Das CIM (Centro de Integração Martinho) in Belo Horizonte

Das CIM (Centro de Integração Martinho) ist ein Projekt der IBML in Belo Horizonte, in dem auch schon Freiwillige vom GAW gearbeitet haben.  Julian Krauth interviewte unseren Partner vor Ort; Gerd Müller.

 

Worum geht es in diesem Projekt?
Von der IBML wurde als Hauptziel formuliert, die gesetzlich festgelegten Rechte von Kindern und Jugendlichen für diese zur Realität werden zu lassen. Im Konkreten heißt das, Kinder und Jugendliche in ihrer persönlichen und sozialen Entwicklung zu fördern, damit sie ihre Fähigkeiten und Begabungen leben und Zugang zu einem erfolgreichen Berufsleben finden können.
In einer Gesprächsrunde nannten die ca. 20 anwesenden Kinder und Jugendlichen folgende Ziele, die das CIM verwirklicht: Spiel und Spaß, Lernen und neue Orte kennenlernen, zu denen sie sonst keinen Zugang haben.


Das Projekt konnte für lange Zeit nur sehr wenige Kinder betreuen, da man auf die Umsetzung eines Neubaus warten musste. Wie sieht die Situation jetzt aus? Gibt es Fortschritte? Probleme?
Die aktuelle Situation lässt sich so beschreiben, dass wir kurz vor der Vollendung des Neubaus des 1. Stocks stehen. Mit Beginn des Jahres 2015 werden die Aktivitäten des CIM an den alten Standort zurück verlegt. Seit 2010 war ein Gemeindesaal einer katholischen Nachbargemeinde angemietet und so konnte ein kleiner Teil der ursprünglichen Aktivitäten weitergeführt werden. Hauptprobleme sind zurzeit die Vorbereitungen auf den Umzug und die Neuausrichtung der Arbeit, sowie die intensive Suche nach Geldgebern/Sponsoren (neuen und schon aktiven), damit die Geldmittel für die Fertigstellung des 2. Und 3. Stockwerks zusammen getragen werden können. Die Partnerschaften mit der KinderNotHilfe und der Stadtverwaltung von Belo Horizonte, sowie ein vom kommunalen Ausschuss zur Sicherung der Rechte von Kindern und Jugendlichen (CMDCA) bewilligtes Projekt zum Thema regionaler Umweltschutz, geben uns die finanziellen Voraussetzung im nächsten Jahr kontinuierlich weiterarbeiten zu können.


Hatte die Fußball Weltmeisterschaft einen Einfluss auf das Projekt?
Einen direkten Einfluss hatte die WM, weil per Gesetz bestimmt worden war, dass alle Schulen und schulischen Einrichtungen während der WM geschlossen bleiben mussten. Dies haben die Kinder und Jugendlichen sehr bedauert, denn sie hätten gerne Fußballspiele gemeinsam im CIM angeschaut. Sie empfanden es als ungerecht, dass das CIM seine Aktivitäten nicht weiter durchführen durfte.


In den Demonstrationen vor der WM wurden viele Missstände im Land angeprangert. Es ging um das Bildungssystem, die Versorgung von Kranken, um Korruption und das öffentliche Verkehrssystem. Hat sich seit der WM hinsichtlich dieser Themen etwas verändert?
Leider hat sich nicht sehr viel geändert. Zwar ist ein neues Bussystem eingeführt worden, dass moderne und klimatisierte Busse anbietet, aber nicht alle Regionen der Stadt erreicht, sondern nur auf den Hauptverbindungslinien. Auf dem Gebiet der Gesundheit (Gesundheitsposten = Posto de Saúde) waren für die Kinder und Jugendlichen zwar kurzzeitig Verbesserungen zu bemerken, die aber nach der WM wieder verschwanden. Eine von den Kindern und Jugendlichen als sehr negativ empfundene Begleiterscheinung der WM war eine starke Verschmutzung von Straßen und Plätzen, weil dort viel gefeiert wurde und der Müll einfach liegen blieb – bis die Müllabfuhr kam und ihn weggeräumt hat. Auch waren Drogen jeder Art wesentlich leichter zugänglich.


Wie hat sich der Dialog zwischen dem Volk und der Regierung seitdem verändert?
Die Kinder und Jugendlichen konnten auf diese Frage gar nicht antworten und auch allgemein ist keine Verbesserung spürbar. Zwar wurden einige Online-Portale geschaltet, aber die Effektivität ist nicht überprüfbar.


Welche Rolle spielt dabei die Kirche?
Nach allgemeiner Wahrnehmung haben sie die Kirchen, vor allem die Evangelikalen und pfingstlerischen Kirchen nicht aktiv in die Debatte eingeschaltet. Auch die Beiträge der historischen Kirchen (Kath., Evang.-Luth., Anglikaner, Methodisten) sind in der Öffentlichkeit nicht angekommen, sondern blieben eher innerkirchlich. Da etliche der Pfingstkirchen eine sehr einseitig und problematische Politik vertreten (kontra Homosexuelle, z.B.), haben die historischen Kirchen wenig Mut sich in polarisierende Debatten einzuschalten.


Werden politische Themen in der Gesellschaft jetzt stärker diskutiert?
Da zurzeit Wahlkampf ist (1. Wahlgang am 5.10. und 2. Wahlgang am 26.10.), ist das das beherrschende Thema, das aber nicht wirklich die politischen Notwendigkeiten debattiert, sondern eben wahlkampfmäßig „aufarbeitet“. Die 2013 in den Demonstrationen angemahnten Veränderungen warten derweil auf ihr Umsetzung, sodass Erziehung und Bildung, Korruption, Gesundheit, etc. in einigen Teilen der Bevölkerung nach wie vor Thema sind.
Daneben wird im Aglomerado da Serra, wo das CIM angesiedelt ist, zurzeit viel über das große Müllproblem gesprochen, das Fehlen von Ärzten, das Umsiedlungsprogramm der Stadtverwaltung, Grundstücksbesetzungen wegen fehlendem Wohnraum, oder den Plan, eine Seilbahn zu bauen, um das Aglomerado da Serra touristisch attraktiv zu machen.


Abgesehen vom Ausgang der WM – wie wird auf diese Meisterschaft zurück geblickt? Viele Brasilianer haben sich ja gegen die Durchführung der WM ausgesprochen.
Rückblickend haben die Kinder und Jugendlichen vor allem negative Aspekte genannt, die vor allem mit den nicht fertig gewordenen Bauwerken zusammenhängen: Flughafen, Straßenbau, Hotels, etc.


Man hat davon gehört, dass es in manchen Städten Pläne gab durch z.B. Straßenblockaden die Ausrichtung zu erschweren. Wurde das tatsächlich versucht? Davon hat man in den Medien in Deutschland jedenfalls nichts mitbekommen.
Es gab Manifestationen, vor allem in Rio de Janeiro, aber auch in Belo Horizonte, aber in viel kleinerem Maß. Das vor allem auch, weil Polizei und Staat ganz klar angekündigt hatten, keine Großdemonstrationen zulassen zu wollen. Es wurde schlicht Angst verbreitet.


Hast du/ Habt ihr in Belo Horizonte im Zusammenhang mit der WM etwas Besonderes erlebt? Gibt es irgendeine Anekdote aus diesen Fußball-Wochen?
Spezielle Anekdoten sind leider nicht zu berichten, jedoch war das gemeinsame Feiern, vor allem wenn Brasilien gewonnen hat, ein herausragendes Ereignis.


Was kann man positives aus der WM ziehen? Was dagegen ist negativ aufgefallen?
Als positiv haben die Kinder und Jugendlichen festgehalten, dass die Familien während der WM enger zusammen gerückt waren und gemeinsam Fußball geschaut haben.
Auch die verstärkte Polizeipräsenz wurde wahrgenommen. Aber mit dem Abpfiff des Endspiels wurde alles wieder auf den Status Quo von vorher zurückgefahren.


Gab es durch die größere Aufmerksamkeit, welche Brasilien zu dieser Zeit in der Welt hatte vielleicht auch mehr Spenden?
Ein Spendenanstieg war bei uns hier Brasilien nicht feststellbar und auch die Überweisungen aus Deutschland bewegen sich im normalen Bereich.


In 2 Jahren werden die Olympischen Spiele in Brasilien ausgerichtet. Welche Hoffnungen oder Ängste werden damit verbunden? Was muss vielleicht besser (genauso wieder) gemacht werden?
Für die Kinder und Jugendlichen sind die Olympischen Spiele in keiner Weise gegenwärtig. Viele wissen noch nicht einmal, worum es sich handelt. Was sie sich aber sehr klar und deutlich wünschen ist weniger Schmutz und Müll auf den Straßen und Plätzen, und dass nicht noch mehr Drogen ins Aglomerado da Serra kommen.

 

Über Gert Müller:
Bayerischer Pfarrer, Jahrgang 1954, der von 2002 bis 2006 in Belo Horizonte in der Evangelischen Gemeinde Lutherischen Bekenntnisses (CECLBH), die Mitglied der IECLB (Evangelische Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien) ist, und in der Instituição Beneficente Martim Lutero (IBML = Wohltätigkeitsinstitution Martin Luther) gearbeitet hat. Seitdem in privatem Interesse beurlaubt. Ende August 2014 in das Ehrenamt des Präsidenten der IBML (Conselheiro Presidente = Präsident des Beschlussfassenden Ausschusses) gewählt.