Auf dem Weg zur lutherischen Einheit in Chile

© Gustav-Adolf-Werk

Symbol der Luth. Kirche in Chile

Seit 1975 gibt es in Chile zwei lutherische Kirchen: IELCH und ILCH. Heute bemühen sich beide Seiten, aufeinander zuzugehen und streben eine Wiedervereinigung für das Jahr 2014 an. Entsprechende Gespräche finden schon seit Jahren zwischen den Kirchenleitungen statt.
Diese Begegnungen waren in der Vergangenheit nicht immer einfach, doch sind gleichzeitig reich an Gesten der Versöhnung. Als ein Schritt zur Versöhnung ist auch der letzte Pfarrbrief des Bischofs unserer Schwesterkirche ILCH Siegfried Sander zu verstehen. Er schreibt:

Die Lutherische Kirche in Chile (ILCH) und die Menschenrechte
Santiago, 5. September 2013
„Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst  und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass dort vor dem Altar deine Gabe
und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder und dann komm und opfere deine Gabe. (Jesus in Matthäus 5,23-24)

Wertgeschätzte Pastoren und Kirchenvorstände der Gemeinden in der ILCH:
In diesen Tagen des Gedenkens an den Staatsstreich vor 40 Jahren, leben die Diskussionen neu auf über die so dramatische Vergangenheit, die so tragisch und traumatisch für die chilenische Gesellschaft sind. Die Fragen leben neu auf, wer mehr oder weniger verantwortlich war für den Zerbruch der demokratischen Institutionen und wer mehr oder weniger Schuld trug an der Verletzung der Menschenrechte; wer aktiver oder passiver Komplize war; wer um Entschuldigung bitten müsste und wer nicht.
Ich kann es dabei nicht vermeiden, an die Geschichte der ILCH zu denken. Ihre Bildung ist das Resultat der Unfähigkeit der Pastoren und Leiter der lutherischen Kirchengemeinden jener Zeit nach dem Militärputsch, die Einheit in der Lutherischen Kirche in Chile zu bewahren. Was die Teilung verursachte, waren die unterschiedlichen politischen Einstellungen und die unterschiedliche Antwort auf die Frage: Wie haben wir als Christen und als Kirche auf die Militärregierung und die Verletzung der Menschenrechte zu reagieren?
Als einer, der (erst) 1980 nach Chile kam und der sich bemüht hat, die verschiedenen Positionen zu verstehen, als Bischof und als Vertreter der ILCH möchte ich Euch zwei Fragen stellen:
1.    Wie können wir heute der Weltöffentlichkeit die Einstellung der ILCH bezüglich der Menschenrechte erklären?
2.    Welchen Beitrag können wir von unserem Glauben her leisten zu einer wahren Versöhnung unter den Chilenen und zu einer Wiederzusammenführung der Lutheraner?
Was hilft, die tiefen und schmerzlichen Wunden zu heilen?
a)    Sie nur zuzudecken, nützt nichts. Nur zu sagen: „Vergessen wir es und schauen nach vorne“ ändert die Vergangenheit nicht, mit der wir für immer leben müssten. Das heilt nicht.
b)    Zu sagen, die Verletzungen der Menschenrechte, die die eine Seite verschuldet hat, rechtfertigen sich dadurch, dass die andere Seite sie auch verletzt hat, nützt ebenso wenig. Das Böse mit einem anderen Übel zu rechtfertigen, verbessert nichts. Im Gegenteil: Es verlängert bloß die Spirale des Grolls, des Hasses und der Gewalt.
c)    Zu schnell und zu oberflächlich von Vergebung und Versöhnung zu reden, befriedigt ebenso wenig. Um die eiternden Wunden zu heilen, müssen wirksame Arzneien aufgetragen werden, auch wenn sie schmerzen.
Was sind solche wirksamen Heilmittel?
a)    Ein offener, aufrichtiger und ehrlicher Dialog. Ein Dialog, bei dem jede Seite sich ganz offen ausdrücken kann und der anderen Seite die gleiche Offenheit zugesteht.
b)    Nur so können wir Fortschritte bei der Aufdeckung der Wahrheit (der Wahrheiten) machen, nach Gerechtigkeit mit der Hilfe Gottes suchen, um Vergebung bitten und die Versöhnung suchen.
Bei diesem Dialog muss unterschieden werden:
a)    Die Diskussion unter verschiedenen politischen Visionen und Einstellungen, die legitim und notwendig sind, weil wir unterschiedliche und begrenzte Menschen sind. Ich beabsichtige nicht, mich in diese Diskussion einzumischen. Das ist nicht Aufgabe der Kirche, die stets alle Menschen, unabhängig von ihrer politischen Einstellung achten und annehmen muss.
b)    Anders muss die Haltung gegenüber der Verletzung der Menschenrechte sein. Die Menschenrechte sind universell und unverletzlich. Die Kirche darf nicht erlauben, dass sie ignoriert oder missachtet werden. Sie darf nicht schweigen angesichts ihrer Verletzung.
Was bedeutet dies für die ILCH? – Für ihre Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft?
Ich maße mir nicht an, die Kirchenleitung von damals zu richten. Ich versuche, ihre Motive und Entscheidungen zu verstehen. Nie war alles gut oder alles schlecht.
Ich frage euch: Können wir heutzutage, nach allem, was an das Licht der Öffentlichkeit – speziell über die Aktivitäten der DINA – anerkennen und bekennen, dass die Leiter der ILCH damals in der Hitze und dem Eifer in der großen Krise und der angeheizten Stimmung, den Grad der während der Diktatur ausgeübten Gewalt und Terror unterschätzt haben?
Können wir heutzutage anerkennen und bekennen, dass die Tatsache, dass auch vor dem Putsch viele Ungerechtigkeiten und Verletzungen der Menschenrechte geschehen sind, kein Grund dafür sein dürfen, die nach dem Putsch verübten Verbrechen nicht zuzugeben oder sie zu verharmlosen?
Können wir heutzutage anerkennen und bekennen, dass die Stellungnahmen des damaligen Bischofs Helmut Frenz und anderer Pastoren und Führer der IELCH zu den Verletzungen der Menschenrechte besser informiert und christlicher waren als die unserer Vertreter und dass unsere Anschuldigungen gegen sie übertrieben und von der Angst geleitet waren und dass die Teilung in IELCH und ILCH nicht notwendig gewesen wäre?
Können wir heutzutage, nach all dem, anerkennen und bekennen, dass in den vergangenen Jahren, aufgrund der Tatsache, dass die Debatte um die Menschenrechte von ganz „Links“ beherrscht wurde und aus Angst, beschuldigt zu werden, sich „in Politik einzumischen“ oder als „Kommunisten“ beschimpft zu werden, viele von uns Pastoren sich diesbezüglich zu still verhalten haben?
Was und wie denkt ihr heutzutage in euren Gewissen, in euren Gebeten in eurer inneren Haltung gegenüber Gott über die Verletzungen der Menschenrechte, die in Chile um sich gegriffen haben? (Unabhängig von euren parteipolitischen Präferenzen).
Wie kann man heute die Haltung der ILCH gegenüber den Menschenrechten verdeutlichen?
Es gilt die zentrale Aussage des Evangeliums zu berücksichtigen wie der Apostel Paulus es in 2. Korinther 5 beschreibt:
„Christus ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist. Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr. Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“
In diesen Tagen des Gedenkens an jene konfliktreiche Zeit hinterlasse icvh euch diese Fragezeichen. Dass der Geist Gottes uns bewege und uns lehre, unseren Beitrag für eine Zusammenführung in einer polarisierten Gesellschaft und Kirche und uns helfe bei der Heilung der Wunden der Vergangenheit.

Siegfried Sander, Bischof der ILCH