Wie kann man in einer Minderheitensituation Kirche leben und gestalten?

Dieser Frage stellten sich die Pfarrerinnen und Pfarrer des Evangelischen Kirchenbezirks Vaihingen an der Enz bei ihrem diesjährigen Pfarrkonvent. Um diese Frage nicht theoretisch zu erörtern, sondern ganz praktisch wahrzunehmen, fand der diesjährige Pfarrkonvent Mitte Juli in Kärnten und Slowenien statt. Hier gibt es nur wenige evangelische Christen und Gemeinden.

In beiden Ländern hatte sich die Reformation zunächst stark ausgebreitet, bevor es ab 1600 zu einer Gegenbewegung kam und die evangelischen Christen zur Rückkehr zum katholischen Glauben gezwungen wurden. Viele evangelische Christen wanderten aus, in Österreich entstand der Geheimprotestantismus. Der Glaube wurde in den eigenen vier Wänden gelebt, nach außen lebte man in einer katholischen Welt. Erst ab 1781 war es in Österreich wieder erlaubt, evangelisch zu sein. Bethäuser entstanden, ohne Türme und Glocken. 1850 wurde die Duldung schließlich aufgehoben und man durfte öffentlich evangelisch sein und seinen Glauben leben.  Heute ist die Evangelische Kirche in Österreich und Slowenien eine Minderheitskirche mit einem Anteil von 3-5 % an der Bevölkerung. Primus Truber als Begründer des slowenischen Schrifttums und der Evangelischen Kirche in Slowenien hat trotz der Minderheitssituation der Evangelischen Kirche in Slowenien einen erstaunlich hohen Stellenwert. Sein Portrait ziert die Rückseite der 1 Euro Münze. Außerdem ist der Reformationstag staatlich geschützter Feiertag.

In Slowenien gab es zahlreiche Begegnungen und Gespräche der Vaihinger Pfarrerinnen und Pfarrer mit slowenischen Kirchenvertretern und auch ein Treffen mit dem deutschen Botschafter. Eine Frage zog sich wie ein roter Faden durch alle Gespräche: Wie kann man in einer absoluten Minderheitensituation Kirche leben und gestalten? Angesprochen auf die Unterschiede der Diasporakirche zu einer größeren Kirche wie der Württembergischen Landeskirche meinte Leon Novak, Pfarrer der größten evangelischen Gemeinde in Slowenien: „Die Diasporakirche ist flexibler. Sie sieht noch mehr die Notwendigkeit, missionarische Kirche zu sein. Der Gemeindeaufbau geht vor.“ Allerdings muss dies unter erschwerten Bedingungen stattfinden. Bischof Geza Filo betonte die angespannte finanzielle Lage der evangelischen Kirche Sloweniens. Einige der nur 15 Evangelischen Pfarrer dieser kleinen Diasporakirche bessern sich ihren Verdienst durch Nebentätigkeiten auf, wie z.B. durch Imkerei. Die Kirchengemeinden vermieten ein Auto oder auch Krankenbetten, um ihre finanzielle Situation aufzubessern. Trotzdem war eine gewisse Aufbruchstimmung, Mut und Freude, sowie eine ausgeprägte Gastfreundschaft bei allen Begegnungen eindrücklich spürbar. Ein geistlicher Höhepunkt war die gemeinsame Abendmahlsfeier von slowenischen und württembergischen Pfarrerinnen und Pfarrern.

Umrahmt wurden die Begegnungen mit Ausflügen in die wunderschöne Landschaft Sloweniens und der Besichtigung von Ljubijana, der Hauptstadt Sloweniens. Die Reiseleitung hatte Diakon Ulrich Hirsch aus Sachsenheim- Spielberg, der als ehemaliger Geschäftsführer des Gustav Adolf Werks der württembergischen Landeskirche vielfältige Beziehungen in die evangelischen slowenischen Gemeinden pflegt.

Alle Pfarrerinnen und Pfarrer der württembergischen Landeskirche treffen sich jährlich untergliedert nach den Dekanaten zu sogenannten Pfarrkonventen, um sich mehrere Tage einem bestimmten Thema zu widmen und die Kollegialität zu stärken.

Friedemann Wenzke