REISEBERICHT 2012

Der diesjährige Aufenthalt von Irmgard Jeschawitz in der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde fand statt

vom 29.8.- 21.9.2012.

 



Zunächst einmal:

Herzlichen Dank allen Freundinnen und Freunden der Gemeinde in Marks. Ein Dank an die evangelische Kirchengemeinde in Echterdingen, an die Schwesternschaft Herrenberg-Korntal,  an Freunde und Verwandte für ihre Unterstützung.
Sie haben es möglich gemacht, dass ich da und dort die Gemeindeglieder und die Gemeinde auch finanziell unterstützen konnte.
Ebenso herzlichen  Dank für alles Interesse an der kleinen Gemeinde in Marks mit ihrer großen Kirche und für alle Fürbitte.

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Gedenkgottesdienst am Sonntag, 2. September 2012
Der 28. August 1941 hat sich als Datum tief eingegraben bei den Russlanddeutschen, war es doch der Tag, an dem mit einem UKAS angeordnet wurde, die Russlanddeutschen aus ihren Wohngebieten zu vertreiben und in Nordkasachstan und Sibirien als Staatsfeinde anzusiedeln. Trudarmee, Zwangsarbeit, Hunger, Krankheit, viele Tote haben die damalige Zeit geprägt.
So wird an vielen Orten um dieses Datum herum ein Gedenkgottesdienst abgehalten. Allerdings habe ich selber schon mehrfach erlebt, dass diese Gedenkgottesdienste nicht feindschaftliche Gefühle aufrechterhalten sollen, sondern eher auf Dank gestimmt sind fuer eine neue Zeit und fuer ein friedliches Zusammenleben.
Zu diesem Gottesdienst in Marks kamen auch die Gemeindeglieder von Lipovka, die konnten selbst eine Fahrgelegenheit organisieren (eine Strecke = 65 km), die Gemeindeglieder von Osinovka (35 km) hat Pastor Wolodja geholt und auch wieder zurück gebracht.
Schön ist bei solchen Gottesdiensten, dass hinterher ein gemeinsames Tee trinken dazu gehört.
Natalia, Mitglied des Gemeindekirchenrates (GKR) und „Kollektenfrau“ hat  Streuselkuchen gebacken, Servietten, Kleingebäck, Zucker, Tee und alles Notwendige eingekauft trotz ihrer 74 Jahre und ihren Gehschwierigkeiten.
Das Tischdecken und das Aufräumen haben alle Mitglieder de GKR gemeinsam besorgt.

Gemeindekirchenrat
Im Oktober des vergangenen Jahres war Gemeindekirchenratswahl. Es wurden gewählt:
Für Marks: Natalia Andreanova, Aljona Marosowa, Natalia Mejdt, Alexander Miller, Sweta Tschejun.
Für Lipovka: Nelli Wolodina
Für Osinovka: Emma Denzel


Zwei Prädikantinnen
Eine wunderbare Neuheit:  Emma Denzel hält regelmässig am 1. und 3. Sonntag des Monats den Gottesdienst in Osinovka.
Valentina Kosak aus Lipovka hat in der Urlaubszeit von Pastor Wolodja in Marks den Gottesdienst übernommen.


Gemeindejubiläum 2013
Im Jahr 1993 hat es angefangen. Frau Eleonore Gerdt  (1932 – 1999) hat in Marks als Erste wieder Russlanddeutsche Christen aufgesucht und angefangen, mit ihnen Gottesdienste und Bibelstunden abzuhalten. Für die Bibelstunden sind sie abwechselnd in verschiedenen Privatwohnungen zusammen gekommen, die Gottesdienste durften sie im Kulturhaus abhalten. 1993 waren das 10 bis 12 Gemeindeglieder.
Heute gehören zur Gemeinde 130 Gemeindeglieder, aber in den letzten 20 Jahren hat die Gemeinde viele ihrer Glieder durch die Aussiedlung nach Deutschland verloren (insgesamt 113 Gemeindeglieder sind ausgesiedelt) und 15 Gemeindeglieder sind inzwischen verstorben.
Ein Datum fuer die Jubiläumsfeier liegt noch nicht fest, auch keine Einzelheiten zum Programm. Es besteht aber die Hoffnung, dass zu diesem Ereignis viele Gäste kommen. Es wäre besonders schön, wenn auch Bischof Brauer dieses Fest mitfeiern könnte.

Gemeindemitarbeiter/innen

Schon seit zwei Jahren machte die Kirchengemeinde Echter-dingen es möglich, dass wir in Marks eine Gemeindesekretärin fuer ungefähr 2 Stunden täglich einstellen konnten. Bisher war das Uljana Zhivochenko. Sie hat Psychologie und Pädagogik studiert, verfügt über sehr gute Computerkenntnisse und spricht  sehr gut Deutsch. Nun wird sie Marks verlassen und nach St. Petersburg ziehen. Aber wir haben in  Natalia Mejdt   (GKR) eine gute  Nachfolgerin gefunden.
Alexander Miller (GKR) arbeitet als Hausmeister in der Gemeinde. Rings herum um die Kirche gibt es ein sehr großes Gelände, das leider nicht eingezäunt ist. Es ist schade, dass Alexander einen großen Teil seiner täglichen Arbeitszeit (2 Stunden) damit verbringen muss, dieses Gelände vom weggeworfenen Müll zu säubern. Die gegenüberliegende Administration achtet sehr darauf.
Am vergangenen Sonntag gab es in Marks ein sehr schönes Stadtfest, aber am Montag musste Alexander 7 große Müllsäcke voll Müll einsammeln.

Nachtwächter
Kein öffentliches Gebäude kommt hier ohne Nachtwächter aus. Im Jahr 2001 hat die Gemeinde das bitter erlebt. In der Nacht vor dem Erntedankfest wurde im Innenraum der Kirche Feuer gelegt, alles war schwarz, vieles verbrannt, die Aufräumarbeiten anstrengend und kostspielig.
In  Wolodja Kraft  hat die Gemeinde Marks einen sehr guten Nachtwächter gefunden. Er kommt aus Kasachstan, auch seine Familie will nach Marks ziehen, und er sucht nun hier eine Wohnung fuer die Familie und fuer sich Arbeit. Von Beruf ist er Schlosser. Er wohnt schon seit einigen Monaten in der Kirche im Nachtwächterzimmer, hat die Aufgabe des Nachtwächters übernommen und im Kirchengebäude schon viele Schäden an der Bürowand, im Kirchenraum, am Außensockel repariert. Diese Extraarbeiten bekommt er bezahlt.
Die Anstellung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kann leider nur mit einer Aufwandsentschädigung belohnt werden. Eine Anstellung mit Arbeitsbuch ist nicht möglich.

Kinder- und Jugendarbeit
Aus Marks hätten 11 Kinder an einem Kinderlager teilnehmen können, aber fuer Saratov waren keine Kinder angemeldet, und so musste in diesem Jahr eine Kinderfreizeit ausfallen. Für das kommende Jahr ist von der Gemeinde Marks eine eigene Kinderfreizeit geplant, die vielleicht in der näheren Umgebung stattfinden kann.
Es war fuer 2012 noch eine Veranstaltung fuer Jugendliche geplant, wieder gemeinsam mit der Gemeinde in Saratov. Jugendliche wollten mit Booten auf der Wolga eine Rudertour machen und jeweils am Strand übernachten. Aber das Wetter war zu schlecht, und so musste diese Unternehmung abgeblasen werden.
Vielleicht ist das Wetter im kommenden Jahr geeigneter.

Zum Wasserleitungssystem der Kirche
Grosse Schäden sind in der Kirche in den letzten Wintern immer wieder durch Rohrbrüche entstanden. Mehrfach stand der ganze Altarraum unter Wasser.
Nun kam vom Wasseramt eine Auflage, dass in der Kirche ein Wasserzähler eingebaut werden müsse.
Das bedeutet, dass im Altarraum der Linoleumbelag an einer Stelle entfernt werden muss (in einer Nische auf der linken Seite), dass dort ein Schacht aufgegraben werden muss, etwa 1,5 m tief, damit dann die Mitarbeiter vom Wasseramt den Wasserzähler einbauen können.
Bei dieser Gelegenheit soll auch die Möglichkeit geschaffen werden, dass im Winter das ganze Wasser abgelassen werden kann, um das Einfrieren der Rohre zu verhindern.
Ein ungelöstes Problem: Die Toiletten (und die Küche) sollten auch im Winter Wasser haben.

Kirchenheizung
Sie soll von Strom auf Gasheizung umgestellt werden weil die Heizkosten dadurch gesenkt werden können. Die Umstellung allerdings ist teuer. Vor 2 Jahren wurden die Kosten auf 40.000 EURO geschätzt, und inzwischen ist alles teurer geworden.
Die Kirchengemeinde Marks kann das erforderliche Geld nicht aufbringen.
Es müssen also Anträge gestellt werden an das  Berliner Missionswerk, an den Martin-Luther-Bund und an das Gustav-Adolf-Werk. Alle diese Werke bestehen auf einer verbindlichen Zusage einer Eigenbeteiligung. Im Falle Marks kann sicher handwerkliche Eigenleistung erbracht werden, über den Geldbetrag werden aber wir Freunde uns Gedanken machen müssen: Potsdam, Schoonhoven, Jeschawitz.

Religionsunterricht
Es gibt ein Regierungsvorhaben, dass in russischen Schulen ein verbindlicher orthodoxer Religionsunterricht eingeführt werden soll. Über dieses Vorhaben wird derzeit auch in Marks gesprochen bei der Zusammenkunft aller Vertreter religiöser Organisationen. Wird es auch einen Unterricht geben fuer katholische, evangelische, muslimische Kinder? Wird es eine Art Religionskunde sein, in der auch andere Konfessionen und Religionen vorkommen?
In Marks erleben wir bei vielen Familien, dass die Großmütter zur Gemeinde gehören, die Kinder aber einen orthodoxen Ehepartner/eine Ehepartnerin geheiratet haben und die Enkelkinder dann selbstverständlich dort in der orthodoxen Kirche beheimatet werden.

Schließlich
Der Bericht enthält dieses Mal viele sachliche Einzelheiten. Dabei ist es fuer mich eine große Freude am Leben der Kirchengemeinde teilzunehmen. Wo gibt es das bei uns in Deutschland, dass am sonntäglichen Gottesdienst durch-

schnittlich 50% der Gemeindeglieder teilnehmen.
Die Teilnahme am Leben und Ergehen Einzelner spielt hier eine große Rolle. Predigt, Seelsorge, Alltagsprobleme, Gebäude-

reparaturen, schwierige Verhandlungen mit der Administration,  das Aufgabenfeld fuer Pastorinnen und Pastoren in Russland ist sehr vielseitig. Die weiten Entfernungen von Gemeinde zu Gemeinde erschweren eine Zusammenarbeit und den Austausch mit anderen Gemeindeleitern bei anfallenden Problemen.
Es gibt jedoch viel Grund zur Dankbarkeit und zur Freude, und ich hoffe von Herzen, dass mir so viel Gesundheit geschenkt wird, dass ich auch weiterhin trotz meiner inzwischen 76 Jahre die Gemeinde in Marks besuchen kann, die mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen ist.

 

Im September 2012

 

Irmgard Jeschawitz

Bernhäuser Strasse 57
D-70771 L.E.-Echterdingen
E-Mail: jeschawitz.irmgarddontospamme@gowaway.t-online.de

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