Italien: Fern und doch nah

Marco Fraschia, Leiter des Waldensergymnasiums Torre Pellice berichtet in Corona-Zeiten

Das Collegio hat, obwohl es seit Beginn des Corona-Notstands geschlossen ist, seinen gesamten Unterricht aufrechterhalten. Der komplette Unterricht wird als Videounterricht gegeben, dem normalen Stundenplan folgend. Das ist möglich, weil das Collegio schon seit Jahren mit einer Internet-Lernplattform ausgestattet ist. Auch die Treffen der Lehrkräfte finden wie geplant, aber in Form von Videokonferenzen, statt.
Aber natürlich fehlt der persönliche Kontakt. Beim Unterricht im Klassenzimmer fühlt die Lehrkraft den „Puls“ der Klasse: sieht, beobachtet, unterbricht, passt sich den Notwendigkeiten an, fragt, interagiert mit den Schüler*innen. Das geht per Video nicht.
Von Seiten der Eltern haben wir viele positive Rückmeldungen bekommen. Sie signalisieren uns aber auch, dass der Unterricht auf Distanz die Kinder anstrengt und stresst. Dies wird sicherlich noch dadurch verstärkt, dass auch die Aktivitäten wegfallen, denen sie sonst üblicherweise nachgehen (Sport, Musik, Kino). Am meisten leider sicherlich unser Sportbereich unter dem Fernunterricht, weil alle praktischen Aktivitäten entfallen müssen, die wir eigentlich geplant hatten.
Leider sind nicht alle Familien unserer Schüler*innen ausreichend für den Fernunterricht ausgestattet. Wir haben alle Probleme gesammelt und versuchen sie zu lösen, indem wir die notwendige Ausstattung kaufen und verleihen (so wie wir es auch mit den Büchern machen).

Das bedeutet eine finanzielle Anstrengung, die wir erbringen – nicht nur um den Unterricht zu gewährleisten - sondern auch um sicherzustellen, dass alle Schüler*innen einen angemessenen Zugang zum Unterricht haben. Auf der Seite der Zerbrechlichen und Benachteiligten zu sehen, hat unsere Einrichtung immer ausgezeichnet und ist uns heute wichtiger denn je.
Für das kommende Schuljahr überlegen wir weitere Erleichterungen für die Familien unserer Schüler*innen angesichts der wirtschaftlichen Auswirkungen in Folge der COVID-19 Maßnahmen. Wir versuchen nicht nur ein Gymnasium für alle zu sein, sondern auch mit allen. Unsere Schule ist immer in die Umgebung eingebunden gewesen und bringt neben dem normalen Unterricht viele Initiativen in der, für die und mit der Umgebung voran.
Leider musste hier einiges ausfallen: ein „Bus der Erinnerungen“, an dem nicht nur die Schüler*innen unseres 5. Jahrgangs, sondern auch 20 externe Erwachsene beteiligt waren, Englischkurse verschiedener Niveaus, einige Konzerte unseres Chors und die öffentliche Aufführung eines Videos zum Thema Behinderung, dass unsere Theatergruppe gemacht hat. Wir überlegen aktuell, wie wir mit dem Lehrerkollegium einige multimediale Angebote machen können, um wenigstens teilweise die Aktivitäten zu ersetzen, die wir sonst in unseren Räumlichkeiten organisieren. Wie wichtig bestimmte Personen, Momente und Einrichtungen sind, versteht man erst, wenn sie fehlen: Unsere Schüler*innen habe sicherlich verstanden, welches Privileg und Schönheit es bedeutet unsere Schule besuchen zu können, Begegnungen zu haben, Freundschaften entstehen zu sehen, Austausch und gegenseitige Bereicherung zu erfahren. So wichtig Technik und Moderne auch sind; unser Ziel ist es nicht nur zu Instruieren, sondern die Schüler*innen zu befähigen mit Bildung, Erziehung und Kultur die eigenen Ziele bestmöglich voranzubringen. Dafür kommen wir nicht ohne die einfachen und grundlegenden Formen des Kontakts und der Kommunikation aus.

Marco Fraschia, Übersetzung: Bettina Hoffmann
Aus dem 94. Rundbrief des Waldenser Freundeskreises
Internet: www.waldenser-freundeskreis.de