• add Bericht Nr. 4

    „Ein Auslandsjahr ist wie eine Fahrt mit der Achterbahn. Zuerst will man unbedingt damit fahren und ist sehr fasziniert von der Vorstellung, dann geht es schnell. Man muss einsteigen und es kommen die ersten mulmigen Gefühle. Dann gibt es Hochs und Tiefs. Aber es wechselt sehr schnell. Am Ende ist man ein bisschen traurig, dass es schon vorbei ist, ein bisschen stolz, dass man es überlebt hat, erfreut wieder festen Boden unter den Füßen zu haben und eigentlich würde man am liebsten sitzen bleiben und noch einmal fahren.“ 

    Liebe Familie, liebe Freunde, liebe Unterstützer,

    Dieser Spruch spiegelt meine Situation als Freiwillige sehr gut wieder. Vor einem Jahr, bevor ich den Schritt nach Chile gewagt habe, hat mir jemand diesen Spruch in ein Büchlein geschrieben. Damals wusste ich noch nicht so genau, wie es sein wird und konnte es mir nicht vorstellen. Jetzt kann ich mit voller Überzeugung sagen, dass der Spruch zu 100% auf mein Jahr zutrifft.

      

    „Zuerst will man unbedingt damit fahren und ist sehr fasziniert von der Vorstellung“

    Vor über einem Jahr saß ich am gleichen Platz wie jetzt und habe mir Gedanken gemacht, wie es wohl werden wird. Das Jahr, die Menschen, die Schule, die Großstadt,… Ich konnte es kaum erwarten, endlich mein Leben „alleine“ in der Hand zu haben und etwas Neues zu beginnen.

    „Man muss einsteigen und es kommen die ersten mulmigen Gefühle.“

    Am Tag vor dem Abflug habe ich erst realisiert, dass ich mein gewohntes Umfeld und all die Menschen, die ich um mich herum habe, sowie meine Hobbys für ein Jahr zurücklassen muss. Ich wusste gar nicht mehr so richtig, warum ich das überhaupt wollte, weil ich doch in Deutschland alles hatte, was ich brauchte. Aber die Anfangseuphorie hat dort dann alles überstimmt und ich war glücklich, dass doch den Schritt gewagt habe und alles so reibungslos funktioniert hat.

    „Dann gibt es Hochs und Tiefs“

    Ja.. Höhen und Tiefen gab es genug. Zum Beispiel wenn ich krank im Bett lag, meine Mitbewohner zwar noch so fürsorglich und hilfsbereit waren, wollte ich einfach heim in mein eigenes Bett und Tee von meiner Mama gebracht bekommen. An Weihnachten, das ich immer mit meiner Familie verbracht habe, wünschte ich für einen kurzen Moment, dass ich wie jedes Jahr im Winter mit meiner Familie beisammen sein kann. Doch jeder einzelne Tiefpunkt, der kam, hat mich auf Dauer stärker werden lassen und mir bewusst gemacht, dass ich umso dankbarer für die schönen Momente sein sollte .Wie man das aus dem Leben so kennt, kommt nach jedem Tief auch wieder ein Hoch. In der WG wussten wir irgendwann auch, wie wir uns gegenseitig wieder aufmuntern und haben eine wunderschöne und unvergessliche Zeit miteinander verbracht. Auch nach meinem Tanztraining bin ich immer mit bester Laune wieder nach Hause gekommen. Die Kinder in der Schule darf ich nicht vergessen, welche mir täglich meinen Tag versüßt haben. Sie kamen zum knuddeln, sagten paar süße Worte oder schenkten etwas selbst Gemaltes. Ein besonderer Moment war beispielsweiße am ersten Schultag nach den langen Ferien, als ich gesehen habe, was für eine Bindung ich zu den Kindern aufgebaut habe, weil es unzählige Umarmungen und Küsschen gab und ich wirklich kein einziges Kind ohne Grinsen übers ganze Gesicht gesehen habe.

    „Aber es wechselt sehr schnell“

    Jetzt am Ende des Jahres kann ich gar nicht mehr so genau sagen, wann ich immer Hochs und Tiefs hatte, da das Jahr einen ständigen Wechsel mit sich brachte. Ich kann euch jedoch freudig mitteilen, dass die schönen Momente deutlich überlegen waren.

    „Am Ende ist man ein bisschen traurig, dass es schon vorbei ist“

    Ich kann es noch gar nicht so richtig glauben, dass ein Jahr schon wieder vorüber ist. Ich wollte noch so viel unternehmen, mich mit Menschen treffen, noch unbekannte Orte besuchen aber auch die inzwischen bekannte WG, mein Zuhause, nicht zurücklassen. Mir schwebte immer der Gedanke im Kopf: „Jetzt habe ich mir hier ein Leben aufgebaut. Ich habe mich eingelebt, kenne mich aus, habe in der Schule meinen Platz gefunden und mich eingearbeitet, bin nicht mehr die Neue Unwissende, die kein Spanisch kann, habe ein Hobby gefunden, kann mich mit jedem verständigen, und und und. Jetzt habe ich all das und werde einfach wieder aus dem Leben herausgezogen.“ Ist gar nicht so einfach, das einfach so hinzunehmen und zu akzeptieren, dass es nicht zu ändern ist und die Zeit hier einfach abgelaufen ist. So hart wie es sich anhört, fühlt es sich auch an. Eine Gefühlsmischung, die ich so noch nicht kannte, die mich etwas überfordert hat und die unmöglich zu beschreiben ist.

    „…ein bisschen stolz, dass man es überlebt hat“

    Ich habe es geschafft. Ich habe das Jahr gemeistert mit all seinen Höhen und Tiefen. Ich habe sehr viel gelernt und Erfahrungen gesammelt, die mir keiner mehr nehmen kann. Es fängt bei der Sprache an. Ich kann zwar weder die gesamte Grammatik erklären, noch irgendwelche Formen aufsagen, doch ich kann Gespräche führen und auf jeden Fall überleben. Wie viel einfacher das Leben ist, wenn man die Sprache kann, wurde mir immer wieder aufs Neue bewusst. Weiter geht es mit der Arbeit an der Schule, die Zeit mit den Kindern, das Schmeißen des Haushaltes, den Mut für Neues, das Durchhaltevermögen in schwierigen Zeiten und es geht bis zu den kleinen Dingen, die das ein oder andere Mal getestet wurden, wie Geduld, Kompromissbereitschaft, improvisieren, Selbstständigkeit, Spontanität und vieles mehr. Auch interkulturell habe ich einen neuen Blickwinkel bekommen. Der Machismo, die ausgeprägte Stärke des Mannes, die ich teilweise selbst zu spüren bekommen habe, die man aber keinesfalls pauschalisieren darf. Die Wichtigkeit von Bildung war mir noch nie so bewusst, wie in diesem Jahr und auch die Auswirkung von sozialer Ungerechtigkeit und wie schwierig es ist, aus einer Armutsspirale wieder heraus zu kommen.

    „…erfreut wieder festen Boden unter den Füßen zu haben“

    Ich kam daheim an und war erst einmal überglücklich, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, das gewohnte Umfeld wieder zu sehen und die Menschen in die Arme zu schließen, die ich schon seit einem Jahr nicht mehr gesehen habe. Wie oft habe ich mir diesen Moment ausgemalt? Doch als die erste Freude weg war, merkte ich, wie mein vermeintlich bekanntes Umfeld doch ein bisschen fremd wurde. Der Boden ist doch ein wenig wackelig. Mir wurde gezeigt, dass der Mensch ein Gewöhnungstier ist und ich mich nahezu 100% an mein chilenisches Leben und Umfeld angepasst sowie gewöhnt habe. In meinem deutschen Zuhause ist alles so groß, so weiß, so luxuriös, so sauber und einfach alles im Überschuss. Braucht man das alles in seinem Leben? – in Chile war ich doch auch glücklich. Doch da der Mensch sich an alles gewöhnt, werde ich mich mehr oder weniger schnell auch wieder an den Lebensstandard in Deutschland gewöhnen müssen und werden.

    „…und eigentlich würde man am liebsten sitzen bleiben und noch einmal fahren.“

    In den ersten Tagen schwebte mir die ganze Zeit im Kopf, ob ich mich in Deutschland überhaupt wieder einleben will, dass das doch ungerecht ist und warum man sein Leben nicht einfach mit einem geringeren Lebensstandard genauso glücklich lebt. Da wird mir auch bewusst, was das Jahr für mich ausgemacht hat. Ich habe gelernt, die kleinen Dinge im Leben zu schätzen und nicht immer nur nach dem Besten vom Besten zu streben, sondern auch einfach mal mit dem zufrieden sein, was man hat. Ich könnte euch hier noch so viele Lebensweisheiten, die mir wichtig geworden sind, mit auf den Weg geben, aber da wüsste ich nicht, wo ich anfangen und aufhören soll.

    Deshalb sage ich zum Abschluss einfach noch einmal Danke.

    Danke, an alle, die mir dieses unvergessliche und vor allem prägende Jahr ermöglicht haben und immer hinter mir standen. Ohne euch wäre das alles nicht möglich gewesen. Muchas Gracias!

    Abrazos y besitos

    Eure Evita