• add Bericht Nr. 4

    Nach ca. elf Monaten im Ausland bin ich nun wieder zu Hause in Deutschland. Was bleibt, sind gute Freunde, Erinnerungen und unvergessliche Momente. Auf Portugiesisch würde man sagen: „já estou com saudade“ (ich habe jetzt schon Sehnsucht).

     

    Aber lasst es mich mal genauer erklären…

    Ich finde es sehr schwierig, mein entwicklungspolitisches Freiwilligenjahr mit all den Erfahrungen und schönen Erlebnissen auf einer viertel Seite zusammenzufassen. 

     

    Aufgrund von Visa-Problemen ging mein Abenteuer leider anderthalb Monate verspätet erst im  September los.  Ich konnte es kaum erwarten und habe mich riesig gefreut! Eines hatten die Brasilianer und ich von Anfang an gemeinsam: Wir kamen alle aufgrund der vielen neuen Eindrücke nicht mehr aus dem Staunen heraus! Meine Anfangszeit hat sich darauf  konzentriert, die Sprache zu lernen und die Alltagsroutine mit den Schülern zu leben. 

     

    Als im Februar das neue Schuljahr begann, durften meine Mitfreiwillige Sofia und ich Verantwortung übernehmen. Nun hatten wir einen Überblick über den Alltag und über die Regeln und konnten uns gut auf Portugiesisch verständigen. Wir gaben Englisch- und Deutschunterricht für alle Klassenstufen von der ersten bis zur vierten Klasse. Zusätzlich durfte ich ein paar freiwillig auserwählten Schülern aufgrund meiner 13-jährigen Geigenspielerfahrung meine Kenntnisse  in Einzelstunden nahebringen. Eine  weitere Herausforderung, auf die Sofia und ich gestoßen sind, waren die Tagesleitungen des Internats, bei denen wir die Hauptverantwortlichen für 48 Jugendliche waren. 

     

    Der gesamte Aufenthalt in Brasilien wurde hauptsächlich von Höhepunkten geprägt. 

    Einfach unvergessliche zwei Wochen habe ich Anfang Dezember 2018 mit dem Chor der ADL Serra Pelada erlebt.  In elf Kirchen haben wir eine selbst komponierte „Cantata de Natal“ (Weihnachtskantate) aufgeführt!  Neben abenteuerlichen  T2 –Fahrten, leckeren Gemeindeessen und unzähligen Proben konnten wir alle die gemeinsame Zeit  genießen und haben mit unserer Musik den ein oder anderen Besucher zu Tränen gerührt!

     

    Es war jedoch nicht immer leicht während meines Aufenthaltes in Brasilien.

    Direkt nach unserem Höhenflug während der Cantaten-Zeit mussten wir uns von dem 4° ano (ältester Jahrgang) verabschieden.  Zu diesen ca. 15 Schülern hatte ich den meisten Kontakt aufgebaut und wir sind richtige Freunde geworden. Sie waren der animierteste Jahrgang und waren sich nie für einen Spaß zu schade. Wenn ich ehrlich bin, war der Abschied sehr emotional. 

     

    Ein weiterer Motivationsschub kam aber im Februar, da wir nun als Freiwillige helfen konnten und gebraucht wurden. Es war eine unheimlich schöne Erfahrung,  mit den  Jungen und Mädchen im Unterricht nicht nur über deutsche oder englische Grammatik zu reden,  sondern auch über Kulturelles und Historisches sowie  Kulinarisches  zu diskutieren. Ich konnte viel  aus meinen Unterrichtsstunden mitnehmen, da auch ich als „Professora“ (Lehrerin)  täglich etwas Neues dazugelernt habe. 

     

    Ein sehr besonderer Moment in der ADL war eigentlich ein ganz normaler Tag im Juli. Unsere Schüler waren der Meinung, dass wir zwei Deutsche ja immer glücklich sein müssen und jeden animieren. Sie hatten gemerkt, dass wir allerdings auch ab und zu nicht 100 Prozent geben können. Da mich schon Einige in den Vortagen darauf angesprochen hatten, wollte ich es offen und ehrlich ansprechen. Also versammelten Sofia und ich uns zusammen mit allen Jugendlichen in der Kapelle. Dort spielten wir zunächst das Spiel „Psychiater“ mit ihnen. Dabei muss eine Gruppe von zwei bis fünf Spielern nach draußen und alle anderen Mitspieler im Raum haben eine „Krankheit“ (zum Beispiel: jeder übernimmt die Identität des Sitznachbarn). Die kleine Gruppe kommt dann wieder hinzu und muss diese „Krankheit“ mithilfe von Fragen an Einzelpersonen herausfinden. Nach diesem Spiel haben wir gemeinsam mit den Schülern reflektiert, wie sie sich gefühlt haben. Sie stellten fest, dass es schwierig sein kann, wenn man manchmal nicht alles sofort verstehen kann und andere dann eventuell darüber lachen.

     

    Nach einigen Tränen war jedoch alles wieder gut und es war unvergesslich schön zu sehen, dass sie unsere Rolle als „Ausländer“ in Brasilien nachvollziehen konnten.

    Um all die prägenden Ereignisse besser verarbeiten zu können, haben Sofia und ich unabsichtlich das Ritual entwickelt, jeden Abend den Tag zu reflektieren. Was war beeindruckend? Was war gut? Was war komisch? Was war anders?  Ich glaube, dass mir das viel geholfen hat, mich selbst besser kennenzulernen. 

     

    Die Brasilianer haben mir gezeigt, dass es ab und zu einfach mal schön ist, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Was ich noch von ihnen gelernt habe, war die Ruhe und gelassene Ausstrahlung. Diese Mentalität gefällt mir so sehr, dass ich mich hoffentlich auch in Deutschland durch nichts aus der Ruhe bringen lasse und mir nicht gleich einen Riesenstress mache, wenn ich wieder ins deutsche Arbeits- und Erfolgsleben herein rutsche. Natürlich habe ich nicht nur Selbsterfahrungen gehabt, sondern auch andere neue Dinge dazu gelernt. In unserem Apartamento in der ADL hatten wir zwei Betten, einen Küchentisch, einen Herd, einen Kühlschrank, den wir mit allen Schülern geteilt haben, einen Kleiderschrank und ein Regal. Das war´s. Wenn ich ehrlich bin, habe ich auch gar nicht mehr gebraucht. Aufgrund des brasilianischen Lebensstandards frage ich mich heute in Deutschland ziemlich oft: Brauche ich das? Für was brauche ich das denn? Ich sitze in meinem alten Kinderzimmer und bekomme fast Platzangst, weil alles voll steht. Auch unser warmes Wasser in der Dusche und die gut funktionierende Klospülung zählen im Moment für mich fast noch als Luxus. Ich merke, wie ich die alltäglichen Dinge in meiner deutschen Heimat, die ich früher als ganz normal angesehen habe, nun mit ganz anderen Augen und aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten kann und eventuell auch kritisiere.

     

    Ich habe auch versucht, diese Kritik im Hinblick auf Politik und Entwicklung anzuwenden. Alex, ein Lehrer und Sozialarbeiter in unserem Internat, war sehr politikinteressiert. Gott sei Dank kann ich dazu nur sagen. Er war sozusagen unser täglicher Nachrichtensprecher und wenn etwas Neues in Brasilien passierte, war er der Erste, der es uns ganz sachlich und kritisch erklärt hat und dann mit Sofia und mir darüber diskutiert hat. Wir hatten aber auch Pech, denn die Jahre 2018/19 waren nicht immer leicht für Brasilien. Gleich zu Beginn unseres entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes wurde Jair Bolsonaro als Präsident gewählt. Der Familienvater zeigte sich schon im Wahlkampf alles andere als menschlich und gilt als rechtsextrem. Aufgrund seiner schwulen-, frauen- und ausländerfeindlichen Aussagen wird er in Brasilien mit Hitler verglichen. Hinzu kam noch der Staudammbruch von Brumadinho im Januar 2019 bei dem rund 250 Menschen ums Leben kamen. Auch das war ein riesiger Schock für die Bevölkerung Brasiliens.

     

    Was natürlich ganz aktuell ist, sind die verheerenden Waldbrände im Amazonas. Diese Tragödie betrifft gleichzeitig die Themen Nachhaltigkeit, brasilianische Politik sowie die Rechte der Bauern und der indigenen Völker des Amazonasgebietes. Aufgrund der Komplexität kann ich nur dazu sagen, dass man selbst im 4000 Kilometer entfernten São Paulo den dunklen Rauch am Himmel sieht. Die Folgen von unzähligen nicht eingestanden Fehlern der brasilianischen Führungspolitik, Kleinbauern im Hinterland oder auch der europäischen Bevölkerung sind sehr schwerwiegend. Spätestens diese starken Brände sollten doch jedem die Augen geöffnet haben.

     

    Zusammenfassend kann ich nur wiederholen, dass ich aus diesem Jahr gute Freunde, unvergessliche Momente, ereignisreiche Tage sowie wunderschöne Eindrücke mitnehmen werde. Ich konnte Brasilien für ein Jahr als meine zweite Heimat bezeichnen und freue mich schon heute auf den Tag, an dem ich einige meiner liebgewonnen Freunde wieder treffen kann und den ein oder anderen schönen Ort besuchen werde.

     

    Ich würde diese Erfahrung für kaum etwas anderes auf dieser Welt eintauschen.

    Deshalb möchte ich mich auf diesem Weg noch einmal ganz herzlich bei allen Freunden, Bekannten und Unterstützern bedanken!

     

    Nun ein letztes Mal, dieses Mal aus Deutschland

    Tchau obrigada

    Um abraço forte

    Sohayla