• add Bericht Nr. 4

    Liebe Freunde, Verwandte und Bekannte,

    Ein letztes Mal hämmere ich diese Zeile in meinen Computer, ein letztes Mal habe ich die Aufgabe erhalten einen Bericht zu verfassen. Auch wenn mein Freiwilligendienst schon vorbei ist, heißt es mit 12 000 Kilometer Abstand noch einmal einen Rückblick auf meine Zeit in Chile zu wagen.

     

    Aber wie bitte soll ich dieses eine Jahr in einem einzigen Rundbrief zusammenfassen? Wie nur all diese Personen, Glücksmomente und Emotionen erfassen und in Zeilen packen?

     

    Ich könnte jetzt alle Highlights, die ich in diesem Jahr erleben durfte und die sich so leicht erzählen lassen, aufzählen. Sicherlich würde sich damit ein lesenswerter Bericht ergeben, aber das wäre eben nur die eine Seite der Medaille. Ich möchte euch aber sehr gerne (soweit das geht) in meinen Freiwilligendienst mitnehmen, euch zeigen wie es sich anfühlt, für ein Jahr ein vollkommen anderes Leben zu führen mit all seinen Facetten, all seinen Höhen und Tiefen.

     

    Ich erinnere mich an Begegnungen mit ehemaligen Freiwilligen bevor ich nach Chile gestartet bin. An dieses Strahlen und dieses Leuchten in ihren Augen, wenn von der Zeit im Ausland erzählt wurde. Häufig war vom besten Jahr ihres Lebens die Rede, das ganze Jahr schien federleicht verflogen zu sein. Aber Hand aufs Herz, so einfach sich das auch alles erzählen lassen mag, auch Herausforderungen gehören zum Freiwilligendienst dazu. Es gilt Hürden zu überwinden, die manchmal größer wirken als je zuvor, man muss sich mit Themen auseinandersetzen, die man am liebsten wie ein Schwamm einfach weggewischt hätte und das ein oder andere Mal zu viel haut es einen auch auf die Schnauze. Eigentlich ist das auch gar nicht so verwunderlich. Ich mein, für ein Jahr haben wir uns von unseren Freunden, von unserer Familie, ja eigentlich sogar von unserem gesamten, in den letzten19 Jahren zur Gewohnheit gewordenen Leben verabschiedet. Wir haben uns in ein neues Leben gestürzt, von dem wir vorher kaum etwas wussten und das ebenso wenig auf uns vorbereitet war. Unsere Arbeit, die Leute, das Umfeld, das uns dort erwartete, das alles hatten wir zuvor weder selbst aussuchen noch mitgestalten können. Und so war es reiner Zufall ob die einzelnen Bereiche zu uns passten bzw. wir zu ihnen. Und was, wenn nicht?

     

    An einzelnen Stellschrauben drehen, selbst mitgestalten, dem Umfeld seine eigene Marke aufdrücken, all das ist manchmal gar nicht so leicht, erfordert Mut und wird zu einem Prozess der sich über Monate, teilweise sogar bis zum Schluss ziehen kann. Gleichzeitig gilt es sich selbst treu zu bleiben, auch wenn andere ihre ganz eigene Vorstellung haben, wie eine perfekte Freiwillige zu sein hat. Sich da nicht verbiegen zu lassen, sondern zu zeigen, dass man genauso wie man ist, mit den Gaben, die man besitzt, einen guten Freiwilligendienst leisten kann, ist herausfordernd. Hinzu kommt eine neue Sprache, dank der man sich anfangs oft nicht am Gespräch beteiligen kann. Eine andere Kultur und Weltanschauung, sowie eine andere Esskultur sind weitere Dinge, auf die man sich neu einstellen muss. Selbst das eigene Aussehen wird einem manchmal zum Verhängnis, indem man oft ganz unbewusst als blonde Ausländerin belächelt wird. Dinge, wie eine immer wieder kehrende Mandelentzündung, das Gefühl Nichtverstanden zu werden mit all seinen Facetten oder Kulturanpassungsschwierigkeiten, sind Dinge, die sich vielleicht klein anhören, aber im Ausland zum großen Problem werden können. Dieses Jahr ist eine Extremsituation, eine Challenge, die all das bisher erlebte, die eigene Gefühlswelt manchmal ganz schön durcheinander wirbeln kann. Man macht viel mehr Fehler, scheitert viel häufiger als gewohnt. Aber jede Challenge, jedes Scheitern, jede Extremsituation bietet ebenfalls die Möglichkeit sich aufzurappeln und zu wachsen.

     Und so ist ein Freiwilligendienst auch immer ein Ort des Lernens, ein Lernprozess der meiner Meinung nach auch für das weitere Leben von Bedeutung ist.

     

    Am offensichtlichsten ist natürlich das Erlernen einer neuen Sprache. Ich denke dabei immer gerne an meine Anfangszeit zurück, als ich mit ein paar auswendig gelernten Basic-Vokabeln ausgerüstet nach Chile kam und in einem rein spanisch(chilenisch) sprechenden Umfeld überleben musste. Durch viel Kreativität und Geduld meiner Gesprächspartner war Kommunizieren von Anfang an irgendwie möglich, aber wie viel schöner es doch ist, einfach los plappern zu können und wie viel integrierter man sich doch fühlt, wenn man bei Gruppendiskussionen mitreden kann, habe ich am Ende bemerkt.

    Ich denke außerdem, dass ich, durch meine einjährige Arbeit im sozialen Bereich, gelernt habe mehr auf meine Mitmenschen zu achten, zu erkennen wo Unterstützung gebraucht wird und dann auch einfach mitanzupacken und zu helfen.

     

    Auch wird man selbstständiger, wenn man ein Jahr nicht auf Hotel Mama zurückgreifen kann oder auf Arbeit Initiative ergreifen muss.

     

    Optimismus ist eine weitere Sache, die ich neu erlernen durfte. Ich denke ich war schon immer ein sehr positiver, ausgeglichener Mensch. Allerdings muss ich sagen, dass das Positiv bleiben in meinem bisherigen eher ausgewogenen Leben auch keine größere Herausforderung darstellte. Während meines Auslandsjahrs habe ich gelernt auch in schwierigen Situationen das Lächeln und meine Lebensfreude nicht zu verlieren.

     

    Auch bin ich irgendwie dankbarer geworden. Ich habe gelernt auch kleine Dinge, die ich vorher als selbstverständlich wahrgenommen habe, zu schätzen. Sei es, das Glück zu haben in einem wohlbehüteten Elternhaus aufgewachsen zu sein, die Möglichkeit auf kostenlose Bildung oder einfach nur das gute Essen aus Muttis Küche. Durch meine Arbeit im Sanatorio ist mir außerdem aufgefallen wie dankbar ich sein kann, gesund zu sein, sprechen und laufen zu können Viel zu selbstverständlich nehmen wir unsere uneingeschränkte Mobilität oft hin.

     

    Während der aktuellen Wohnungssuche habe ich gemerkt, wie vorteilhaft es ebenfalls sein kann die Kunst des Smalltalks gelernt zu haben. Oft habe ich diese chilenische Eigenheit verflucht beziehungsweise mich lange Zeit als absolute Smalltalk-Legasthenikerin herausgestellt, nun fällt es mir leicht mit fremden Menschen aus rein höflichen Gründen über die verschiedensten Themen zu sprechen.

     

    Eine weitere Sache, die ich hier dank der chilenischen Kultur erlernen durfte, ist Selbstreflexion. Chilenen sind nicht gut darin Kritik offen zu äußern. Um sich selbst weiterzuentwickeln, ist es wichtig zu lernen sich selbst einzuschätzen, an eigenen Schwächen zu arbeiten und Stärken zu nutzen, gleichzeitig aber auch nicht zu selbstkritisch zu sein.

     

    Man lernt dabei auch zu hinterfragen, Kritik zu äußern und seine eigene Weltanschauung zu überdenken. Sein Verhalten im Umgang mit der Umwelt, der eigene Glaube der Umgang mit anderen Menschen sind Dinge, die ich nun in einem ganz anderen Licht sehe. Ich denke das eigene Verhalten zu überdenken ist ein erster Schritt in diesen Bereichen etwas zu verändern.

     

    Auch auf das Thema Toleranz habe ich nun einen ganz anderen Blickwinkel. Während meines Freiwilligendienstes habe ich die verschiedensten Menschen kennengelernt. Nicht nur die Kinder in der Schule, die die unterschiedlichsten Behinderungen hatten und gleichzeitig alle so liebenswert waren. Auch in der Kirche und im privaten Umfeld. traf ich auf Menschen mit den verrücktesten Weltansichten. Menschen, die man vielleicht anfangs als komisch abstempelt, mit denen ich von selbst vielleicht nie etwas zu tun gehabt hätte. Meine Zeit in Chile hat mich zum Nachdenken angeregt und mir gleichzeitig gelehrt, dass es wichtig ist Andersdenkenden Akzeptanz entgegen zu bringen. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte und ein Recht drauf gehört zu werden. Jeder sollte, sofern er niemanden schadet, so leben dürfen wie er möchte, ohne dafür verurteilt zu werden.

    Entwicklungspolitisch habe ich gelernt, dass Wirtschaftswachstum zwar wichtig ist, dieser jedoch nie zulasten der Bevölkerung geschehen darf. Chile ist wirtschaftlich zwar ein stark gewordenes Land jedoch profitieren davon nur wenige und Defizite im Gesundheits, Renten und Bildungssystem sorgen für Unzufriedenheit. Auch habe ich gelernt wie wichtig es für ein Land ist die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten und wie viel Chile da noch aufzuholen hat. Positiv hat sich etwas während meines Jahrs im Bezug auf die Umwelt getan. Zwar sind viele Straßen chilenischer Städte noch mit Müll übersät, aber ich habe das Gefühl langsam geschieht ein Umdenken. In Supermärkten werden die Einkäufe nicht mehr in Plastiktüten verpackt, Vereine starten Müllsammelaktionen und auch die Medien greifen dieses Thema vermehrt auf. Ich hoffe, dass da in Zukunft noch viel mehr geschieht. Die atemberaubende Natur sollte eigentlich Argument genug sein, auf die Umwelt acht zu geben.

     

    Mir fällt jetzt erst auf, was für einen Lernprozess ich in diesem Jahr durchlebt habe und gleichzeitig merke ich wie viel stärker mich das Erlebte gemacht hat.

     

    Mein Freiwilligendienst bestand aber nicht nur aus Situationen des Scheiterns und des Lernens, sondern vor allem auch aus diesen wahnsinnig schönen Momenten, die einem noch heute ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Momente, in denen man weiß, dass man jetzt an diesem Ort und zu dieser Zeit genau richtig ist wo man ist.

    Das waren Situationen wie das Kirchencamp, wo ich wahnsinnig sympathischen Menschen begegnet bin und Teil einer starken Gemeinschaft sein durfte oder Momente, in denen ich Gottes tolle Natur erlebt habe, sei es auf der Carretera Austral, im Regenwald in Peru oder beim Besteigen eines aktiven Vulkans

    Aber nicht nur beim Reisen, sondern vor allem bei der Arbeit durfte ich die wohl schönsten Momente meiner Zeit in Chile erleben. Häufig habe ich abends die Arbeit mit einem Strahlen im Gesicht die Arbeit verlassen, glücklich wegen des Wohlwissens, dass ich am nächsten Tag wieder dort hinkommen darf. Von Anfang an habe ich mich an diesem Ort wohl gefühlt. Die Mitarbeiter haben mich lieb aufgenommen und Geduld mit mir gehabt, mir Raum gegeben mich zu entfalten und mich darin bestärkt meine eigenen Talente einzusetzen. Mit jedem Monat hat sich dieses Gefühl auf der Arbeit am richtigen Platz zu sein verstärkt. Ich wurde immer sicherer und lernte die Kinder kennen und lieben. Dadurch gewann ich die Freiheit immer mehr selbst zu gestalten und wurde zum festen Bestandteil des Teams.

     

    Die Feuertaufe zum Abschluss war es eine ganze Woche lang den Religionsunterricht komplett allein vorzubereiten und durchzuführen. Wir waren auf Schatzsuche, haben gebastelt, gebacken und mir wurde deutlich wie schön es ist andere glücklich zu machen. Es war komisch einen Ort, an dem man sich so wohl fühlt und die Kinder, die man so liebgewonnen hat, zu verlassen. Das Überraschungsfest, dass für mich zum Abschied dort organisiert wurde, hat mir jedoch noch einmal einen wunderschönen Abschied beschert. Ich bin einfach nur dankbar für all das, was ich dort lernen und erleben durfte und denke immer sehr gern an die Zeit dort zurück.

     

    Und gerade wegen diesen schönen Momenten, die mir bis heute ein Lächeln auf die Lippen zaubern, kann ich es doch verstehen, dass viele Freiwillige hinterher ihr Auslandsjahr zu den schönsten in ihrem Leben zählen.

    Scheitern, Lernen, den Moment leben und glücklich sein- Ich bin wahnsinnig dankbar, glücklich, vielleicht auch ein wenig stolz darauf, diese Erfahrung gemacht zu haben, die mich sicherlich noch lange begleiten wird. Diese Erfahrung ist nicht wie ein Buch, das man zuschlägt, ins Regal stellt und nie wieder in die Hand nimmt. Nein, noch häufig werde ich diese Erinnerungen hervorkramen, die schönen und lehrreichen Zeiten aufleben lassen und erproben wie sich das Erlernte im Alltag umsetzen lässt.

     

    Vielen Dank an alle, die mir diese Erfahrung ermöglicht haben!

    Hannah