Dass man auch nie genug gedenken kann .....

Višegrad (Bosnien) 2015: Moschee – wieder aufgebaut

Belgrad - Sonntag 14. Juni. Nach dem Gottesdienst sagt mir ein Teilnehmer bosnischer Herkunft: „Heute vor dreiundzwanzig Jahren war die erste Muslimverbrennung in Višegrad." Und schildert kurz: Juni 1992 wurden in dieser bekannten Stadt an der Drina sechzig Muslime unter dem Vorwand, sie vor Feindseligkeiten serbischer Freischärler zu schützen, in einem Gebäude versammelt, es abge-schlossen und angezündet. Ein Mädchen hat überlebt. Dasselbe habe sich zwei Wochen später in einem anderen Stadtteil wiederholt – am 28. Juni, dem symbolträchtigen Vidovdan/Veitstag. Ich hat-te zuvor in der Predigt den inklusiven Gott zu verkündigen gehabt: das Gleichnis vom findigen Gast-geber (nach Lukas 14), - ohne Berührungsängste, ohne soziale oder ethnische Trennlinien in seiner Einladung der Menschenliebe. Schmerzhaft dicht unter der Oberfläche – all die Konflikte der ex-jugoslawischen Völker! Und wie wenig werden bisher die für alle Seiten schlimmen Geschehnisse selbstkritisch erinnert und durchgearbeitet.   Lesen Sie bitte weiter >>>

Maria Karthäuser: vor der Kirche der Hlg. Sava (li.), "dort oben hat mein Vater georgelt" (re.)

 „Ich will meine Freunde in Serbien wieder sehen“, sagte sich Kirchenrat i.R. Manfred Wagner. Der frühere Ökumene-Beauftragte der Evangelischen Landeskirche in Württemberg war im Vorfeld größerer Jubiläumsfeierlichkeiten zusammen mit seiner Frau Solveig nach Belgrad gekommen. Für ihn eine Woche des Wiedersehens und Vertiefens von alten, guten Begegnungen. In seiner aktiven Dienstzeit hat er Vertrauen aufgebaut und Freundschaftsbande geknüpft mit der Slowakisch-Evangelischen Kirche in Serbien (Bischofsamt in Novi Sad) und der Serbisch-Orthodoxen Kirche. Wir treffen uns im orthodoxen Patriarchat, unmittelbar gegenüber der historischen Belgrader St. Micha-elskathedrale. Protodiakon Radomir Rakic empfängt und begleitet uns zusammen mit einer Ordensfrau, der geistlichen Mutter Efrosinija. Die begabte Ikonenmalerin ist besonders entzückt, als wir bei einem Rundgang durch Bibliothek und Museums-Schatzkammer des Patriarchats einen Faksimiledruck der bedeutendsten serbischen Handschrift mit Buchmalereien sehen dürfen: das Evangeliar des Fürsten Miroslav aus dem 12. Jahrhundert. Der Museumsdurchgang geht mir nahe; er ist eine Begegnung mit Glanz und Schmerz der serbischen Spiritualität: Ikonen, die auch außerhalb ihrer (zum Teil zerstörten) Kirchen sprechend wirken. Silberne Modelle von Klosterkirchen, sogenannte Arto-phoria (Behältnisse für geweihtes Brot, das man aus dem Gottesdienst den Kranken in die Häuser bringt). Der Mantel des Königs Lazar, der 1389 die Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo-polje) gegen die Türken verlor: Untergang des ersten serbischen Königsreichs. Ein Dokument, in dem Kaiserin Maria-Theresia die Ansiedlung von Serben im südlichen Ungarn ordnet. Sie hatten vor der türkischen Expansion nach Norden weichen müssen und durch ihre Neuansiedelung eine „Militärgrenze“ fürs Habsburger-Reich gebildet, eine Pufferzone zur gegnerischen Großmacht im Süden von Dalmatien bis zu den Karpaten. - Wenig später, beim Besuch der Räume des Heiligen Synod, der serbisch-orthodoxen Bischofskonferenz, sehe ich den Exodus der Serben in christliches Herrschaftsgebiet durch ein überdimensionales Wandgemälde dargestellt: allen voran der damalige Patriarch wie ein Mose, der sein Volk zu neuen Ufern führen muss.

Pavle Jovanovic: Die große serbische Wanderung (1896) - Wandbemalung im Patriarchat der Serbisch-Orthodoxen Kirche (li.), Manfred und Solveig Wagner mit Mutter Efrosinija im Gespräch mit Henri Bohnet (Konrad Adenauer Kirche Stiftung)

Bis heute ist die enge Verbindung von orthodoxer Kirche und (Über)Leben des serbischen Volks für mich vielfach zu erkennen – ungeachtet aller Fragen, die ich Deutscher aufgrund der Irrwege unserer eigenen Kirchengeschichte an eine allzu enge Verbindung von Thron und Altar zu richten habe. Ein Gespräch mit dem Leiter der benachbarten Konrad-Adenauer-Stiftung weitet den Horizont Richtung Europa. Es geht um die Ermöglichung von Kontakten, Seminaren, Stipendien für junge Menschen aus dem Westbalkan. Und um die Frage, wie sich auch für orthodoxe Theologiestudenten die Tür zu Studien und Begegnungen mit westlicher Theologie stärker öffnen lässt. Zwei Tage später wird Ehepaar Wagner Gast sein bei der Jubiläumsfeier „1700 Jahre Toleranzedikt von Mailand“: im Jahr 313 n.Chr. hat der römische Kaiser Konstantin das Christentum zur tolerierten, d.h. geduldeten Religion im gan-zen Reich erklärt. Weil Konstantin im damals römischen, heute serbischen Nisch geboren wurde, richtet die serbisch-orthodoxe Kirche zusammen mit Spitzen des Staates einen Festtag aus. Patriarchen aus Moskau, Konstantinopel und anderen orthodoxen Kirchen, die mitzelebrieren, geben dem Ereignis den Charakter einer innerorthodoxen Ökumene.
„Ich will meine Familienangehörigen in und um Belgrad wieder sehen“, sagte sich Milena Renkl-Ristovic aus Stuttgart. „Nächstes Jahr sind es sechzig Jahre, dass ich in Deutschland lebe“, erklärt mir die energiesprühende Wahlschwäbin bei einem Kaffee im sonnendurchfluteten Taschmajdan-Park. Es sind regelmäßige Besuche bei ihrer Schwester alle halbe Jahre, die doch nie zur Routine werden. Eine Vermittlerin zwischen Lebenswelten ist sie geworden: In Stuttgart seit Jahrzehnten um Öffnung und Integration verschiedener Migrantengruppen besorgt; als Vertreterin der örtlichen serbischen Gemeinde und anderer orthodoxer Auslandsgemeinden in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK); für die Stuttgarter Kommune unersetzliche Gesprächspartnerin, Mitarbeiterin bei Semi-naren, Gewährsfrau für rechte Einschätzung sensibler Fragen zwischen Kulturen und Religionen. Ich hatte sie als Notfall-Sprachlehrerin im Serbischkurs kennengelernt, als ich mich vor einem Jahr an der Stuttgarter VHS für meinen Dienst in Belgrad vorbereiten wollte. Die eigentliche Kursleitung war für Monate verhindert gewesen. Wenn sie erzählt, wie sie im Tito-Jugoslawien schikaniert wurde, ist es an mir, zu schlucken. Die beste Abiturientin ihres Jahrgangs sah alle Studien- und Entwicklungsmög-lichkeiten bedroht, schlicht weil ihr Vater als ehemaliger Offizier der jugoslawischen Armee den sozialistischen Funktionären missliebig war. Als Karfreitag eine Hohlstunde im Unterricht war, ist sie damals mit Freundinnen spontan zum persönlichen Gebet und Grabverehrung Jesu in die Kirche gegangen – und wurde der Anstiftung zu konterrevolutionärem Verhalten bezichtigt: ihr Abitur sollte annulliert werden. War es Mut, war es Verzweiflung, die eine kaum Zwanzigjährige schließlich zum Ausreisen brachte – alleine auf abenteuerlichen Wegen? Ist es Vorbereitung eines Segens, von dem der bedrängte Mensch nun auch gar nichts spüren kann auf den verschlungenen Pfaden, die Gott ihn zu gehen nötigt? Er aber, ohne es selbst zu wissen, gerade durch mancherlei Schweres geformt wird zum Segensträger für andere? - Wir kommen auf die aktuellen politischen Herausforderungen für Serbien zu sprechen an der Schwelle zur Europäischen Union, und ich freue mich an dem klaren Ur-teil dieser „Botschafterin zwischen zwei Welten“ im Hinblick manche Winkelzüge der örtlichen Politik, - und lerne, höre... Die Zeit verfliegt; beim Aufbruch vereinbaren wir ein Wiedersehen in Belgrad oder im Schwabenland.

Milena Renkl-Ristovic (li.) - Ivana Spica im Besprechungsraum von Brot des Lebens (re.)

„Wir wollen genauer wissen, wer Martin Luther war“, sagen mir Jasmina Tosic und ihre Mitverant-wortlichen der diakonischen Einrichtung Chleb Schivota (Brot des Lebens). Die Belgrader Baptistische Gemeinde betreibt dieses Sozialwerk seit über zwanzig Jahren zusammen mit der Protestantisch-Evangelikalen Gemeinde Belgrad. Entstanden als Hungerhilfe in den Jahren der Wirtschaftsblockade während der Jugoslawienkriege, wo viele geflüchtete Serben versorgt werden mussten, haben sich inzwischen drei Arbeitsschwerpunkte herausgebildet: Unterstützung für Romakinder in ihrer schuli-schen Entwicklung; Wiedereingliederung von ehemaligen Drogenabhängigen; Begegnungs- und Unterstützungsarbeit für vereinsamte Senioren. Wir treffen uns am Reformationstag (31. Oktober) in den Räumen des diakonischen Zentrums zu einer Vortrags- und Gesprächsrunde. Ivana Spica übersetzt mich fließend auch ohne Vortragsmanuskript. Sie arbeitet im Auftrag von Chleb Schivota mit Romakindern und ihren Müttern. Sonntags hält sie meine Predigt auf Serbisch: wir tragen sie abschnittsweise in beiden Sprachen vor. Scherzhaft nenne ich sie manchmal „meinen Aaron“, der für mich redet. Weil ich mir bei der serbischen Sprache wie Mose vorkomme mit seiner „schweren Zun-ge“ (Exodus 4, 10). Vor kurzem hat Ivana Spica ihre Ausbildung zur Prädikantin bei der EKD mit Erfolg abgeschlossen. Am 2. Advent werden wir sie im Gottesdienst öffentlich beauftragen und einführen in ihr kirchliches Amt.
Am Ende des kleinen Luther-Seminars sagt mir ein Zuhörer bedauernd: „Und wir Serben haben erst vor zweihundert Jahren eine Bibelübersetzung in unsere Sprache bekommen…“ Das gibt mir einen kleinen Stich ins Herz. Den Durst hier zu spüren, und mich zu ertappen: Wie reich beschenkt sind wir in Deutschland doch – und wie gedankenlos und wenig dankbar bin ich oft.
Hans-Frieder Rabus, 1. November 2013