• add Bericht Nr. 4

    Bienvenido a Alemania!

    Liebe Leser und Leserinnen, Familie und Freunde,

    nun liegt ein Jahr Freiwilligendienst hinter mir und ich bin wieder in Deutschland angekommen. Ein Jahr voller neuer Erfahrungen, Herausforderungen, Kenntnissen, Höhen und Tiefen.

     

    Ein Jahr in einem fremden Land mit einer unbekannten Kultur und einer anderen Sprache bringt Höhepunkte mit sich, die einen stärker und sehr glücklich und zufrieden machen. Aber auch Tiefpunkte, die einen traurig stimmen und eine Lösung in dem Moment unerreichbar scheint.

     

    Eines unserer Mädchen hatte letztes Jahr noch große Schwierigkeiten sich zu konzentrieren, da es psychisch Einiges zu verarbeiten hat und darunter litten ihre schulischen Leistungen. Deshalb war für mich dieses Jahr ein Höhepunkt, als ich zum Halbjahr erfuhr, dass sie sich in allen Fächern um einiges verbessert hatte und ihre Hausaufgaben präsentiert. Ich habe nämlich mit diesem Mädchen morgens in Einzelarbeit mit ihr gearbeitet. Es hat mich so gefreut, dass mein aufwand etwas bewirkt hat, aber umso mehr für sie habe ich mich gefreut. Denn sie hat sich so stark verändert und kann mit ihren Emotionen besser umgehen und hat aufgrund ihrer guten Noten eine Chance auf ein Studium.

     

    Für mich war ein absoluter Tiefpunkt erreicht, als ich feststellte, dass meine Arbeit nicht die Wirkung zeigt, die ich mir vorgestellt und erhofft hatte und als meine Arbeit um mein Einsatz für das Projekt zusätzlich noch kritisiert wurde. Das stimmte mich sehr traurig und ich hatte kurze Zeit das Gefühl fehl am Platz zu sein.

     

    Aber aus den Tiefpunkten kann man lernen und man gewöhnt sich zum Beispiel daran, dass man einem Kind das selbe Thema auch ein fünftes Mal erklären muss. Oder obwohl das Mädchen das Thema im Internat verstanden hat, bekommt es ein schlechtes Ergebnis in der Klausur.

     

    Ich ziehe für mich aber den Schluss, dass die Hochpunkte überwiegen und mehr in Erinnerung bleiben, als die Tiefpunkte.

    Somit habe ich auch Einiges lernen dürfen: Aus der Arbeit mit den Mädchen vor allem Ausdauer und Geduld. Denn mit einmal erklären war es meistens nicht getan und am nächsten Tag war das Thema auch schon wieder vergessen. Somit habe ich gelernt entspannt zu bleiben und ihnen es einfach nochmals zu erklären. Außerdem habe ich gelernt mich durchzusetzen und das, was ich mir vorgenommen habe auch einfach mal durchzuführen. Denn bei mir im Projekt wurde sich oft viel vorgenommen, aber dann doch nichts oder nur wenig umgesetzt. Mit der Zeit habe ich mir dann aber vorgenommen etwas zu planen und zumindest mal versuchen umzusetzen, auch wenn es manchmal nicht geklappt hat oder die Durchführung doch schwerer, als gedacht war. Außerdem habe ich so viel noch außerhalb des Projekts gelernt: Zum Beispiel die Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und Offenheit der Bolivianer. Ich habe versucht diese Eigenschaften mit nach Deutschland zu nehmen, denn ihre Art hat mich so beeindruckt und man merkt, wie schön das Zusammenleben in der Gesellschaft dadurch ist. Was ich auch von ihnen gelernt habe, ist, dass sie immer zuerst nach dem Wohl des Anderen schauen und dann nach sich selbst. Dadurch haben sie auch eine bewundernswerte Gastfreundschaft. Ich hoffe zumindest, dass ich etwas davon gelernt habe und das hier in meinem Leben umsetzen kann. Von ihnen habe ich auch lernen dürfen, wie sehr die Kultur das Leben und das Handeln beeinflusst. Und dadurch gelernt, wie man mit anderen Kulturen umgeht und ein anderes Handeln zu respektieren, auch wenn ich es nicht verstehen kann. Ebenfalls versuchen sich anzupassen, Handelsweisen anzunehmen und versuchen zu verstehen, wie etwas gehandhabt wird.

     

    Durch meine Freunde aus La Paz und allgemein die Gemeinschaft der Jugendlichen aus der Kirche konnte ich in meinem Glauben wachsen und viel Input mitnehmen. Ich habe erleben dürfen, wie anders die evangelisch-lutherische Kirche in einem anderen Land sein kann und mitnehmen können, wie sehr sich die Jugendlichen in der Kirche engagieren und was für eine Gemeinschaft sie untereinander in den Gemeinden haben. Das war für mich sehr beeindruckend, da die deutsche Landeskirche für Jugendliche oft eher unattraktiv ist und es kaum gemeinschaftliche Aktionen für Jugendliche des ganzen Distrikts gibt.

     

    Für mich ist es sehr beeindruckend, dass die Kultur in Bolivien noch eine so große Rolle spielt und gleichzeitig finde ich es sehr traurig, dass es eine deutsche Kultur nicht wirklich gibt. Denn bei den Bolivianern ist klar, dass die Kultur ein großer Teil ihrer Identität spielt. Und auf die Frage, wie ist die deutsche Kultur, konnte ich oft nichts groß antworten, außer, dass es aufgrund der Geschichte Deutschlands wenig Patriotismus gibt und viel Bier getrunken wird. Wichtig ist aber auch, dass viel zum Erhalt der Kultur getan wird, denn die indigene Sprache aymara droht auszusterben, da immer weniger die Sprache beherrschen.

     

    In dem Jahr habe ich viel mehr zu schätzen gelernt, dass wir in Deutschland eine Demokratie und Volkssouveränität haben. Und umso erschreckender ist es für mich, dass der Präsident in Bolivien einfach ein Gesetz ändern kann, um nochmals kandidieren zu können oder dass die Wahlen ziemlich sicher manipuliert werden, sodass er die Präsidentschaftswahlen gewinnt. Bei dem Jugendcamp der Kirche im Dezember gab es eine „noche de alabanza“ (Lobpreisnacht) und diese war schon sehr emotional und berührend gewesen. Kurz vor Ende des Abends bat der Pfarrer uns vier Freiwillige nach vorne und hielt eine sehr berührende Dankesrede. Es war schön, eine andere Sicht auf den Freiwilligendienst zu hören und zu wissen, wie sie es wertschätzen, dass wir nach Bolivien gekommen sind. Außerdem hat er uns alle gesegnet und mir somit so viel Kraft für das zweite Halbjahr gegeben. Und anschließend umarmten uns alle Jugendlichen und dankten uns für die Arbeit, die wir leisten und für das, was wir alles dafür „verlassen“ haben. Mir schossen die Tränen in die Augen, weil ich einfach so berührt von diesem Moment war und so glücklich so liebe Menschen kennen gelernt zu haben.

     

    Für mich hat das Jahr ausgemacht, dass ich so viel lernen durfte. Dass ich ständig vor Herausforderungen stand, die mir anfangs unmöglich erschienen und ich sie meistens doch irgendwie bewältigt bekommen habe. An diesen Herausforderungen bin ich stets gewachsen und habe Wichtiges für das nächste Mal mitgenommen. Außerdem eine völlig andere Kultur kennen zu lernen, die das ganze Leben beeinflusst und somit in ein anderes Leben einzutauchen, sich auf etwas einzulassen, bei dem man nicht weiß was auf dich zukommt.

     

    Für mich war es das ganze Jahr über ein Lernen und somit ein nehmen, aber auch ein Geben. Ich habe versucht etwas von meinem Wissen und Erfahrungen an die Mädchen im Internat und auch Freunde und Bekannte weiterzugeben. Das war für mich immer sehr wichtig, dass es immer ein Nehmen und Geben ist, denn ich war zwar als Hausaufgabenbetreuerin da und vielleicht mit Magda die Einzige, die Mathe und Englisch verstanden hat und erklären konnte Aber das, was ich von all den Menschen  lernen konnte, geht in eine andere Richtung: Lebensweisheiten, Erziehungsmethoden, Lebenseinstellung, Familie, Religion...

     

    All dies, was ich schon beschrieben habe, nehme ich für die Zukunft mit. Ich habe so viel lernen dürfen und versuche möglichst viel davon in Zukunft umzusetzen. Die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit versuche im Alltag umzusetzen. Nicht so misstrauisch gegenüber fremden Menschen zu sein. Das bewundere ich an den Bolivianern. Bittet jemand, um etwas Geld, oder verkauft ein Kind Kaugummis oder sonstiges, geben sie immer etwas oder kaufen sich einen Kaugummi, auch wenn sie gar keinen mögen. Außerdem habe ich bei den meisten Bolivianern wahr genommen, dass sie zufrieden sind, mit dem, was sie haben und wenn sie so „über die Runden kommen“, dann reicht das ihnen. Sie streben nicht immer nach etwas Besserem und ich möchte versuchen diese Zufriedenheit ebenfalls in meinem Leben aufzunehmen.

     

    Abschließend kann ich nur sagen, auch wenn es Momente gab, die schwierig waren und man an einem Tiefpunkt angelangt war, war es ein so tolles, ereignisreiches Jahr, indem ich so viele schöne Momente erleben durfte und so viel für mich selbst lernen konnte. Ich habe in Bolivien meine zweite Heimat gefunden und meine zweite Familie in La Paz.

     

    Ganz liebe Grüße,

    eure Laura