L'Assemblée du Désert - "Gottesdienst in der Wüste", das Jahrestreffen der Hugenotten in Mialet (Südfrankreich)

"L'Assemblée du Désert" ist eine große protestantische Versammlung, die jedes Jahr am ersten Sonntag im September in Mialet (bei Anduze) in den Cévennen auf dem Gelände des Musée du Désert organisiert wird. Erstmals fand die Zusammenkunft am 24. September 1911 anlässlich der Einweihung des Museums statt.
Seit damals wird jedes Jahr, mit Ausnahme einiger Kriegsjahre, dieses Treffen des „Désert“ abgehalten. 2015 war es am 6. September.  Anlass des diesjährigen großen Gottesdienstes ist die 300-jährige Wiederkehr der Synode der Hugenotten in den Cévennen.
Bei einer fröhlichen und familiären Stimmung sind jährlich bis zu 20 000 Personen vereint. Die Teilnehmer kommen hauptsächlich aus den Cévennen und dem Languedoc, häufig jedoch auch aus ganz Frankreich und dem Ausland, um unter den Eichen und Kastanien des Mas Soubeyran morgens einen Gottesdienst zu feiern, der mit einem Abendmahl schließt. Nachmittags finden historische Vorträge statt.
(z.T. frei nach Musée du Désert - http://www.museedudesert.com/article5894.html)

Pfarrer Gottfried Holland war mit seiner Familie dabei. Seine Impressionen:

Rendezvous zwischen Himmel und Erde

Es gibt Augenblicke, in denen es mir besonders leid tut, dass ich mein Französisch in den 30 Jahren seit der Schule nicht mehr gepflegt habe. Ein solcher Augenblick war der 6. September. Der Reiseführer hatte uns auf den Gottesdienst der französischen Protestanten aufmerksam gemacht, der immer am ersten Sonntag im September stattfindet. Schon 60 km vor dem Ziel zeigte das Navi am Zielort Mialet (Cevennen) einen Stau von 5 km an. Die Straßen wurden immer enger, dann fuhren wir tatsächlich die letzten Kilometer nur noch im Schritttempo. 4 Polizistinnen regelten den Verkehr, denn die Besucher kamen zumeist mit dem Auto. Auf großen Wiesen parkten die Protestanten und gingen, den Klappstuhl unterm Arm, in den Wald. Dort unter den hohen Bäumen traf man sich wie damals, als die Hugenotten verfolgt wurden und daher ihre Gottesdienste versteckt feiern mussten. Gleich neben dem „Musée du Désert“  (Museum der Wüste), standen schon Tausende. Vielleicht waren es keine 20.000 wie im Reiseführer angekündigt – aber ein kurzes Überschlagen der Anzahl der Autos ließ auch uns auf eine Zahl von über 10.000 kommen. Die Menschen saßen auf kleinen Steinmäuerchen oder hatten eigene Stühle dabei. Das Alter war überraschend gut generationenübergreifend. Schilder wiesen auf ein Kinderprogramm hin. Geprägte Gesichter, ob wettergegerbt, wie von einem Bauern oder mit weißer Haut, wie aus dem Büro, machten Eindruck. Wir wurden von einem Posaunenchor und Kirchenchor empfangen. Unsere 14 jährige Tochter sagte nachher: „Die gehören alle zusammen!“ Warum? „Die grüßen sich alle so, als ob sie sich schon lange kennen!“ Dann begann der Gottesdienst. Viele Lieder – meist vertonte Psalmen wurden gesungen, ein Kind getauft und die Predigt machte deutlich, worauf wir Christen hinleben: auf die Auferstehung. Wichtig sei aber, dass diese Hoffnung nicht nur äußerlich sei, sondern vom Herzen komme (Joel 2,12ff). Das Abendmahl schloss sich an. Viele Christen nahmen das Gesangbuch mit auf den Weg: Singend gingen sie zu den 8 einfachen Holztischen und empfingen von den rund 20 Pfarrerinnen und Pfarrern Brot und Wein. Letzteren aus ganz einfachen Kelchen.
Auch das Opfer wurde eingesammelt. Was ich mir in Deutschland nie getraue, tat ich hier: Ich schaute, wie viele wohl die Körbchen nur einfach so vorbei gehen lassen: Es war praktisch keiner! Im Gegenteil, war das Körbchen an einer Reihen versehentlich vorbeigereicht worden, dann standen die Menschen auf, um ihren Dank an Gott in irdischer Währung dem Einsammler nachzutragen. Zum Schluss wurden wir alle aufgefordert, die „Marseillaise der französischen Protestanten“ zu singen: auf die Melodie von Tochter Zion sangen fast alle auswendig „A toi la gloire, o Resuscité!“ (Dir die Ehre, Du Auferstandener).
Im Anschluss wurde gevespert. Viele hatten ihr Essen dabei, manche kauften sich am Museum etwas. Überall stellten die Leute kleine Tische auf. Das Tischtuch fehlte bei keinem – sogar, wenn sie nur von den Knien aßen. Ein fröhliches Beisammensein! Der Nachmittag war durch Vorträge gefüllt. So gedachte man an diesem Tag wie seit 100 Jahren an die verfolgten französischen Evangelischen, an die Waldenser und die Hugenotten.
Wir blieben nur bis zum Essen dort im Wald von Mialet und machten uns dann auf den Weiterweg. Wenn ich zurückdenke und ein einziges Wort für diesen Vormittag wählen müsste, dann wäre es dieses: Gänsehaut-Feeling! Wir waren dabei bei dem Rendezvous zwischen Himmel und Erde.