• add Bericht Nr. 4

    Liebe Unterstützer, Familie, Freunde und Bekannte,

    vor ungefähr einem Monat war es nun soweit. Mein Jahr in Paraguay ging zu Ende und wir flogen zurück nach Deutschland. Es war ein seltsamer Moment, mich von den Kindern des SOS Kinderdorfes, von meinen Freunden und zuletzt auch von meiner Mitfreiwilligen Seraphina verabschieden zu müssen. Und plötzlich wurde mir auch bewusst, dass das Jahr jetzt wirklich vorbei ist und ich wieder in Deutschland ankommen würde.

     

    Auf dem Weg hatte ich viel Zeit, mein Jahr noch einmal Revue passieren zu lassen und mir wurde klar, wie unglaublich viel eigentlich in diesem ganzen Jahr passiert ist. Vom Ankommen im August 2018, über das Zwischenseminar im Januar bis hin zum Abschlussseminar im Juli und unserer Heimreise. Aber noch viel bezeichnender für mein Jahr sind für mich nicht die organisatorischen Eckdaten, sondern die vielen kleinen Momente, an die ich mich jetzt zurück erinnern kann. Das erste Mal, das wir unsere WG betreten haben, als wir einmal alle zusammen bestimmt 20 Packungen Nudeln auf einmal gekauft haben, weil wir am Anfang so viel Nudeln gegessen haben; Die unzähligen schönen und auch mal anstrengenden Momente in der Escuelita, wenn wir mit den Kindern gemalt oder draußen im Sandkasten gespielt haben;

     

    Die schönen Abende und Momente mit Freunden; das beeindruckende San Juan- und Jubiläumsfest im Juni. Ich kann heute nur sagen, dass ich unglaublich viel mitgenommen und gelernt habe in dem Jahr, über Kultur, Sprache und Verantwortung, aber ganz besonders auch über das Leben an sich. Ich glaube fast, alleine in einem anderen Land zu leben, mit einer anderen Sprache und Kultur und mit Kindern zu arbeiten, bringt das wohl mit sich.

     

    Seit ich wieder in Deutschland bin, werde ich oft gefragt „wie war´s denn in Paraguay“ und jedes Mal wieder wird mir klar, dass ich diese Frage so schnell und so einfach gar nicht beantworten kann. Ich war nicht zwei Wochen irgendwo im Urlaub, sondern habe dort ein Jahr lang gelebt. In dieser Zeit ist unheimlich viel passiert und wie sonst auch im Leben gab es Hoch- und Tiefpunkte. Während des Startseminars in Buenos Aires viel es mir sehr schwer anzukommen und mir wurde bewusst, dass ich meine Familie ein ganzes Jahr lang nicht sehen würde. Im SOS Kinderdorf wurden wir offen und freundlich empfangen und in Hohenau fanden wir schnell Anschluss, schon in der ersten Woche wurden wir zu einem tollen und beeindruckenden Folkore Festival eingeladen. Kurz vor Weihnachten wurde es dann sehr stressig, als wir das Frühlingsfest vorbereitet und alles organisiert haben. Das Frühlingsfest selbst, war sehr schön, aber die Vorbereitungsphase, war wohl die anstrengendste Zeit des Jahres.

     

    Um die Jahreswende rum, war ich zunächst zum ersten Mal im Urlaub, danach auf dem Zwischenseminar in der Nähe von Buenos Aires, bevor die Arbeit in Hohenau wieder losging. Das war wirklich ein toller Höhepunkt für mich. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, fast alles auf Spanisch verstehen zu können, auf der Arbeit fühlten wir uns noch „angekommener“ und die Arbeit machte richtig Spaß.

     

    Die zweite Hälfte des Jahres schien für mich wesentlich schneller zu vergehen als die erste und war überwiegend Alltag. Trotzdem gab es Tiefpunkte, wie als ich über Ostern nicht bei einem Techo Hausbau teilnehmen konnte, weil ich krank wurde, oder natürlich auch der Abschied vor einem Monat. Aber auch viele tolle Momente, wie als wir die Wand in der Escuelita zum Abschied bemalt und mit den Kindern gestaltet haben, ein Ausflug zum Musikfestival Asuncionico mit Freunden und das Jubiläumsfest gegen Ende.

     

    Manchmal würde ich auf diese Frage, wie es denn war in Paraguay, auch einfach gern mit „normal“ antworten. Denn meistens war mein Leben vor allem das. Alltag und Normalität. Und auf gewisse Weise ist das auch, was ich ganz besonders aus dem Jahr mitgenommen habe. Es gibt viele kulturelle und auch politische Unterschiede zwischen Paraguay und Deutschland und darüber habe ich in diesem Jahr auch viel lernen können, genauso wie über die Gemeinsamkeiten. Aber hauptsächlich sind auch diese Dinge nicht ein Fazit, dass ich in ein paar Sätzen aufschreiben könnte, sondern mehr viele kleine Eindrücke und differenziertere Details. Das Wichtigste, was ich mitgenommen habe, ist schlussendlich wohl, dass wir trotz aller kulturellen und anderweitigen Unterschiede, gar nicht so verschieden sind, wie man oft denkt – Wir sind alle Menschen und wir teilen uns die gleiche Erde.

     

    Ich glaube neben den Dingen wie Spanisch sprechen und landestypische Gerichte wie Empanadas oder Chipas zuzubereiten, habe ich habe ich auch sehr viel über Verantwortung gelernt. Am Anfang war es eine große Herausforderung für uns, die Escuelita allein zu leiten und für die Kinder Verantwortung zu übernehmen, während sie bei uns in der Escuelita waren. Man musste immer präsent und immer da sein. Wir alleine trafen die Entscheidungen z.B. wie wir einen konkreten Streit zwischen zwei Kindern lösen, ob wir an einem Tag rausgehen oder nicht und so weiter. Und dann hat man meistens auch noch nicht die Zeit lange über diese Entscheidung nachzudenken, aber man ist immer verantwortlich dafür – nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Kinder. Mit dieser großen Verantwortung entspannter und selbstsicherer umzugehen haben wir mit der Zeit immer mehr gelernt und heute kann ich sagen, dass ich unglaublich viel dazugelernt habe. Jetzt traue ich mir, was das angeht, einiges mehr zu, als ich vor einem Jahr noch gedacht hätte.

     

    Etwas anderes wichtiges, dass ich gelernt habe, ist wohl Geduld. In Südamerika ist in den meisten Ländern alles ein bisschen weiter von einander entfernt. Alleine von Hohenau in die Hauptstadt Asuncion braucht man sechs Stunden mit dem Bus.  So kommt man quasi nie um lange Busfahrten herum, oft auch über Nacht. Da kann man dann oft stundenlang nichts anderes machen, als im Bus zu sitzen und aus dem Fenster zu schauen und Handy Akku zu sparen. Solche Situationen erlebt man im dicht besiedelten Europa eher selten. Hier ist alles irgendwie näher gelegen. Das hat mir aber auch gezeigt wie relativ unser Empfinden für Zeit sein kann. In Paraguay nimmt man schon mal 10 oder auch 20 Stunden Fahrt auf sich, um jemanden zu besuchen, einfach weil die nächsten großen Städte weiter weg sind. Ich glaube davon habe ich viel gelernt und das werde ich auch für die Zukunft mitnehmen. Dieses Beispiel ist für mich bezeichnend dafür wie viel unterschiedliche Erfahrungen ich in Paraguay machen durfte, aus denen ich viel gelernt habe. Ich hoffe sehr, dass ich viel davon für mich mitnehmen können werde.

     

    In diesem Jahr gab es für mich genauso wenig den einen besonderen Moment, es gibt eher viele Momente, die ich mit wichtigen Erfahrungen in meinem Jahr verbinde. Z.B. als ich einmal im Bus saß und mir zum ersten Mal bewusst wurde, dass ich fast alle Hinweise und Fragen plötzlich verstanden habe oder als wir einmal mit Freunden einen ganz besonderen Sternschnuppenregen betrachtet haben. Genauso gab es besondere Momente auf der Arbeit wie das Frühlingsfest oder ein Leseprojekt mit den Kindern.

     

    Für mich war das Jahr ein wichtiger Schritt in meinem Leben und ich bin vor allem dankbar, dass ich so viele tolle Erfahrungen machen konnte und die Möglichkeit hatte, ein ganzes Jahr lang mit Kindern zu arbeiten und dazu noch eine neue Sprache und eine andere Kultur kennenlernen durfte. Es war toll zum ersten Mal alleine leben zu können und so viele Menschen kennengelernt zu haben.  Aber vor allem ist es der Alltag und die Vertrautheit damit, die ich vermissen werde, die Kinder und meine Freunde regelmäßig zu sehen und um mich herum Menschen Spanisch sprechen zu hören. 

     

    Es gibt viel, dass ich für die Zukunft mitnehmen werde. Natürlich viele praktische Dinge, die ich in dem Jahr lernen durfte, wie Spanisch sprechen, Tereré trinken oder Empandas zubereiten; aber eben auch viele Eindrücke und Erfahrungen von der Kultur und Lebenseinstellung vieler Menschen, die ich kennengelernt habe und auf jeden Fall Offenheit für Neues: Für neue Menschen, Ideen oder Philosophien. Ich möchte auf jeden Fall mit vielen meiner Freunde in Paraguay Kontakt halten und hoffe, dass wir sobald wie möglich eine Möglichkeit haben werden, uns wieder zu sehen und dass wir weiterhin, obwohl wir so weit auseinander wohnen, Zeit miteinander verbringen können. Das ist auch etwas, dass ich mitnehmen werde. Es spielt gar keine so große Rolle, wo auf der Welt man sich befindet, solange es immer Menschen gibt, die man im Herzen trägt und die an einen denken. Das durfte ich in Paraguay immer wieder Erfahren mit Familie und Freunden.

     

    Nach meinem Jahr in Paraguay bin ich jetzt wieder zurück hier in Deutschland. Ich bin auch glücklich, wieder hier zu sein und freue mich jetzt darauf, weiter zu gehen in meinem Leben. Mein Jahr in Paraguay und die Erfahrungen, die ich dort machen durfte werde ich nie vergessen. 

     

    Vielen Dank, dass ich dieses Jahr machen konnte!

    Viele Grüße jetzt wieder von der sommerlichen Bergstraße

    Helena D.