganz müde wird. 

Hier wird gerade fleißig für die Weihnachtskantate geprobt.

Insgesamt sind wir 31 Sänger und Sängerinnen. Dazu kommt Klavier, Gitarre, E-Bass, Trompete, Violine und - ganz brasilianisch- natürlich Trommeln und Cajon.

Auch wenn das alles auf den ersten Blick sehr streng strukturiert klingt, ist alles von einer energiegeladenen Lebensfreude begleitet. So gibt es fast keinen Moment in dem kein Posaunenton oder Klaviergeklimper, Flötengeübe oder Gitarrenriffe über die Gänge hallen. Die Jugendlichen haben hier die Möglichkeit Sopran-, Alt-, Tenor- und Bassflöte, Trompete, Posaune, Tuba, Euphonium, Gitarre, Percussion und Klavier zu lernen. Und selbstverständlich ist die riesige Begeisterung fürs Singen nicht zu vergessen. Auch ich habe mich davon anstecken lassen und es ist ganz normal geworden, singend durch das Haus zu laufen. Gerade wird im Chor die Weihnachtskantate geprobt, die der Musiklehrer für den „Grande Coral“ der ADL komponiert hat. Mit diesen Melodien im Gedächtnis und den Noten in den Mappen werden wir uns in wenigen Wochen in den Sprinter der ADL setzten und uns auf Chorreise durch Espírito Santo in die evangelisch-lutherischen Gemeinden begeben. Das Musikinternat ist in der IECLB („Igreja Evangélica de Confissão Luterana no Brasil“) bei ihren circa 700.000 Mitgliedern sehr bekannt. Als ich in Porto Alegre von der ADL gesprochen habe, hat mir jeder etwas dazu erzählen können.

Freitagnachmittags haben die Jugendlichen immer frei. Hier spielen wir gemeinsam Verstecken auf dem ganzen Gelände.

Mein Aufgabenbereich beläuft sich momentan noch darauf bei allem etwas mitzuhelfen, da ich aufgrund meines mangelnden Wortschatzes bisher noch nicht viele Aufgaben eigenständig übernehmen konnte. Morgens gehe ich deshalb immer mit in den Unterricht, was dabei hilft die Sprache ins Gehör zu bekommen. Hier werden interessante Fächer wie Musiktheorie, Diakonische Arbeit, Sozialkunde, Theater, Bibelkatechese, Kunst, Liturgie, Fotografie und Diskussion unterrichtet. Es ist spannend den Unterricht miterleben zu können, denn er läuft ganz anders ab als ich es aus Deutschland gewohnt bin. Die Schüler haben quasi das gleiche Rederecht wie der Lehrer oder die Lehrerin. Wenn jemand etwas zu sagen hat, darf er oder sie das sagen. Man wird dazu ermutigt zu diskutieren und kreativ zu sein. Zum Beispiel ist eine der Prüfungsaufgaben des letzten Jahrgangs ein Projekt zu entwerfen, in dem sie sich sozial engagieren und ihre Musikalität dazu nutzen, um aktiv das Leben in der ADL und auch später zu gestalten. In Musiktheorie lernen die Schüler zu komponieren und zu dirigieren, in Bibelkatechese werden Bibelstellen analysiert und interpretiert und in Diakonischer Arbeit wird im dritten Jahr ein einmonatiges Praktikum in einer Einrichtung der evangelischen Kirche absolviert.

Nachmittags habe ich bisher schon etliche Autos saubergemacht, unzählige Kleidungsstücke gebügelt und bei der Pflege des Gartens geholfen. In Deutschland gäbe es in einem Internat Angestellte, die diese Arbeit erledigen würden aber hier in der ADL trägt jeder die gleiche Verantwortung dafür, dass das Zusammenleben funktioniert. Jeder hat die gleichen Pflichten aber auch die gleichen Rechte. Ansonsten singe ich im Chor mit, spiele im Flötenensemble und helfe, wenn jemand beim Üben Hilfe braucht.

Hier sind Sohayla und ich gerade bei Dani zu Hause zu Besuch.

Auch beim "Festa Havaiana" waren wir natürlich mit dabei.

Seit meiner dritten Woche ist auch meine Mitfreiwillige Sohayla in der ADL angekommen. Wir teilen uns ein Zimmer, was gar nicht so schwer ist, wie ich vorher gedacht hatte. Nach Weihnachten - was bei uns auch nach den Sommerferien bedeutet - ziehen wir in eine kleine Wohnung um, die sich auch auf dem ADL Gelände befindet. Es ist schön zu zweit als Freiwillige hier zu sein, denn gerade am Anfang ist es gut, wenn man jemanden hat, der die „deutsche Perspektive“ teilt und mit dem man das Erlebte reflektieren kann.

Zum Beispiel erfahren wir mittlerweile immer mehr über die Hintergründe der Schüler und Schülerinnen und verstehen warum gerade die ADL eine so große Möglichkeit für sie bietet. Einige haben zu Hause Probleme mit sexueller Gewalt oder der hier in der Gegend weit verbreiteten Vorstellung man müsse im Alter von 14 Jahren heiraten und Kinder kriegen. Viele kommen aus Familien in denen es ein Alkoholproblem gibt, andere erfahren von ihren Eltern keine Unterstützung und Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Ein Ereignis nachdem ich mir viele neue Gedanken gemacht habe war, als bei einer Runde mit dem Abschlussjahrgang und dem Schulleiter die vier Schuljahre reflektiert wurden, die sie in der ADL verbracht haben. Viele haben erzählt, dass sich für sie neue Perspektiven für ihre Zukunft eröffnet haben, dass sie gelernt haben sich ihre eigenen Gedanken zu machen und sich nicht von Vorstellungen kontrollieren zu lassen, die sie in ihrer Kindheit beigebracht bekommen haben. Es ist toll so etwas von Schülern und Schülerinnen zu hören, die nach ihrer Schulzeit so etwas sagen können und es hat mir gezeigt wie sinnvoll es ist, hier zu sein, die Menschen kennenzulernen und für sie da zu sein.

Sohayla (ganz links) und ich mit den Lehrern Alex, Dani, und Willa beim "Festa Havaiana" in der ADL.

Natürlich gehören zu den Menschen in der ADL auch die Lehrer und Lehrerinnen. Das Kollegium ist sehr lustig drauf. Die jüngste Lehrerin ist 21 Jahre alt, die Älteste 61. Es ist eine bunte Mischung von Leuten, die größtenteils selbst mal in der ADL gelernt haben. Auch sie haben mich herzlich aufgenommen. Ein großes Gesprächsthema zurzeit sind natürlich auch die vergangenen Wahlen im Oktober. Besonders von den Lehrern und Lehrerinnen werde ich immer wieder auf den neuesten Stand der politischen Lage in Brasilien gebracht. Dieser sieht gerade besonders für Minderheiten, Schwarze, indigene Völker und homosexuelle Menschen überhaupt nicht gut aus. Mit dem neu gewählten, rechten Präsidenten Bolsonaro wird hier von dem eher politisch links ausgerichteten Internat mit Angst und großen Befürchtungen in die Zukunft geschaut. Wo man auch hinkommt, früher oder später wird das Gespräch auf die Politik gelenkt und die Meinungen gehen auseinander. Das ist auch im Internat zu spüren, denn Einige kommen aus Familien in denen der rechte Politiker unterstützt wird. Wie die Zukunft für Brasilien aussieht ist momentan noch unsicher aber ich bin jedenfalls froh, dass ich einem so offenen und toleranten Ort gelandet bin. Typisch brasilianisch wird hier eben im schlimmsten Fall gelacht und das führt oft zu lustigen Situationen.
Dazu gehört auch das gemeinsame Pastel oder Pizza essen gehen. Natürlich muss ich auch von den Churrasco-Abenden des Schulleiters erzählen. Churrasco kommt ursprünglich aus Rio, ist aber mittlerweile in ganz Brasilien verbreitet. Im Prinzip ist es ein Grillabend an dem das Fleisch mit einer ganz besonderen Technik gegrillt wird. Brot gibt es selten dazu, manchmal auch eine Art Kartoffelsalat aber meistens nur unglaublich viel und lecker gewürztes Fleisch - und natürlich Caipirinha.

Das ist unser Zimmer. Im hinteren Bett schlafe ich. Vor dem Fenster befindet sich eine kleine Terrasse, die zum Innenhof zeigt.

Für mich als ehemalige Vegetarierin ist das viele Fleisch eine ganz schöne Umstellung. Aber auch auf vieles andere musste ich mich neu einlassen.  So zum Beispiel, dass ich kein eigenes Zimmer habe und dieses im Mädchentrakt des Internats liegt. Dadurch ist die Privatsphäre auf einen ziemlich kleinen Raum beschränkt aber momentan komme ich gut damit klar. Auch meine Wäsche muss ich teilweise selbst von Hand waschen. An andere Dinge gewöhnt man sich schneller, zum Beispiel die dauernd präsente Musik, die am Anfang manchmal etwas zu viel war oder dass man nicht immer die Möglichkeit hat Geld abzuheben, da es im Dorf keinen Bankautomaten gibt. Es kann auch mal sein, dass die Bankautomaten wegen Stromausfall und Regen überhaupt nicht funktionieren. Hier hat nämlich mit dem Frühling auch die Regenzeit begonnen. Dies ist auch der Grund, warum der extreme Regen für vieles, was ab und zu nicht funktioniert, als Erklärungen dient.

Der ältesten Schüler aus dem Quarto Ano sind uns sehr ans Herz gewachsen.

Jetzt noch kurz etwas dazu wie es bei mir in nächster Zeit aussehen wird.
Mein Portugiesisch ist jetzt so gut, dass Sohayla und ich in den nächsten Wochen gemeinsam einen Projektplan ausarbeiten werden, sodass wir im Februar zum Schuljahresbeginn richtig durchstarten können. Wir haben schon viele Ideen und sind ganz motiviert dabei, zu überlegen, wie wir Deutsch- und Englischunterricht geben können. Außerdem haben wir vor ein Sportangebot zu starten, damit hier etwas Bewegung reinkommt. Jetzt werden wir erstmal mit auf Chorreise gehen und danach müssen wir uns traurigerweise bei der Formatura des Quarto Ano von unseren lieben Freunden aus dem letzten Jahrgang verabschieden. Das wird schwer, aber wir können uns ein wenig damit trösten, dass im nächsten Schuljahr ein neuer Jahrgang kommt. Weihnachten werden Sohayla und ich bei Dani verbringen, das ist eine Lehrerin an der ADL, die gefühlt am Ende der Welt an einem Ort wohnt, der so aussieht, wie ich mir den Amazonas vorstelle. Danach wird es an Silvester auf große Reise nach Chile gehen, denn die Sommerferien gehen bis Februar und wir werden viel Zeit zum Reisen haben.
Darüber werde ich dann aber in meinem nächsten Bericht erzählen.

Bis dahin hoffe ich, dass es euch allen gut geht und bedanke mich für eure Unterstützung!
Liebe Grüße e um grande abraço,
Eure Sofia