Tim R. - 3. Bericht aus Buenos Aires, Argentinien

Liebe Unterstützer, liebes GAW, liebe Leser,

nun ist für mich der letzte Monat hier in Argentinien angebrochen und ich weiß nicht was ich davon halten soll. Einerseits freue ich mich auf meine Familie und meine Freunde, andererseits möchte ich auch noch länger bleiben, da ich hier alle ins Herz geschlossen habe. Es gibt nichts schöneres als wenn ein 85cm großer Drei-Jähriger auf dich zu rennt, laut „ Tiiimmmm“ ruft und dich zur Begrüßung umarmt, sobald man morgens in den Kindergarten kommt. Auch die Schüler der Grundschule und der weiterführenden Schule, die ich in den vergangenen Monaten kennengelernt habe, werde ich mit Sicherheit vermissen. Aber nun erzähle ich erstmal, was überhaupt so alles seit März passiert ist.

 

Projekt

Nach dem Karnevals-Wochenende kamen die Kinder und Schüler Anfang März wieder in die Schule. Die langen Sommerferien waren zu Ende und das neue Schuljahr begann.

Meine Mitfreiwillige, Hannah, und ich waren am Anfang erstmal noch im Kindergarten, da dort nun besonders viel Hilfe gebraucht wurde. Nach drei Monaten Ferien, fiel es vielen Kindern schwer nun sich tagsüber von ihren Eltern zu trennen. Da man den Kindern daher nicht direkt die vier Stunden, die sie normalerweise pro Tag da sind, zumuten konnte, gab es eine Einführungsphase. Das bedeutet, dass z.B. die Drei-Jährigen, die neu in den Kindergarten gekommen sind und nun wahrscheinlich das erste Mal von den Eltern getrennt sind, am Anfang nur 30 Minuten da waren und es nach einer Woche auf 45 Minuten erhöht wurde. Stück für Stück wurde die Zeit erhöht, bis nach einem Monat in sala naranja, den ganz Kleinen, die 4 Stunden pro Tag erreicht wurden.

Bei den Vier-Jährigen dauerte die Einführungsphase zwei Wochen und bei den Größten, den Fünf-Jährigen, eine Woche.

Ich muss zugeben, dass das vielleicht der anstrengendste Monat in meinem Jahr war. Ende März war Hannah zwei Wochen nicht da, so dass ich jeden Tag Vormittags und Nachmittags in sala naranja war, den Kindern, die ständig geheult haben, da sie nach Hause wollten, herumgeschrien haben, ihre Tasse mit Saft durch die Gegend geworfen haben und die Spielsachen nicht aufgeräumt haben, sodass man selber alles aufräumen musste. Da wurde ich richtig an meine Grenzen gebracht.

Die Kinder haben sich aber schnell an das Leben im Kindergarten gewöhnt und es ist immer witzig dort. Was ich richtig interessant finde, wie schnell die 3- Jährigen sich entwickeln. Da ist man mal eine Woche wegen einem Seminar nicht da, und dann haben die Kinder, die vorher kaum was gesagt haben, plötzlich angefangen zu reden.

Ende März fingen wir Montag Abends nach der Schule mit Deutschunterricht an. Ein Kurs hat das Niveau A2 und der andere Kurs ist B1. Die meisten Schüler, die dort hingehen, haben ebenfalls vor nach der Schule für ein Jahr ins Ausland zu gehen. Nach Deutschland. Ich unterrichte den B1-Kurs. Vor kurzem habe ich sogar alleine unterrichtet. Ich habe mich auf Anhieb mit der kleinen Gruppe, es sind 7 Schüler, gut verstanden. Die Schüler sind zwischen 14-17.

Seit Mitte April habe ich einen eigenen Stundenplan, sodass ich den Deutschlehrerinnen der Grundschule und der weiterführenden Schule beim Unterricht und beim korrigieren von Arbeiten unterstütze und den Schülern bei ihren Aufgaben helfe.

Es war auf jeden Fall schön, nun mit Älteren zu arbeiten, sodass ein bisschen Abwechslung reinkam.

Mit den 11-und den 12-Klässlern verstehe ich mich sehr gut. Ich wurde zu Geburtstagen eingeladen und auch so, wenn man sich in den Pausen sieht, grüßt man sich und kommt ins Gespräch. Mit den Grundschüler verstehe ich mich ebenfalls super. In den Pausen spielen wir mit einem Ball ( man darf auf dem Schulhof aus Sicherheitsgründen kein Fußball spielen, sodass der Ball geworfen wird ), oder springen Seil. Darüber freuen sie sich besonders, da man der einzige Erwachsene ist, der mitspringt, da die Lehrer Aufsicht haben. Da sie einen unbedingt springen sehen wollen, muss man sich nicht wie alle anderen in die Warteschlangen stellen. Das ist ganz praktisch;-)))

Man ist für die Schüler einerseits ein guter Freund geworden, andererseits auch einer, der einem, zusätzlich zu der Lehrerin, bei den Deutschaufgaben helfen kann.

 

Freizeit

Da ich früh, um Viertel nach sieben, aus dem Haus gehe und spät, um Viertel nach sechs, nach Hause komme, gehe ich unter der Woche in meiner Freizeit nur nach der Arbeit ins Fitnessstudio. Vor Allem jetzt im Winter macht es auch keinen Spaß abends nochmal irgendwo hinzugehen, da es um 18 Uhr schon dunkel ist. Außerdem ist es kalt.

Am Wochenende mache ich ab und zu Ausflüge oder über längere Wochenenden auch längere Reisen. So bin ich z.B. mit meiner Mitbewohnerin und einer anderen Freiwilligen für drei Tage nach Asunción, der Hauptstadt von Paraguay, gefahren. Die Busfahrt dorthin dauerte 18 Stunden. Außerdem bin ich mit meinem Mitbewohner ins acht Stunden entfernte Córdoba gefahren.

Da ich in Deutschland noch nie so lange mit einem Reisebus gefahren bin, war das eine interessante Erfahrung. Die Rückfahrt vom Abschlussseminar Anfang Juli dauerte sogar 21 Stunden.

Mein Mitbewohner, David, und ich haben uns Anfang des Jahres vorgenommen mal zu dem Jugendtreffen in der nahegelegenen Gemeinde zu gehen um noch ein paar Argentinier kennenzulernen. Und siehe da: Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Wir haben zusammen ein Theaterstück vorbereitet, das wir auf einem Fest vorgeführt haben und haben zusammen Geburtstage gefeiert.

Auch wenn ich das eigentlich nicht vorhatte, bin ich auch noch paar Mal mit Freunden ins Kino. Avengers, Aladdin und Toy Story 4 konnte man einfach nicht ignorieren.

 

Leben in Argentinien

Zu Beginn habe ich gedacht, „ Wie soll ich mich jemals an diese riesige Stadt gewöhnen?“, denn man musste auf einmal viel länger unterwegs sein um irgendwo hinzukommen.

Damit ihr ein Größenverhältnis habt: Allein die Provinz Buenos Aires ist nur ein bisschen kleiner als Deutschland. Aber man hat sich dran gewöhnt über eine Stunde im Bus zu sitzen um nach „Capital“ ( Hauptstadt ) zu kommen. Ich vermute, dass in Deutschland mir keine Reise mehr zu lange vorkommen wird.

Zu den Argentiniern muss man sagen, dass sie meist freundlicher und offener sind als die Deutschen. Allein schon, dass man sich immer mit einem Küsschen begrüßt, auch wenn man die Person vor einem vielleicht noch nie getroffen hat, lockert sich die Situation auf. Es wird komisch sein in Deutschland einem wieder die Hand zu geben.

Auch wenn die Argentinier durch die Inflation ein Geldproblem haben, laden sie einen oft nach Hause ein um mit einem zusammen Mate zu trinken und was zusammen zu essen.

Dadurch, dass die Armut hier in Argentinien sehr verbreitet ist, muss man immer aufpassen, dass man nicht ausgeraubt wird. Es klingt härter als es ist. Bis jetzt ist bei mir nichts passiert und ich fühle mich recht sicher auch wenn ich weiß, das jederzeit was passieren kann.

Vor Allem in Polvorines, wo ich arbeite, sollte man nicht unbedingt nachts rumlaufen.

 

Nun haben bei uns die zwei- wöchigen Winterferien angefangen. Eine Woche habe ich nun frei, bevor ich in der zweiten Woche wiederkomme. Dort werden wir die Schule wieder auf den Schulanfang vorbereiten.

Nach den Ferien bleibt mir dann noch eine komplette Woche, bevor ich dann schweren Herzens nach Deutschland zurück fliege.

Meine Mutter hat mir vor Kurzem ein Bild von weltwärts geschickt mit einer wichtigen Frage, die man sich stellt:

„ Wahr oder nicht wahr? Der Weg zurück fällt ( rückblickend ) schwerer als der ins Ausland?“

Ich kann da jetzt schon zustimmen. Denn in Deutschland habe ich gedacht, dass es ja „ nur“ ein Jahr ist und dann komme ich wieder. Doch wann werde ich das nächste Mal nach Argentinien kommen? Wird man seine Freunde, die man in dem Jahr kennengelernt hat, wieder sehen? Oder sind sie umgezogen? Alles Fragen, die ich mir, und mit Sicherheit auch die meisten anderen Freiwilligen, sich jetzt schon stellen, obwohl wir noch gar nicht in Deutschland sind.

Zu mindestens habe ich das Glück, dass die Kinder in meinem Projekt vom Kindergarten bis zum Beenden der Schule nach 12 Jahren, dort bleiben, sodass ich z.B. die Kindergartenkinder auf jeden Fall wiedersehen werde.( Solange die Eltern die Schulgebühren zahlen können und nicht umziehen)

 

Ich werde nun die letzten drei Wochen nochmal so richtig genießen. Leider bleibt mir von denen nur noch eine Woche mit den Kids:-(

 

Wir sehen uns in Deutschland.

 

Saludos, Grüße aus dem kalten Argentinien,

 

Tim Rosenbaum