• add Bericht Nr. 4

    Liebe Familie, liebe Freunde, liebe Unterstützer,

    zwölf Monate sind vergangen, seit ich mich auf die Reise über den Atlantik nach Brasilien aufgemacht habe.

     

    Wenn ich mich umdrehe, sehe ich ein Jahr voller fremder Gesichter, die mir vertraut geworden sind. Voller Musik, die mich zu lachen, tanzen und weinen gebracht hat. Ein Jahr voller Fettnäpfchen, in die ich getreten bin, aus der mir aber jedes Mal eine andere Hand wieder herausgeholfen hat. Voller „Guten-Morgen-abraços“ und „Gute-Nacht-abraços“. Ein Jahr voller Schulklingeln, die mich aus dem Schlaf geschreckt haben, die ich aber oft auch selbst geläutet habe. Voller geteilter Freuden- und Trauertränen. Ein Jahr voller Menschen, die mir die Augen geöffnet haben und meinen Horizont geweitet haben. Voller Stunden, die ich in der Wäscherei mit Bügeln verbracht habe. Ein Jahr voller Begegnungen mit Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind. Voller Bohnen und Reis, die mir oft geschmeckt haben, irgendwann aber zu viel geworden sind. Ein Jahr voller Momente, in denen ich froh war nicht alleine zu sein und meine Freundin Sohayla an meiner Seite hatte. Voller Sonnenstrahlen, die mich sowohl im Winter als auch im Sommer schwitzen lassen haben. Ein Jahr voller Abschiede und Wiedersehen. Voller Fragen an mich selbst und an die Welt.

     

    Ein Jahr, in dem ich mehr gelernt habe als ich je zuvor gedacht hätte.

    Würde ich dieses Jahr bildlich darstellen müssen, so wäre es keinen falls ein steiler Höhenflug. Es wäre mehr der Flug eines neugeborenen Vögleins, das gerade fliegen lernt. Ein Auf und Ab mit Höhe- und Tiefpunkten.

     

    Der Anfang war nicht besonders schwer, denn in der ADL wurde ich mit offenen Armen in die Gemeinschaft aufgenommen. Trotzdem gab es Barrieren, die überwunden werden mussten. Das Zusammenleben in der ADL ist ein sehr komplexes System mit einer auf vielen Regeln basierende Struktur. Das alles zu verstehen und meine eigene Rolle in all dem zu finden war für mich nicht einfach, denn ohne Sprachkenntnisse scheint es, als könnte man nicht viel in der Gemeinschaft beitragen. Umso schöner war es für mich mit der Zeit zu bemerken, dass dem nicht so ist. Mit der Zeit habe ich die Sprache gelernt und mit der Sprache kamen die Gespräche. Mit den Gesprächen kamen die Freundschaften und das Vertrauen und mit dem Vertrauen kam die Verantwortung. Und so war es manchmal mehr, manchmal weniger schwer meinen Aufgaben gerecht zu werden, aber da ich meinen Freiwilligendienst ja in Brasilien gemacht habe, war es nicht schwer alles mit einem Lachen zu begleiten. Und da ich ihn noch dazu in der ADL gemacht habe, konnte ich immer mit Unterstützung rechnen.

     

    Ich bin mir sicher, dass ich, wenn ich jetzt in die Weite schaue, ein paar Kilometer hinter den Tellerrand der Welt sehen kann, wie ich sie noch bis vor einem Jahr gesehen habe. Denn ich würde sagen, es hat etwas mit mir gemacht jeden Morgen mit 48 anderen Menschen im Haus aufzuwachen und den Alltag mit ihnen zu teilen. Es hat etwas mit mir gemacht, dass es Menschen aus einer anderen Lebensrealität sind, die ich bisher nicht kannte. Dass sie Teil einer anderen Kultur sind, mit der ich vorher nicht in Berührung gekommen war. Und es zeugt vermutlich von einer Veränderung, wenn man irgendwann anfängt öfters die Wir-Form als die Ich-Form zu verwenden.

     

    Wenn die Schüler und Schülerinnen nach vier Jahren von der ADL gehen, dann hat sich einiges in ihren Köpfen verändert. Ein bisschen kann ich das auch auf meine Situation übertragen.

    Ein Jahr lang habe ich nun in der ADL gelebt und unfassbar viele Einrücke gesammelt. Vieles hat mit Musik zu tun, denn sie war so gut wie immer präsent. Ich habe gelernt, wie viel Musik in dem Leben eines Menschen ausmachen kann, wie sehr sie ein Grund für Motivation und Lebensfreude sein kann, wie sehr sie Menschen zusammenbringen kann, wie sie es schafft ganz unterschiedliche Seiten eines Menschen hervorzubringen und wie glücklich sie machen kann.

     

    Ich habe ohne Sprachunterricht eine neue Sprache gelernt, wobei jeder der mit mir geredet hat meine Lehrerin und mein Lehrer war.

    Ich habe in einem Land gelebt, von dem in den deutschen Medien nur von Regenwaldbränden, Fußball und rechter Politik zu hören ist. Und ja, ich habe den Rauch der Amazonaswaldbrände über São Paolo ziehen sehen, ich habe begeistert Fußballspielen zugejubelt und ich habe in Diskussionen über den rechten Präsidenten Brasiliens meine Meinung geäußert. Aber ich habe auch die Vielfalt und die Schönheit erlebt, von der nicht berichtet wird.

     

    Ich habe gelernt, dass es Ungleichheiten gibt, die ich nicht ändern kann, zu denen ich aber stehen muss. Dass es aber auch Ungerechtigkeiten gibt, die sich ändern lassen, wenn man den Mund aufmacht.

    Besonders durch meine Begegnungen mit Menschen, die aus anderen ökonomischen Verhältnissen kommen als ich, die mit anderen Problemen zu kämpfen haben als ich, habe ich gelernt Fragen zu stellen. Fragen an mich selbst aber auch an Deutschland und alle anderen Industriestaaten.

     

    Dadurch, dass mein Jahr vor allem durch das Zusammenleben mit vielen Menschen geprägt war, habe ich gelernt viel mehr im „Wir“ zu denken als nur im „Ich“. In Brasilien zu leben, bedeutet mit vielen Kulturen zusammenzuleben. Dass ich ein Teil des bunten „Wir“ werden durfte, hat viel mit der Offenheit zu tun, die mir entgegengebracht wurde. Deutlicher als je davor ist es mir geworden, das unterschiedliche Kulturen kein Hindernis zwischen Menschen sein müssen sondern eine große Chance für alle Seiten darstellen kann.

    Wenn ich an die Brücken denke, die jetzt zwischen mir und Brasilien stehen, dann denke ich an die besonderen Situationen und Momente, die ich erlebt habe.

     

    Dazu gehört jedes Mal, in dem mich irgendjemand mit der brasilianischen Sprache hinters Licht geführt hat und mich dazu gebracht hat, über mich selbst zu lachen. Dazu gehört jedes Mal, bei dem ich Teil des Chores sein durfte, die Aufregung geteilt habe und mitauftreten durfte. Dazu gehört  jeder Ohrwurm, der durch die Gänge der ADL gesungen wurde. Dazu gehören die Momente in meinem Unterricht, in denen ich gemerkt habe, dass meine Schüler und Schülerinnen interessiert sind und es ihnen Spaß macht. Zu den besonderen Situationen gehört auch die Formatura des 4. Jahrgangs letztes Jahr, bei dem ich gemerkt habe, wie viel mir die Menschen bedeuten. Auch die Weihnachtskantaten und die lauten und fröhlichen Fahrten zu den Orten, an denen wir sie präsentiert haben, werde ich hoffentlich nie vergessen. Besonders waren für mich die Abende vor Weihnachten, an denen Sohayla, Danis Familie und ich ohne Empfang bis tief in die Nacht hinein gelacht und geredet haben. Unvergesslich ist für mich das schöne Gefühl von Nachhause kommen in die ADL, das ich nach meiner langen Reise im Januar empfunden habe, der Ausflug auf einen Berg mit den Schülern, die am Wochenende in der ADL geblieben sind, um den Sonnenuntergang anzuschauen, die Freude der Brasilianer als es Winter geworden ist. 

     

    In mein Gedächtnis gebrannt haben sich auch die viel Abschiedstränen als alle bemerkt haben, dass Sohayla und ich gehen müssen.

    Es sind viele eindrückliche Erinnerungen, besondere Momente und Kontakte zu Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind, die ich mit nach Deutschland getragen habe. Mein Koffer auf der Rückreise nach Deutschland durfte 23kg wiegen. Das war eine Herausforderung, schließlich musste ich ein ganzes Leben einpacken. Am schwersten war es jedoch Abschied zu nehmen. Abschied von einem Ort, der zu einem Zuhause geworden ist und von Menschen, die zu Freunden und Familie geworden sind.

     

    Dieses Jahr in Brasilien hat nach meiner Schulzeit einiges für mich ausgemacht. Es ist eine bestimmte Art von Lernen, die man im deutschen Schulsystem lernt, aber es ist eine ganz andere, wenn man den Fuß vor die Haustür setzt und einen Schritt in die große, weite Welt hinausgeht. In meinem dritten Bericht habe ich vom Sinn aus der eigenen Welt herauszukommen geschrieben. Und ich stehe immer noch dazu. In Brasilien habe ich mir eine Brille kaufen müssen. Und mein Blick auf die Dinge hat sich in manchen Hinsichten tatsächlich verändert. Ich sehe einige Dinge, die ich vorher nicht gesehen habe, andere sehe ich schärfer.

     

    Wenn ich jetzt an die Zukunft denke, weiß ich noch nicht wie ich ihr begegnen werde. Ich hoffe aber, dass ich mir die brasilianische Ruhe, die Dinge gelassen anzugehen, die Leichtigkeit ein Lachen in die Gesichter von anderen zu zaubern und die Natürlichkeit jedem einen Guten Morgen zu wünschen beibehalten kann. 

    Nun also ein letztes Mal: Herzlichen Dank für eure große Unterstützung für meinen Freiwilligendienst! Es war mir eine Freude, euch mit meinen Berichten Einblicke in meine Erlebnisse aus Brasilien zu geben.

     

    Um abraço forte,

    Eure Sofia