Lettland: Kirchen beteiligen sich an der Diskussion um die Definition der Familie

In Lettland findet aktuell in Politik und Gesellschaft eine intensive Diskussion um eine geplante Verfassungsänderung statt, die die Familie im Artikel 110 genauer definieren soll. Am 14. Januar 2021 hat das lettische Parlament einen Änderungsantrag an die zuständige Kommission des Parlaments weitergeleitet, mit der die Nationale Vereinigung – eine der Regierungsparteien – die Familie unmissverständlich als ein Bund zwischen Mann und Frau definiert möchte.

Die meisten christlichen Kirchen im Land unterstützen diese Definition der Familie. Am 27. Dezember 2020, am Tag der Heiligen Familie, veröffentlichten die Leitungspersonen von zehn christlichen Gemeinschaften einen Brief an die Führung des Landes, indem sie betonten, dass niemand leugnen könne, dass „das optimale Umfeld, in dem ein Kind in die Welt kommt und aufwächst, eine Familie ist, in der Vater und Mutter als Mann und Frau in einer stabilen Ehe verbunden sind“. Das gleiche Familienverständnis würde sowohl in der lettischen als auch in der livischen Tradition, als auch von den christlichen Werten bestätigt. Der Brief appelliert an die gesetzgebenden Institutionen, „das Verständnis der Verfassung von Familie als eine Vereinigung zu stärken, die auf einer Ehe zwischen Mann und Frau beruht.“ Die Unterzeichnenden vertreten schätzungsweise mehr als 90 % der christlichen Gemeinden in Lettland, darunter die Lettische Evangelisch-Lutherische Kirche, die römisch-katholische und orthodoxe Kirche. Unterzeichnet hat auch die Jüdische Gemeinde Riga.

Am 12. Januar 2021 wandte sich eine Gruppe lettischer Theologinnen und Theologen sowie religiöser Persönlichkeiten in einem weiteren öffentlichen Brief wiederum gegen eine Einschränkung des Familienbegriffs in der Verfassung. In ihrem Brief heißt es, dass das Konzept der christlichen Werte vom Kontext abhängig sei, sodass niemand das Recht habe, für alle zu sprechen und eine unbestreitbare Definition anzubieten: „Liebe, Gerechtigkeit, Mitgefühl sind Werte, für die Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen stehen. Diese Prinzipien können in verschiedenen Familienmodellen implementiert werden.“ Zu den Unterzeichnenden dieses Briefes gehören zahlreiche Theologinnen und Theologen der Propstei Lettland der Lettischen Evangelisch-Lutherischen Kirche Weltweit*, Lehrkräfte der Theologischen Fakultät der Universität Lettlands u.a.

Den Anstoß für eine Verfassungsänderung gab eine Entscheidung des lettischen Verfassungsgerichts im vergangenen Jahr. Ein gleichgeschlechtliches Paar hatte Klage eingereicht, weil die Partnerin der Mutter nicht den Urlaub erhielt, auf den die Väter bei der Geburt des Kindes Anspruch haben. Das Verfassungsgericht befand eine solche Regel als diskriminierend und wies die gesetzgebenden Institutionen an, den rechtlichen Schutz dieser Familien zu gewährleisten. Im Unterschied zum Begriff Familie ist die Ehe in der Lettischen Verfassung schon jetzt eindeutig als ein Bund zwischen Mann und Frau definiert.

* Bis Oktober 2020 hieß die Kirche Lettische Evangelisch-Lutherische Kirche außerhalb Lettlands