• add Bericht Nr. 4

    Abschlussbericht

    Ein ganzes Jahr ist nun vorbei. Ein emotionales, lehrreiches, aufregendes und wunderschönes Jahr liegt nun hinter mir. Als ich vor einem Jahr in Montevideo ankam und zum ersten Mal auf meine WG und die Kinder im Kinderheim traf, hätte ich nicht gedacht wie sehr mir alle ans Herz wachsen würden. Besonders am Anfang des Jahres, befand ich mich in Situationen in denen ich nicht weiter wusste bzw. das Gefühl hatte nicht weiter zu wissen. Ich hatte das Glück in einer wundervollen, einfühlsamen WG zu leben mit der ich über alles Reden konnte. 

     

    Besonders in meinen Mitfreiwilligen habe ich sehr enge Bezugspersonen gefunden. Umso länger ich dort lebte, umso mehr Freundschaften ich dort schloß  und umso mehr 'Zuhause' Uruguay für mich wurde, umso schneller verging die Zeit. Wenn ich könnte würde ich sofort in den nächsten Flieger steigen und zurück fliegen um meine Kinder in den Arm zu nehmen. Die Kinder haben mir sehr viel beigebracht dieses Jahr, vorallem haben sie aber mich und meine Mitfreiwilligen im Projekt, jeden Tag mit Liebe überhäuft. Es hat eine Weile gedauert bis ich mich im Projekt zurecht gefunden habe und mit der Sprache warm wurde. Es fällt mir schwer mich an einen Alltag ohne die Kinder zu gewöhnen, es fällt mir schwerer als damals mich an einen Alltag mit den Kindern zu gewöhnen.

     

    Das Jahr war von vielen Aufs und Abs geprägt. Ich kann mich noch gut daran erinnern dass ich an einem Tag im Frühling zur Arbeit gefahren bin, die ganze Woche war schon sehr anstrengend gewesen und ich war mir meinen Nerven am Ende. Noch im Bus hatte ich zudem ein sehr emotionales Telefonat mit meiner Familie in Deutschland, da zu dieser Zeit in der deutschen Heimat alles drunter und drüber lief. Ich habe mich selten so nutzlos gefühlt wie an diesem Tag. Es ist belastend wenn man das Gefühl hat in Deutschland gebraucht zu werden und alles was man tun kann ist per Telefon mit den Freunden und der Familie zu reden. Dazu kam dass der Tag im Heim ebenfalls sehr chaotisch verlief. Rückblickend war das mit Abstand der schrecklichste Tag im ganzen Jahr. Doch auf jeden Tiefpunkt folgten immer mindestens drei unglaublich schöne Höhepunkte. Ich könnte viele Höhepunkte aufzählen, die Ausflüge mit den Kindern an den Strand, die vielen Umarmungen und Liebesbekenntnisse der Kinder, die Reisen oder die Spontanausflüge mit meinen Freunden. Aber der bedeutendste war als ich von einer kleinen Reise aus Buenos Aires zurückkam und das beste mal das Gefühl hatte zurück nach Hause zu fahren, es war das erste mal dass sich Uruguay (mit dem Heim und allem drum und dran) wie ein richtiges Zuhause für mich angefühlt hat.

     

    Was ich dieses Jahr gelernt habe?

    Ich habe drei Dinge gelernt die ich hoffentlich so schnell nicht wieder vergessen werde. Man sollte niemals, wirklich niemals, die feine, weiße Wäsche der ganzen WG, gemeinsam mit dem eigenen roten Batik-T-shirt waschen. Wenn jemand vorschlägt den Mate mit Tequila zu trinken sollte man unbedingt ablehnen. Und wenn man eine Kakerlake töten möchte dann niemals indem man sie tot schlägt. Ich habe mir natürlich nicht nur Haushaltstricks angeeignet, doch auch daraus bestand mein Jahr, aus Haushalt. Ich kann mich nun selbstständig um einen eigenen Haushalt kümmern und habe praktische Tipps erlernt wie ich zugleich nachhaltig und günstiger Leben kann. Abgesehen davon bin ich absolut allen Lebensbereichen selbstständig und selbstsicherer geworden. Die Tatsache ein Jahr lang in einem unbekannten Land überlebt zu haben, stärkt das Selbstvertrauen ungemein. Zu diesem neuen Selbstvertrauen gehört auch neu gewonnener Mut, den Mut nicht nur über Dinge zu reden sondern sie einfach mal zu tun, den Mut radikaler und konsequenter für seine Überzeugungen einzustehen.

     

    Spätestens auf den Zwischenseminaren kommt man nicht drum herum sich selber kritisch zu hinterfragen und ständig zu reflektieren. Ich habe gelernt diese ständige reflektion nicht als nervig wahrzunehmen sondern als eine gute Eigenschaft, ich bin inzwischen der Überzeugung dass es kein ehrlicheres und hilfreicheres Gefühl als die Selbstzweifel gibt. Nur wenn wir an uns selber zweifeln, hinterfragen wir uns selbst in unserem Denken und Handeln. Das ständige Hinterfragen und der Versuch unser Handeln ins bessere zu verändern ist Teil eines Lernprozesses. Genauso Teil dieses Lernprozesses ist es die Höhepunkte genauso wie die Tiefpunkte vollkommen auszuleben. Dass bedeutet nicht dass ich wirklich Alles hinnehmen muss, aber es bedeutet dass ich auch die traurigen und tragischen Teile des Lebens inzwischen akzeptieren kann.

    Außerdem habe ich dieses Jahr gelernt dass ich,ob ich es will oder nicht, aufgrund dessen das ich als Europäerin geboren wurde, der Welt gegenüber eine gewisse Verantwortung trage.

     

    Mit jedem Stück Billigfleisch das ich kaufe bin ich mit Verantwortlich für Massentierhaltung und den Verbrauch an rießigen Wassermengen, um nur eines von vielen Beispielen zu nennen. Damit möchte ich nur deutlich machen dass mir nochmal viel bewusster wurde dass jede kleine Handlung meinerseits Einflüsse auf andere Teile der Welt hat. Es ist also nicht nur meine Verantwortung mich selbst strenger zu kontrollieren sondern auch meine Freunde und Familie mit ins Boot zu holen. Ich habe das Privileg, verzichten zu können. Aber nicht nur mein persönliches Weltbild sondern auch mein Blick auf die internationale Weltgemeinschaft hat sich verschärft. Ein Jahr lang stand ich nun nicht auf der Seite der sogenannten „Gewinner“ der Globalisierung, sondern auf der Seite die die Folgen des Massenkonsums der 'westlichen Welt' zu spüren bekommt. Ich stand auf der Seite die statt Billigflügen, Überschwemmungen im Sommer bekamen. Ich stand auf der Seite die Fleisch und Erdschätze nach Deutschland exportiert aber selber kein Geld hat reichhaltiges Vollkornbrot zu importieren. Während der Regenwald brennt und die Straßen davonschwimmen, regt sich ein Stuttgarter über das teure Fleisch vom Metzger auf.  Es liegt nun an allen existierenden Generationen auf der ganzen Welt, und an denen die noch kommen werden, dafür zu sorgen die Welt wie sie momentan exzitiert zu verändern und sie zu einer besseren, gerechteren Welt zu machen. In Zeiten in denen der Protektionismus und der Gedanke des „act global, think local“ wieder salonfähig ist, ist es eine umso größere Herausforderung zu einer faieren Weltgemeinschaft zusammenzuwachsen.

     

    Es ist schwer sich einen besonderen Moment aus dem Jahr heraus zu picken, deshalb entscheide ich mich nicht für den schönsten Moment aber für einen der mich überraschte.Nach wenigen Wochen wurden wir das aller erste mal von einer unserer Mitarbeiterinnen zu sich nach Hause eingeladen. Sie selbst lebt in einer Casita die ungefähr so groß wie unser Wohnzimmer in Deutschland ist. Doch anstatt, gerade weil sie selber nicht viel Besitzt, zu sparen, wurden wir überhäuft mit Essen und selbstgebackenen Süßwaren und und und... Ich habe das Gefühl, gerade weil sie alles andere als im Überfluss leben, teilen sie umso mehr. Es wird geteilt was geteilt werden kann. Wir wurden mit so viel Gastfreundschaft und Liebe überschüttet das es schon fast unangenehm war. Im Nachhinein schäme ich mich dafür dass ich annahm, Menschen mit weniger Geld wären deswegen weniger bereit zu teilen, gerade sie, die wissen was es bedeutet auf Freunde angewiesen zu sein, waren uns am Anfang die größten Unterstützer.

     

    Freiwillige zu sein bedeutet für mich, offen und mutig durch dieses Jahr zu gehen. Bereit sein Neues zu lernen und Herausforderungen gerne anzunehmen. Es bedeutet sich selbst zu hinterfragen und alles, jeden und sich selber immer wieder kritisch zu beäugen. Erwachsener werden und die Welt ein kleines bisschen besser zu verstehen. Es bedeutet sich für die eigenen Überzeugungen einzusetzen und sich für andere, diejenigen die es nicht können, eine Stimme zu geben.

     

    Und genau diese Erfahrungen, die mich in diesem Jahr geprägt haben nehme ich mit, denn sie haben mich in vielerlei Hinsicht verändert und gestärkt. Ich gehe gestärkt und selbstbewusster aus diesem Jahr heraus, mit neuen Skills und Fähigkeiten die meinen weiteren Lebenslauf sicherlich stark beeinflussen werden. Ich bin unendlich dankbar die Möglichkeit gehabt zu haben dieses Jahr in Uruguay verbringen zu dürfen, ich kann es nur jedem ans Herz legen diese Möglichkeit zu nutzen.