• add Bericht Nr. 4

    Abschlussbericht Pablo

    Unsere gemeinsame Reise neigt sich nun dem Ende zu. Nach genau 365 Tagen in Chile bin ich wieder in meiner Heimat angekommen und wurde liebevoll von Familie und Freunden in Empfang genommen. Es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl, alle wiederzusehen.

    Um meinen Freiwilligendienst abzuschließen, werde ich versuchen, das ganze Jahr und die gesammelten Erfahrungen ein wenig zu reflektieren. Natürlich ist es nicht möglich, ein ganzes Jahr kurz zusammenzufassen, da ich sehr viel erlebt habe. Ich wurde in dem Jahr herzlich von meiner Gastfamilie aufgenommen, die mir über das Jahr immer mehr ans Herz gewachsen ist. Sie war sehr wichtig für mein Wohlbefinden und meine Motivation. Ihre Lebenseinstellung hat mich inspiriert und sehr beeindruckt. Sie haben mir gezeigt, dass ein Leben mit weniger Luxus sehr schön sein kann. Auch bei meiner Arbeit fühlte ich mich dank meinen Kollegen sehr wohl. Dort habe ich meine Möglichkeiten, die ich in Deutschland erhalte, zu schätzen und vielleicht besser wahrzunehmen gelernt. Denn ich habe gesehen, wie schwierig es für die Kinder dort ist, eine vernünftige Bildung zu erhalten, da sie stark durch ihre Lebenssituation und Schicksalsschläge beeinflusst sind. Umso schöner war es, Fortschritte bei den Kindern zu sehen. Dabei war es wichtig, geduldig zu sein und den Kindern die Zeit zu geben, die sie benötigen. Alles in Einem bin ich dankbar, für alle Erfahrungen, die ich während dieses Jahres gesammelt habe und blicke gerne auf die schönen Momente zurück, die ich erleben durfte. 

    In einem ganzen Jahr gibt es selbstverständlich Höhen und Tiefen, wie bei jedem anderen auch. In einem fremden Land für ein Jahr zu leben war eine starke Veränderung für mich. Am Anfang fühlt man sich wie ein Säugling, der ständig neue Eindrücke verarbeiten muss und das beeinflusste natürlich ein wenig meine Emotionen. So brachten mich teilweise schon Kleinigkeiten, die vorher nie ein Problem gewesen waren, zum Zweifeln. Tiefpunkte gehören zum Leben dazu und aus ihnen lernt man am meisten. Diese Momente gab es meistens bei Krankheit in der Winterzeit oder bei kleineren Sportverletzungen. In den Momenten verbrachte ich mehr Zeit alleine, da die anderen arbeiten mussten, so dass ich mehr Heimweh bekam. Es kommen also mehrere Sachen zusammen, die zu einem Tiefpunkt führen. In diesen Momenten suchte ich mir Beschäftigungen, um mich abzulenken und um so schnell wie möglich wieder aus dem Motivationstief zu kommen. Danach fühlte ich mich aber immer stärker als davor. Glücklicherweise hatte ich nicht so viele Tiefpunkte. Höhepunkte hatte ich dagegen reichlich. Fortschritte mit den Kindern in der Schule waren für mich immer wie ein kleiner Höhepunkt, vor allem als ich merkte, dass sie mir ihr Vertrauen schenkten. Außerdem habe ich immer mehr Kontakte geknüpft, was mir jedes Mal neuen Aufschwung gab. Ob bei der Arbeit, zu Hause oder auch beim Sport hatte ich Leute, mit denen ich mich sehr gut verstand. Höhepunkte waren natürlich auch Reiseziele, von denen ich vorher nur träumen durfte. Es war wie eine Belohnung für die harte Arbeit in der Schule. Dort kam meistens ein Gefühl von Stolz auf, darauf, was ich mir durch die Arbeit ermöglichen konnte und erarbeitet hatte.

    Während des Freiwilligendienstes bin ich an meinen Aufgaben gewachsen. Mein Leben in Chile erforderte, selbstständiger zu werden. Weit weg von meiner gewohnten Umgebung musste ich lernen, mich anzupassen und alleine für mich zu sorgen. Die Zeit alleine ließ mich oft über mein Leben reflektieren und ich erkannte und schätzte Dinge, die mir vorher vielleicht nie aufgefallen sind. Zum Beispiel merkt man erst, wie wichtig die Familie ist, wenn man nicht bei ihr ist. 

    Durch meine Arbeit in der Albert-Schweitzer-Schule habe ich gelernt, geduldig zu sein. Die Kinder konnten sich oft nicht gut konzentrieren und es war wichtig, für sie die Motivation aufrecht zu erhalten. Um ein gutes Verhältnis zu den Kindern aufzubauen, war ebenfalls Geduld erforderlich, da dies anfangs nicht immer leicht war. Diese Hartnäckigkeit war in dieser Zeit besonders wichtig für mich. Ich habe gelernt, nicht aufzugeben und mich weiter zu bemühen. Vor allem in schwierigen Momenten ist das eine wichtige Eigenschaft, die mir aus Tiefpunkten heraushalf. In diesen Momenten war es immer wichtig für mich, die kleinen Dinge im Leben zu genießen und mich abzulenken. Denn es gehört auch zur Selbstständigkeit dazu, sich selbst wiederaufzubauen und den Weg nach vorne zu suchen. Natürlich wurde ich nicht alleine gelassen, aber man selbst muss ebenfalls seinen Teil dazu beitragen, sich diese Hilfe und Unterstützung zu suchen. 

    Auch entwicklungspolitisch und interkulturell nehme ich einiges mit. Zum Beispiel die Wichtigkeit der Bildung im Kampf gegen die Armut. Denn wenn die Kinder meiner Schule keinen Zugang zu Bildung erhalten würden, würden sie mit großer Wahrscheinlichkeit wie manche ihrer Erziehungsberechtigten im Drogengeschäft oder in der Kriminalität enden. Denn genau dort liegt der Teufelskreis, den man durchbrechen muss. Die Eltern ihrerseits hatten in ihrer Kindheit keine Chance auf Bildung und mussten einen anderen Weg finden, um an Geld zu kommen und ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familien zu sichern. Damit die Kinder dieses Verhalten nicht kopieren müssen, wird ihnen über die Schulbildung ein sichererer und vernünftigerer Weg gezeigt.

    Interkulturell viel mir besonders die Offenherzigkeit der Menschen in Chile auf. Sie sind außerdem stolze Personen, die sehr viel Wert auf ihre Traditionen legen. Der Nationalfeiertag am 18. September wird groß gefeiert und die ganzen Feierlichkeiten dauern sogar eine Woche an. 

    Leider vielen mir auch negative Aspekte auf, wie etwa der schlechte Umgang mit der Umwelt. Die Müllentsorgung ist noch rückständig in Chile, da es keine Mülltrennung und in manchen Teilen nicht einmal eine Müllabfuhr gibt. Außerdem wird sehr viel Plastik in die Natur entsorgt, was ich persönlich sehr schade finde. Dazu kam noch der Smog Santiagos. So  lernte ich zunehmend mehr, den Umgang in meiner Heimat mit der Natur zu schätzen. 

    Ein wirklich besonderer Moment war unser Abschiedsfest in der Schule. Mein Lehrer und meine Klasse haben sich sehr viel Mühe gegeben und mir eine wunderschöne Abschiedsfeier vorbereitet. Es fing mit einem Spalier aller Schülerinnen und Schüler auf dem Schulhof an. Dabei klatschten und jubelten sie für uns. Es war ein schönes Gefühl, durch dieses Spalier der Schülerinnen und Schüler zu laufen und ihre Anerkennung zu spüren. Ich war wirklich stolz auf meine absolvierte Arbeit. Danach wurde ich mit verschlossenen Augen in den Klassenraum geführt und dort umarmten mich alle Kinder meiner Klasse. Anschließend gab jeder einzelne mir schöne Worte mit auf den Weg - ein sehr emotionaler Moment. Sie saßen im Halbkreis vor mir und die Großzahl der Kinder weinten. Auch Kindern, von denen ich es nicht erwartet hätte, die sich sonst immer als stark und unantastbar präsentiert hatten, liefen die Tränen. Es war sehr traurig, aber trotzdem schön zu sehen wie sehr sie sich mir gegenüber über die Zeit geöffnet hatten. Das Vertrauen der Kinder ist ein unvergessliches Geschenk.

    Was hat das Jahr für mich ausgemacht und was nehme ich für die Zukunft mit:

    Zum einen habe ich in diesem Jahr tolle Menschen kennenlernen dürfen. Ich denke, dass es sehr wichtig ist, verschiedene Lebensweisen zu erleben und neue Inspirationen zu entdecken. Zum anderen ist es eine Art Selbstfindungsprozess, den ich in Chile durchgemacht habe. Ich habe gelernt, meine eigene Meinung zu vertreten und immer ich selbst zu bleiben. Außerdem hat mir der Beruf als Lehrer sehr gefallen und mich in meiner Entscheidung, Lehramt zu studieren, bestärkt. Nun bin ich bereit für einen neuen Abschnitt in meinem Leben. Die gesammelten Erfahrungen werden mir bestimmt eine große Hilfe sein. Hiermit verabschiede ich mich nun von euch. Ich bedanke mich herzlich für eure großartige Unterstützung und die Zeit, die ihr euch zum Lesen meiner Berichte genommen habt! 

    Hasta pronto Chile…