Was bewegt einen jungen Syrer mitten im Krieg, Theologie zu studieren?

Pfarrer Hasan Diratany ist 28 Jahre alt und stammt aus Baniyas, einem Dorf an der syrischen Mittelmeerküste. Schon früh musste er sich mit den großen Fragen nach dem Sinn des Lebens und des Leidens auseinandersetzen: Seine Mutter starb, als er erst 4 Jahre alt war, sein Vater als er 12 war. Mit 17 verlor er auch noch seinen älteren Bruder. Er zog den Glauben an Gott zunehmend in Zweifel. Nach der Schule studierte er Wirtschaftswissenschaften und begann in einer Bank zu arbeiten.

Doch inzwischen wurde der Krieg in Syrien immer schlimmer. Hasan merkte, dass er sich den Menschen sehr nahe fühlte, die Angehörige im Krieg verloren hatten. Aus seiner eigenen Erfahrung des Verlustes von lieben Menschen konnte er ihnen Trost und ein wenig Hoffnung vermitteln. "Meine eigene Geschichte der Sinnlosigkeit wurde auf einmal sinnvoll für andere", stellte er fest.

Er beschäftige sich auch mehr und mehr mit theologischen Fragen. 2019 entschied er sich schließlich, seine Karriere in der Bank aufzugeben und Pfarrer zu werden. Er begann ein Masterstudium in Theologie an der Theologischen Hochschule in Beirut. Im nächsten Juni soll er ordiniert werden und eine Gemeinde im Nordosten Syriens übernehmen. "Auch wenn die Kirche in Syrien seit dem Krieg immer kleiner wird, denke ich, dass sie wichtig für unsere Gesellschaft ist. Wir mögen als Christen und besonders Protestanten eine Minderheit sein, aber wir haben die Verantwortung, die Werte des Reiches Gottes (Liebe, Frieden, Hoffnung, Gerechtigkeit, Dialog) in einem Gebiet wie dem Nahen Osten zu leben und zu teilen. Das ist keine leichte Aufgabe inmitten großer sozialer, politischer und wirtschaftlicher Herausforderungen!", sagt Hasan Diratany im Blick auf sein Heimatland.

Neben Hasan werden im nächsten Jahr noch vier weitere junge Pfarrer ihren Dienst in der Evangelischen Kirche in Syrien und Libanon (NESSL) beginnen. Wir freuen uns - das ist ein großer Segen für die Kirche!